Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hasenjagd im Dienst der Wissenschaft

05.04.2004


Wissenschaftler des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung suchen nach Ursachen für den Rückgang der Hasenpopulation


Ein slowakischer Fänger befreit den Hasen aus dem Netz. Rechts im Bild Dr. Christian Voigt vom IZW. Foto: Zens/FVB



Der Hase schreit. Seine Stimme ist verblüffend laut, sie dringt durch Mark und Bein. Doch davon können sich die Wissenschaftler nicht stören lassen. Mit angespannter Miene, aber doch routiniert, legen sie dem gefangenen Wildtier ein Halsband um. Daran befestigt ist ein winziger Funksender. Die Aktion muss rasch gehen, denn der Stress für den Hasen soll so gering wie möglich gehalten werden. Zusammen mit der Biologin Sarah Fuchs, die ein Forschungsprojekt nahe des Naturschutzhofes Brodowin (Brandenburg) betreut, wollen die Experten des Berliner Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) mehr über die Lebensgewohnheiten von Feldhasen herausfinden. Das Projekt wird vom Bundesamt für Naturschutz gefördert.

... mehr zu:
»Feldhasen »Hasen »IZW »Zoo


An jenem sonnig-kalten Herbsttag steht also Hasenjagd auf dem Programm. Gemeinsam mit erfahrenen Fängern aus der Slowakei machen sich Sarah Fuchs, Ulrike Peschel, Dr. Christian Voigt und weitere Helfer auf die Suche nach Hasen. Zuvor haben sie ein großes Areal mit Netzen abgesteckt, die aussehen wie Schneefangzäune am Straßenrand. Ziel ist es, die Hasen aufzuscheuchen und ins Netz zu treiben. Dort verheddern sich die Tiere, können dann eingefangen und mit einem Sender versehen werden. So weit die Theorie.

Die Praxis zeigt dann, wie mühsam das Unterfangen ist. Stunden vergehen mit in die Hände klatschen, durch Gestrüpp stapfen und "ho-ho-ho"-Gebrüll, ohne dass auch nur ein Hase zu sehen ist. Die Schuhe sind durchnässt, an den Hosen und Jacken hängen Kletten, in den Haaren auch. Plötzlich, beim Weg übers freie Feld, schreit einer der Forscher "Hase!" Das flinke Tier wird ins Netz getrieben und "besendert".

Ein Vorgang, der sich so oder ähnlich wiederholt in einer Woche abspielt. Seitdem die Hasen mit Halsbändern und Sendern versehen wurden, wird ihr Aktionsgebiet regelmäßig von Wissenschaftler des IZW verfolgt. Zweimal jede Woche suchen sie nach den Tieren, einmal im Monat auch nachts. Die ganze Aktion ist mit den örtlichen Jägern abgestimmt. Mit der Richtfunkantenne in der Hand machen sich Ulrike Peschel und ihre Kollegen eine Stunde vor Sonnenuntergang auf den Weg; ein Piepsen verrät ihnen, in welcher Richtung der Hase sitzt. Ohne dem Hasen zu nahe zu kommen und ihn damit zu stören, kann so sein Standort mit zwei oder drei Peilungen bestimmt werden. Die Sender haben jeweils unterschiedliche Frequenzen, so dass die Wissenschaftler genau wissen, welcher Hase gerade funkt.

Gibt es bereits erste Ergebnisse? "Was mich überrascht hat", sagt Ulrike Peschel, "das sind die ,Waldhasen’". Normalerweise sitzen die Tiere tagsüber im Gras verborgen an Feldrainen, Böschungen oder in Feldern; nicht umsonst heißen sie Feldhasen. Manche aber ziehen es vor, im Wald zu ruhen. Zum Fressen jedoch treten auch die "Waldhasen" auf Offenflächen heraus. Meist seien die Hasen nicht allein an den Fressplätzen, erzählt die IZW-Wissenschaftlerin. Und dann gibt es noch ein trauriges Ergebnis: "Eines der Tiere ist von einem Zug überfahren worden", sagt Peschel. Es ist an sich nicht ungewöhnlich, das Tier immer an der gleichen Stelle zu orten. Peschel: "Die Hasen haben ihre festen ,Sassen’." Da der Standort aber auch nachts, während der Aktivphase unverändert blieb, habe man sich dem Tier genähert - es lag tot neben den Gleisen. Verkehrsunfälle sind eine der häufigsten Todesursachen bei Hasen, was dieses traurige
Beispiel bestätigte.

Was erhoffen sich die Forscher von der Kooperation mit Sarah Fuchs? Dr. Christian Voigt vom IZW nennt mehrere Ziele: "Wir wollen mehr über das Reproduktionsverhalten der Hasen herausfinden, wir wollen ihre bevorzugten Aufenthaltsorte und ihre beliebtesten Lebensräume kennen lernen und wir wollen herausfinden, weshalb es in der Region immer weniger Feldhasen gibt."

Viele Vorstellungen gibt es dazu, aber keine ist schlüssig. So lässt sich etwa nicht eindeutig nachweisen, dass Tollwutimpfungen die Fuchspopulationen wachsen lassen und so durch erhöhten Feinddruck die Hasen dezimieren. Eben so wenig sind es allein die Agrochemikalien. Vielmehr vermuten die Experten ein ganzes Ursachengeflecht: Intensivierung der Landwirtschaft, Lebensraumveränderungen, Klimaeinflüsse und zunehmend dichter Straßenverkehr. Wie es um das Reproduktionsverhalten bestellt ist, werden die Wissenschaftler dieser Tage herausfinden. Denn jetzt sind schon die ersten Jungen da.

Dieser Text ist auch in der aktuellen Ausgabe des Verbundjournals veröffentlicht. Das Verbundjournal ist die Zeitschrift des Forschungsverbundes Berlin und kann als PDF-Datei aus dem Internet heruntergeladen werden.

Ansprechpartner:
Tierärztin Ulrike Peschel 030 / 5168-701
Dr. Christian Voigt 030 / 5168-609
Mail: voigt@izw-berlin.de
Institut für Zoo- und Wildtierforschung
Alfred-Kowalke-Str. 17, 10315 Berlin

Das IZW forscht in den Bereichen Evolutionsbiologie und -ökologie, Wildtiermedizin sowie Reproduktionsbiologie. Die Experten untersuchen Säugetiere und Vögel in ihren Wechselbeziehungen mit Mensch und biotischer wie abiotischer Umwelt (Biotop, Nahrung, Krankheitserreger und Beutegreifer). Hauptziel ist die Erforschung der Anpassungsleistungen und -grenzen größerer Wildtiere und ihrer Rolle in naturnahen und kulturnahen Ökosystemen. Schwerpunktregionen sind Mitteleuropa, Ostasien, Ost- und südliches Afrika. Das Institut legt besonderen Wert auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Biologen und Veterinärmedizinern und setzt seine Forschungsziele durch Kooperationsprojekte mit Schutzgebieten und Zoos in Europa, Afrika und Nordamerika um. Das IZW gehört zum Forschungsverbund Berlin. Es hat knapp hundert Mitarbeiter und einen Etat von mehr als vier Millionen Euro.

Der Forschungsverbund Berlin e.V. (FVB) ist Träger von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Forschungsinstituten in Berlin, die alle wissenschaftlich eigenständig sind, aber im Rahmen einer einheitlichen Rechtspersönlichkeit gemeinsame Interessen wahrnehmen. Alle Institute des FVB gehören zur Leibniz-Gemeinschaft.

Josef Zens | FV Berlin
Weitere Informationen:
http://www.fv-berlin.de/zeitung/verbund57.pdf
http://www.fv-berlin.de/news04/2004-13-hasenjagd.htm

Weitere Berichte zu: Feldhasen Hasen IZW Zoo

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Müll in den Weltmeeren überall präsent: 1220 Arten betroffen
23.03.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Internationales Netzwerk bündelt experimentelle Forschung in europäischen Gewässern
21.03.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise