Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Aktion "Saubere Kinderstube" für kieslaichende Fische

21.09.2004


Viele Flüsse verschlammen immer mehr. Folge: Fische, die ihren Laich in sauberen Kies ablegen, finden kaum noch geeignete Laichplätze. Die Arbeitsgruppe Fischbiologie am Lehrstuhl für Tierhygiene am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München (Prof. Johann Bauer) sucht in dem interdisziplinären Forschungsprojekt "Fließgewässersedimente und lithophile Fische" nach Wegen aus diesem Dilemma.


90 Prozent der kieslaichenden (lithophilen) Fische stehen auf der Roten Liste, darunter Bachforelle, Äsche, Huchen, Lachs, Barbe und Nase. Viele Fließgewässer bieten ihnen nur ungenügende Laichsubstrate, weil ehemals kiesige Gewässersohlen mit Feinmaterial verfüllt oder überlagert sind. In einigen Flussabschnitten können sich die Tiere nicht mehr so ausreichend fortpflanzen, dass die Bestände erhalten bleiben. Die TUM-Wissenschaftler wollen nun Wege finden, wie man die Verschlammung der Fließgewässer verringern und ausreichende Laichbedingungen für lithophile Fische schaffen kann. An dem vom Landesfischereiverband Bayern finanzierten Projekt sind neben der Arbeitsgruppe Fischbiologie auch die Lehrstühle für Landschaftsökologie (Prof. Ludwig Trepl) und für Wasserbau und Wasserwirtschaft (Prof. Theodor Strobl) beteiligt.

Kiesige Substrate, also solche mit Körnungen über 2 mm, bilden in den Ober- und Mittelläufen (Rithral und Epipotamal) der Flüsse den Hauptteil des Sohlmaterials. Die Fische haben sich auf diese Situation eingestellt; fast alle Flussfische des Rithrals und Epipotamals sind Kieslaicher. Genauer gesagt, nutzen sie die wasserdurchflossenen Zwischenräume des Kieses zur Fortpflanzung. Hier entwickeln sich ihre Eier, hier finden ihre Larven Schutz und nehmen erste Nahrung auf - vorausgesetzt, es gibt genügend Sauerstoff, und das ist nur der Fall, wenn die Kieslücken nicht mit Schlamm verstopft sind. Bereits 15 Prozent Feinmaterial (Trockengewichtsanteil) unter 0,85 mm Korndurchmesser können ein Kiessediment für eine erfolgreiche Fortpflanzung der Fische untauglich machen.


Eine solche Verschlammung ist mittlerweile in vielen Fließgewässern zu beobachten, denn einerseits werden durch eine veränderte Landnutzung mehr Schwebstoffe eingetragen, andererseits lagern sich die Feinsedimente verstärkt in Staubereichen ab, und durch die Gewässerregulierung herrscht Mangel an dynamischem Geschiebe. Zwar ist die großflächige Ablagerung feinster Teilchen typisch für den Feststoffhaushalt in Fließgewässern, findet natürlicherweise aber hauptsächlich in den Unter- und nicht in den Oberläufen statt. Vor dem Hintergrund dieser Problematik stellen sich folgende Fragen: Welche Ansprüche stellen Kieslaicher an ihre Laichplätze, und wie wirkt sich die Verschlammung auf diese Fische aus? Wie kann man einerseits den Eintrag von Feinsediment verringern und andererseits die Ablagerung so steuern, dass ausreichende Kiesbereiche mit Laichplatzqualitäten in Fließgewässern entstehen? Wie wirken sich solche Maßnahmen auf die Fischbestände aus?

Um die Folgen der Verschlammung auf die kieslaichenden Arten und deren Ansprüche zu klären, untersuchen die Wissenschaftler unverschlammte Laichplätze. So erkennen sie, welche Sedimentbedingungen den Fischen genügen. Darüber hinaus erhalten sie eine Art Bestandsaufnahme der aktuellen Reproduktionssituation der Fische, anhand derer sie Gewässersohlen kartieren, bewerten und miteinander vergleichen können. In einem weiteren Arbeitsschritt vergleichen sie Gewässerabschnitte mit stark unterschiedlichen Sedimentqualitäten hinsichtlich der einwirkenden hydraulischen Bedingungen und des Einzugsgebiets. Damit wollen sie die Ursachen der Verschlammung eingrenzen.

Wie kann man für ausreichende Kieslaichplätze in den Gewässern sorgen? Der Eintrag von Schwebstoffen wird - zumindest in den nächsten Jahren - kaum nennenswert zurückgehen. Eine Lösung könnte vielmehr darin liegen, die Gewässerstruktur so zu beeinflussen, dass zumindest einzelne Bereiche mit ausreichender Strömungsdynamik entstehen, die wiederum ein ausreichendes Kiessubstrat schafft. Dazu werden an ausgewählten Gewässerabschnitten flussbauliche Maßnahmen durchgeführt - die Strömung soll konzentriert und insbesondere der Geschiebehaushalt kontrolliert werden. In den nächsten zwei Jahren werden die Forscher die Auswirkungen dieser Sanierungsmaßnahmen auf die Populationen kieslaichender Fische beobachten und analysieren.

Kontakt:
TU München
Lehrstuhl für Tierhygiene
Dipl.-Ing. Ulrich Pulg
Tel.: 08161/715982
pulg@wzw.tum.de

Dieter Heinrichsen M.A. | idw
Weitere Informationen:
http://www.tum.de

Weitere Berichte zu: Fließgewässer Laichplätze Verschlammung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Wie gefährlich ist Reifenabrieb?
19.02.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Verbreitung von Fischeiern durch Wasservögel – nur ein Mythos?
19.02.2018 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics