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Vietnam bald Vorreiter für Nährstoffrecycling?

15.04.2003


Gutes Wasser ist teuer in Vietnam - und Dünger auch. Dank eines Forschungsprojekts unter Federführung der Universität Bonn könnte sich das bald ändern. Mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wollen Wissenschaftler menschliche und tierische Abfallprodukte, die bislang das Wasser belasten, mit Hilfe verschiedener Technologien sammeln und für die Landwirtschaft nutzbar machen - wie etwa Urin.



Dieser "neue" Dünger ist recht und billig, denn auch die Wasserqualität würde sich deutlich verbessern. Das Projekt vereint verschiedene Institute der Universitäten Bonn, Bochum, Can Tho und der Privatwirtschaft zu einer interdisziplinären Gruppe von Agrarwissenschaftlern, Hygienikern, Soziologen und Ingenieuren. Ihre Ergebnisse zum Thema Nährstoffrückführung werden auch für die deutsche Land- und Abwasserwirtschaft von Bedeutung sein.



Vietnam ist einer der größten Reis-Exporteure der Welt. Am südlichsten Zipfel des Landes, nahe dem ehemaligen Saigon, liegt ein Grund dafür: Das Mekong-Delta, wo der gleichnamige Fluss ins südchinesische Meer mündet. Das Delta ist fruchtbar, aber die Hälfte der Anbauflächen für Reis und Gemüse ist durch einen hohen Schwefel- und Salzgehalt aus dem Meer belastet. "Das Ertragsniveau kann durch den Einsatz organischen Düngers wesentlich gesteigert werden", glaubt Prof. Dr. Mathias Becker vom Institut für Pflanzenernährung der Universität Bonn. Mit seinen Kollegen wird er künftig in der Umgebung der am Delta gelegenen Stadt Can Tho arbeiten. Die Forscher suchen nach Alternativen zum teuren Mineraldünger, den die vietnamesischen Bauern vom Nachbarland China kaufen. In Freiland- und Laborversuchen soll dieser mit verfügbaren Substraten aus Abfall- und Abwasser-Entsorgung verglichen werden. Zu diesen organischen Düngern gehört auch Urin, der unter anderem eine hervorragende Stickstoffquelle ist. Neben wertvollen Nährstoffen enthält er zwar auch andere Stoffe wie Antibiotika und Hormone, die im menschlichen und tierischen Körper enthalten sind oder ihm zugeführt werden. Wird Urin jedoch entsprechend behandelt oder einige Zeit gelagert, können diese z.T. abgebaut werden.

Dreckiges Wasser und verschwendeter Dünger

Am Modell des Mekong Deltas sollen auch für andere Standorte Fragen der Gewinnung und Nutzung von organischem Dünger geklärt werden. Hier kann ein Rohstoff durch dezentrale Abwassersysteme vor Ort gesammelt und eingesetzt werden, der in modernen Kläranlagen mit all seinen Nährstoffen eliminiert wird. Denn in Vietnam gibt es nur wenige zentrale Kläranlagen; am Delta ist der Fluss die gebräuchlichste. Das durch organische Abfallprodukte verunreinigte Wasser sickert von der Oberfläche durch eine durchlässige Gesteinsschicht und wird als gereinigtes Grundwasser durch Brunnen wieder zugänglich. Jedoch ist dieses Wasser nicht immer trinkbar: Überschwemmungen fluten jedes Jahr weite Teile des Landes, das etwa die Fläche Deutschlands hat. Dabei gelangt verunreinigtes Wasser in die Brunnen. Insgesamt hat im Mekong Delta so nur etwa ein Drittel der Bevölkerung Zugang zu behandeltem, damit unbedenklichem Trinkwasser, das von den wenigen Wasseraufbereitungsanlagen größerer Städte stammt. Besonders Bewohner entlegener Gebiete haben meist keinen Zugang zu dem aufbereiteten Wasser; die Infrastruktur für eine Verbindung zu den Anlagen fehlt, und die Anschlusskosten wären hoch. Dort trinkt nur einer von neun gesundheitlich unbedenkliches Wasser.

Weniger aufwändig und ökologisch sinnvoll

Gerade in diesen Haushalten können daher dezentrale Abwasser- und Wasserversorgungssysteme nicht nur für nötigen Dünger sorgen, sondern auch Zugang zu gutem Trinkwasser gewährleisten; denn eine dezentrale Anlage ist weniger teuer und aufwändig als eine zentrale Kläranlage und dabei ökologisch sinnvoll. Die Perspektiven des Systems bringen den Koordinator des Projekts Dr. Joachim Clemens, Prof. Dr. Becker und ihre Kollegen in die ländliche Umgebung des Deltas, wo sie in den folgenden knapp zwei Jahren die Grundlagen für das neue System untersuchen werden. Vor Ort ist jeder Aspekt des Wasser- und Nährstoff-Flusses von der Umwelt in den Haushalt und vom Haushalt in die Umwelt, sowie die Zusammenarbeit mit Partnern aus Wirtschaft und Politik Thema einer Arbeitsgruppe. In dem etwa 25-köpfigen Team arbeiten daher neben Agrarökologen, Ingenieuren, Hygiene-Fachleuten auch Wirtschaftssoziologen, die beleuchten, wie bisher mit Wasser umgegangen wird; das Forscherteam muss beurteilen können, wie unter Berücksichtigung bereits bestehender Strukturen und Technologien neue Systeme von der Bevölkerung angenommen werden. Dazu gehören zum Beispiel die überschwemmungssichere Aufbewahrung von Regenwasser, das später den Trinkwasserbedarf decken kann. Und bei der Abwasserentsorgung erproben die Forscher verschiedene Technologien, um Feststoffe in Fäkalien von Urin und Biogas zu trennen.

Die sogenannte Separationstoilette ist eine dieser Technologien und auch in Deutschland schon in Betrieb. Sie "unterscheidet" - mit zwei Löchern, anstatt einem - zwischen flüssigen und festen Ausscheidungen. Beim Besuch des Projekts Lambertsmühle in Burscheid kann man diesen Teil eines intelligenten Nährstoffrecyclings besichtigen. Dort untersucht das Institut für Pflanzenernährung zusammen mit anderen Partnern Filterungsmethoden für Abwasser und verschiedene "analytische" Toiletten.

Ansprechpartner:

Privatdozent Dr. Joachim Clemens
Institut für Pflanzenernährung in den Tropen und Subtropen
Telefon: 0228 - 73-2150
E-Mail: a.clemens@uni-bonn.de

Dr. Andreas Archut | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

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