Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Leiden Seesterne und Scampi unter Traumata?

09.10.2003


Die vorläufigen Ergebnisse eines vor kurzem abgeschlossenen EU-Projekts liefern einige Hinweise darauf, welche Folgen die Garnelenfischerei mit Schleppnetzen für den Rückgang der Bestände und die Ökosysteme besitzt.



Die portugiesische Untersuchung über "Lebensfähigkeit und Zustand von zurückgeworfenen Wirbellosen in der Garnelenfischerei" wurde mit EU-Mitteln in Höhe von knapp 28.000 Euro aus dem Teilprogramm "Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung" (EESD) des Fünften Rahmenprogramms (RP5) gefördert.



Obwohl ihr Anteil an den weltweit gefangenen Fischen und Meeresfrüchten weniger als zwei Prozent beträgt, ist die Garnelenfischerei Schätzungen zufolge für ein Drittel der Rückwürfe verantwortlich. Fisch und andere Meerestiere, die unverkäuflich erscheinen, verenden entweder an Deck oder werden ins Meer zurückgeworfen. Über die Verletzungen und die Überlebensfähigkeit dieser Rückwürfe ist kaum etwas bekannt.

Wie der Forschungsleiter des Projekts Dr. Robert Harris, ein Marie-Curie-Stipendiat, gegenüber CORDIS-Nachrichten erläuterte, bestand die Hauptaufgabe des Projekts in der Untersuchung der kurzfristigen Überlebensrate und langfristigen Lebensfähigkeit von Schwimmkrabben, jungen Scampi (oder Kaisergranate), Seesternen und anderen Krebstieren, die in Garnelennetzen gefangen werden, aber als Beifang zurückgeworfen werden. "Insbesondere haben wir uns für das Schicksal der Rückwürfe der Garnelenfischerei vor der Südküste Portugals interessiert, denn dort wird mitunter über sehr lange Zeit in großen Tiefen mit dem Schleppnetz gefischt", so Dr. Harris.

Das Wissenschaftlerteam begleitete über einen Zeitraum von sechs Monaten kommerzielle Trawler vor der Küste der Algarve in Portugal und untersuchte den Beifang, der aus Wassertiefen von bis zu 700 Meter stammte. "Um die kurzfristige Überlebensrate in unseren Experimenten festzustellen, behandelten wir die Krebstiere so, wie dies in der Schleppnetzfischerei Praxis ist", erklärte Dr. Harris. "Das hieß, dass das Schleppnetz 90 Minuten lang an Deck lag, denn so lange dauert es normalerweise, bis der Fang sortiert ist und der Beifang zurückgeworfen wird."

Zur Untersuchung der Überlebensrate legte das Team daher eine Standardzeit von 90 Minuten zugrunde. Die Forscher stellten fest, dass in dieser Zeit je nach Art 40 bis 50 Prozent des Beifangs an Deck verenden. "Die Tiefseearten sind weit empfindlicher als Tiere in flachen Gewässern, daher ist es für sie tödlich, wenn sie längere Zeit geschleppt und Luft und Hitze ausgesetzt sind."

Die überlebenden werden im Allgemeinen zusammen mit den inzwischen verendeten Krebstieren ins Meer zurückgeworfen. Um festzustellen, wie viele der Rückwürfe im Meer überleben, ahmten Dr. Harris und sein Team die Bedingungen des Meeres nach, indem sie die Krebstiere in abgedunkelte Meerwasser-Aquarien mit ähnlichen Wassertemperaturen wie am Meeresboden setzten. "Wir begnügten uns nicht damit, die Krebstiere auf Lebenszeichen zu untersuchen", so Dr. Harris. "Wir untersuchten zehn Tage lang ihre Reaktion auf mechanische Reize und ihre Flucht- und Verteidigungsfähigkeit."

Darüber hinaus wurden den Krebstieren an Deck und in den Aquarien Blutproben entnommen, um die physiologischen Stressniveaus im Wasser und an der Luft zu vergleichen und zu sehen, ob die Tiere sich erholen. Obwohl manche Krebstiere auf Reize schnell reagierten, stellte das Team fest, dass dennoch ein hoher Anteil - zwischen 50 und 60 Prozent - verendete und die Todesrate nach fünf Tagen je nach Art auf bis zu 90 Prozent stieg. "Aus unseren Ergebnissen folgt, dass die Krebstiere zwar lebendig zurückgeworfen werden, aber dennoch verletzt sind und eigentlich einen langsamen Tod sterben", sagte Dr. Harris. "Sie dienen nur noch als Fischfutter."

Die Ergebnisse des Projekts zeigen, welch schädliche Folgen die Schleppnetzfischerei für die biologische Vielfalt im Meer hat. Laut Dr. Harris sterben die meisten empfindlichen Arten in Gebieten, die intensiv mit Schleppnetzen befischt werden, aus, während robuste Aasfresser immer zahlreicher werden. Um die biologische Vielfalt der Weltmeere zu sichern, müssten sich die Praktiken in der Schleppnetzfischerei ändern. "Man sollte sich intensiver damit befassen, wie mit dem Fisch umgegangen wird", erläuterte er. "Es gibt Vorschläge, die Zeit, die die Tiere auf Deck liegen, zu verkürzen, den Fisch an Deck mit Meerwasser zu benetzen, damit er feucht und kühl bleibt, oder die Selektivität von Schleppnetzen zu verbessern, damit der Beifang entweichen kann." Dr. Harris schließt aus seiner Forschungsarbeit, dass es sich lohnen würde festzustellen, ob die Überlebensraten steigen, wenn diese Methoden angewendet würden.

| cn
Weitere Informationen:
http://dbs.cordis.lu/cgi-bin/srchidadb?CALLER=NHP_DE_NEWS&ACTION=D&SESSION=&RCN=EN_RCN_ID:21012&TBL=DE_NEWS

Weitere Berichte zu: Beifang Garnelenfischerei Krebstiere Schleppnetz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Von der Weser bis zur Nordsee: PLAWES erforscht Mikroplastik-Kontaminationen in Ökosystemen
20.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Der Monsun und die Treibhausgase
18.09.2017 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie