Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Langzeitstudie zur Populationsdynamik der großen Raubmöwe

17.02.2004


Ökologin der Universität Jena an "Nature"-Publikation zur Auswirkung von Fangstopps beteiligt


Fischer machen mehr Beute, als ihnen bewusst ist. Denn ihre Fangmenge beeinflusst auch das Fressverhalten der Seevögel. So hat sich beispielsweise die Große Raubmöwe - auch Skua genannt - darauf eingestellt, einen Teil ihrer Nahrung direkt bei den Fischfangschiffen "abzuholen". Dort werden zu kleine oder unbrauchbare Fische als "Beifang" direkt ins Meer zurückgeworfen. Diese vom Menschen "servierten" Fische haben die Raubmöwen als leichte Beute ausgemacht und als festen Bestandteil auf ihren Speiseplan gesetzt. "Skuas sind Generalisten, sie fressen fast alles", erläutert Simone Pfeiffer vom Institut für Ökologie der Universität Jena. Die Großen Raubmöwen haben ihr Fressverhalten so an die langjährige Fischereipraxis angepasst, dass "selbst gefangener" Fisch und kleinere Seevögel nur noch die Nahrung aus dem Beifang ergänzen.

Wenn sich nun jedoch die Menge des menschlichen Fischfangs - und damit des Beifangs - verändert, hat dies auch Auswirkungen auf die Populationen der Seevögel. Dies konnte jetzt in einer internationalen Langzeitstudie nachgewiesen werden, die unter Federführung von Prof. Dr. Robert W. Furness von der Universität Glasgow (GB) lief. Die Ergebnisse sind in der am Donnerstag (19.02.) erscheinenden Ausgabe der international renommierten Fachzeitschrift "Nature" nachzulesen.


Ausgangspunkt für den Artikel war der Vorschlag des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) vom 20. Oktober 2003, in der Nordsee vorübergehend den Kabeljau-Fang einzustellen. Der Rat wollte mit seiner Entscheidung natürlich den Fischbestand schützen und so in Zukunft weitere Fischerei möglich machen. Doch das Wissenschaftlerteam konnte aufgrund langjähriger Datensammlungen nachweisen, dass ein solches absolutes Fangverbot drastische Auswirkungen auf den Bestand mancher Seevogelarten haben wird. Denn die großen Vögel, wie die Skuas, weichen dann auf andere Nahrungsquellen wie kleinere Seevögel aus. "Wenn die Nahrung der Skuas nur um 5 % mehr Seevögel enthält, bedeutet dies, dass ca. 2.000 Dreizehenmöwen sterben müssen, die dann von den Skuas gefressen werden", macht es Ko-Autorin Simone Pfeiffer an einem Beispiel deutlich. "Eine Seevogelgemeinschaft kann also durch das Fischereimanagement gestört werden", sagt die 29-jährige Jenaerin. Der absolute Schutz der Fische würde also den Rückgang anderer Tierarten nach sich ziehen. Um schützenswerte Vögel - zu denen z. B. auch Eissturmvogel, Papageientaucher und Trottellumme gehören - nicht mit Vorsatz auf den Speiseplan der Großen Raubmöwen zu pressen, sollten die Fischfangquoten nur langsam abgesenkt werden. "Eine Steuerung der Populationsgröße durch ein Verändern der Fangquote ist allerdings nicht möglich", ergänzt Pfeiffer, da zu viele Faktoren einen Einfluss ausüben. Die "Nature"-Studie kann aber einen direkten Bezug zwischen Beifangverfügbarkeit und Nutzung durch Skuas belegen.

Grundlage dafür sind die Langzeitbeobachtungen, die britische und ausländische Forscher von 1986 bis 2002 auf der Insel Foula betrieben. Auf dem westlichsten Eiland der Shetland-Inseln brüten ca. 2.500 Skua-Paare. Damit ist es die größte Skua-Population weltweit. "Es gibt nur wenige so gut untersuchte Populationen von Seevögeln", weiß Simone Pfeiffer. Die Mitarbeiterin der Jenaer Arbeitsgruppe Polar- und Ornitho-Ökologie hat dort, dank der guten Kontakte des Arbeitsgruppenleiters Dr. Hans-Ulrich Peter, 1998 für drei Monate im Rahmen ihrer Diplomarbeit den Einfluss von Umweltfaktoren auf den Bruterfolg bei Skuas untersucht. Teil der Arbeit war eine Sammlung und Analyse von "Gewöllen" der Skuas. Das ist der unverdaute Teil der Nahrung, den der Vogel regelmäßig wieder ausspuckt. Mit Hilfe der Gewölle konnte Pfeiffer die Zusammensetzung der Skua-Nahrung analysieren. Diese Daten flossen in den aktuellen Nature-Artikel ein und wurden von dem Wissenschaftlerteam in Bezug zum Beifang gesetzt.

"Nur dank solcher Langzeitstudien zur Populationsdynamik lassen sich die weitreichenden Beziehungen im marinen Nahrungsnetz und damit die unmittelbare Verbindung zum Menschen als Nutzer des Fischbestandes entschlüsseln", plädiert Pfeiffer für die Fortführung dieser intensiven Projekte. In ein solches ist die Jenaerin auch derzeit eingebunden. Sie promoviert in der Arbeitsgruppe von Dr. Peter über Auswirkungen menschlicher Aktivitäten in der Antarktis. Und auch hier lautet die These, dass der menschliche Einfluss wesentlich weitergeht, als uns meistens bewusst ist.

Kontakt:

Simone Pfeiffer
Institut für Ökologie der Universität Jena
Dornburger Str. 159, 07743 Jena
Tel.: 03641-949427
E-Mail: Simone.Pfeiffer@uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Auswirkung Langzeitstudie Nahrung Seevögel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Eisenmangel hemmt marine Mikroorganismen
19.05.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Wie verändert der Verlust von Arten die Ökosysteme?
18.05.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

WHZ erhält hochmodernen Prüfkomplex für Schraubenverbindungen

23.05.2017 | Maschinenbau

«Schwangere» Stubenfliegenmännchen zeigen Evolution der Geschlechtsbestimmung

23.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Tumult im trägen Elektronen-Dasein

23.05.2017 | Physik Astronomie