Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Prozesskontrolle und Qualitätsmanagement für sicheres Trinkwasser

02.04.2003


Trinkwasser-Leitlinien der WHO werden novelliert


Woran erkennen wir, ob unser Trinkwasser sicher ist? In der Europäischen Union (EU) orientiert sich die Gesetzgebung am fertigen Produkt "Trinkwasser". Um die Sicherheit des Trinkwassers festzustellen und zu überwachen, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Leitlinien für eine Reihe von Stoffen und Indikatoren für Krankheitserreger entwickelt, die im Wasser vorkommen können. Die EU setzte auf dieser Basis Grenzwerte fest, die die Mitgliedstaaten in nationales Recht umsetzen müssen. Auch die deutsche Trinkwasserverordnung (TrinkwV 2001) nennt Grenzwerte, die nicht überschritten werden dürfen, und stellt technische Anforderungen. Das allein reicht jedoch nach Ansicht des Umweltbundesamtes (UBA) nicht aus. Einträge von Stoffen oder Krankheitserregern in Trinkwasser-Versorgungssysteme geschehen am ehesten plötzlich unter stark veränderten Bedingungen, wie zum Beispiel bei ergiebigen Niederschlägen. Die Analysen sind oft langwierig. Viele Ergebnisse liegen erst nach Stunden oder gar Tagen vor. Das plötzlich belastete Wasser wäre dann schon bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Deshalb sind die Vorsorge und Vermeidungsstrategien besonders wichtig. Die deutsche TrinkwV 2001 geht daher noch einen Schritt weiter als die EU und verlangt die Einhaltung der "Allgemein anerkannten Regeln der Technik" für alle Schritte der Trinkwasserversorgung.

Die WHO hat das Problem ebenfalls erkannt und stellt bei ihrer aktuellen Revision der Trinkwasser-Leitlinien die Prozesskontrolle und das Qualitätsmanagement in den Vordergrund. Damit werden durch eine maßgeschneiderte Systemanalyse vom Einzugsgebiet bis zum Wasserhahn alle Stufen einer Trinkwasserversorgung erfasst. Dabei geraten sowohl die Gefahren, die auftreten können (zum Beispiel durch Verunreinigungen im Einzugsgebiet oder im Verteilungsnetz), als auch die Orte, an denen sie beherrscht werden können (zum Beispiel: Trinkwasser-Schutzgebiete, Trinkwasseraufbereitung, Rohrnetzpflege) ins Visier.


Besonders kritische Punkte werden verstärkt überwacht. Zeigt sich zum Beispiel durch die Düngemittelausbringung eine Gefährdung durch Nitrat, so folgt daraus eine besonders stringente Überwachung des Düngereinsatzes. Teilweise müssen potenzielle Gefahren an mehreren Punkten reduziert werden. Dies entspricht dem in Deutschland schon lange praktizierten Multibarrierenprinzip: Besteht zum Beispiel durch den Eintrag von Cryptosporidien (einer Parasiten-Art) aus Ausscheidungen von Vieh und Wildtieren eine Gefahr, so kann ein wichtiger Punkt zu ihrer Beherrschung die Kontrolle der Vieh- und Wildtierbestände im Einzugsgebiet sein. Ein zweiter, ebenso wichtiger Punkt im System wäre die Filtration im Wasserwerk zur Entfernung der Patikel.

In der Lebensmittelhygiene ist dieser Ansatz zum Qualitätsmanagement bereits seit einigen Jahrzehnten unter dem Begriff "HACCP-Prinzip" - Hazard Analysis (Gefahrenanalyse) and Critical Control Points (kritische Steuerungspunkte) - bekannt. Erste Erfahrungen mit der Anwendung des Ansatzes auf Trinkwasser liegen in der Schweiz, Australien und Frankreich vor. Die WHO hat den HACCP-Ansatz für Trinkwasser weiter entwickelt zu den so genannten "Water Safety Plans" (Pläne für sicheres Trinkwasser).

Neben diesem grundlegend neuen Aspekt enthält der Entwurf der WHO-Trinkwasserleitlinien zahlreiche weitere Veränderungen, wie:

* eine klare und transparente Gestaltung der WHO-Leitwerte für einzelne Stoffe sowie der Kriterien für ihre Anwendung,

* eine Diskussion der Zielsetzungen in der Trinkwasserhygiene, sowie

* ein Kapitel zur Überwachung und Verifikation von Qualitätsmanagement-Systemen.

Dieser Entwurf steht im Internet unter der Adresse http://www.who.int/water_sanitation_health/GDWQ/Updating/3rdedition.htm zur Verfügung.
Sowohl die WHO als auch das UBA nehmen gern weitere Vorschläge aus der Fachwelt entgegen, um sie bei der abschließenden Diskussion der Trinkwasser-Leitlinien der WHO berücksichtigen zu können.

Pläne für sicheres Trinkwasser nach dem HACCP-Prinzip werden möglicherweise auch bei der nächsten Revision der EG-Trinkwasserrichtlinie aufgegriffen. Für Deutschland wird interessant, ob unsere "Allgemein anerkannten Regeln der Technik" diesem Ansatz bereits weitgehend gerecht werden, oder ob er nützliche Elemente enthält, die wir übernehmen sollten.

Ulrike Bauer | idw
Weitere Informationen:
http://www.who.int/water_sanitation_health/GDWQ/Updating/3rdedition.htm
http://www.umweltbundesamt.de/water-safety

Weitere Berichte zu: Einzugsgebiet Qualitätsmanagement Trinkwasser Who

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

ICTM Conference 2017: Production technology for turbomachine manufacturing of the future

16.11.2016 | Event News

Innovation Day Laser Technology – Laser Additive Manufacturing

01.11.2016 | Event News

#IC2S2: When Social Science meets Computer Science - GESIS will host the IC2S2 conference 2017

14.10.2016 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie