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Dicke Luft für die sächsische Wirtschaft: TU-Wissenschaftler zieht Konsequenzen aus Flutkatastrophe

22.10.2002


In Sachsen werden besonders der Tourismus sowie Land- und Forstwirtschaft unter den negativen Folgen des globalen Klimawandels zu leiden haben. Das prophezeit Dr. Dirk Rübbelke, Wirtschaftswissenschaftler an der TU Chemnitz.



Um dieser Entwicklung zu begegnen, fordert er auf Bundesebene eine Reform der Heizkostenverordnung, eine massive Senkung des Verbrauchs fossiler Energieträger und einen zügigen Umstieg in die Nutzung erneuerbarer Energien. Eine Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes um 30 Prozent förderten die ökonomische Entwicklung im Freistaat.



"Es muss heute davon ausgegangen werden, dass die mittlere Jahrestemperatur in Sachsen infolge einer Verdoppelung der atmosphärischen Kohlendioxid-Konzentration in den nächsten 50 Jahren um voraussichtlich 2,7 Grad Celsius steigen wird, wobei es im Frühjahr sogar um vier Grad Celsius wärmer werden kann", sagt Dr. Rübbelke, der seit diesem Wintersemester die Juniorprofessur für "Europäische Wirtschaft" innehat. "Dadurch wird sich die Vegetation und der Wasserhaushalt verändern, weil es in Zukunft weniger regnen wird." Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Chemnitzer Professur für Wirtschaftspolitik hat er in den letzten Jahren die ökonomischen Folgen des globalen Klimawandels analysiert und Ende des letzten Jahres seine Doktorarbeit vorgelegt, in der er sich auch mit dem sächsischen Klimaschutz beschäftigte. Vor allem im Erzgebirge und im Vogtland drohen seinen Erkenntnissen zufolge wirtschaftliche Einbußen: "Der stetige Anstieg der Temperaturen gefährdet die Wintersportgebiete des Freistaates", warnt Dr. Rübbelke.

Der wirtschaftliche Nutzen des Klimaschutzes überwiegt die Kosten

Dass die globale Erwärmung in erster Linie auf den Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid zurückzuführen ist, darüber herrscht heute Einigkeit. Damit dauerhaft eine Stabilisierung des Klimas erreicht wird, ist nach Überzeugung der Europäischen Kommission eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen um mindestens 70 Prozent im Verhältnis zu dem Niveau von 1990 vonnöten. Um herauszufinden, welche Folgen der Klimawandel allein für die wirtschaftliche Entwicklung haben könnte, hat Dr. Dirk Rübbelke gemeinsam mit Prof. Dr. Anil Markandya, Chefvolkswirt bei der Weltbank, in diesem Jahr eine Untersuchung in Großbritannien durchgeführt. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Allein aus ökonomischer Sicht ist umgehend eine Verringerung des Ausstoßes an Treibhausgasen um bis zu 30 Prozent dringend erforderlich. Und obwohl dafür schätzungsweise 1,1 bis 2,8 Prozent des Bruttoinlansproduktes aufgebracht werden müssten, rechnet sich dieses Vorhaben: "Bei einer Reduzierung der Treibhausgase um 30 Prozent überwiegt der wirtschaftliche Nutzen eindeutig die Kosten", so Dr. Rübbelke. Weil auf diese Weise deutlich weniger Luft verschmutzt werde und zudem neue Arbeitsplätze entstünden, seien weitere positive Effekte auch für die ökonomische Entwicklung zu erwarten.

Im Klimaschutzprogramm des Freistaates Sachsen werden als Hauptverursacher der Emissionen klimarelevanter Gase zum ersten die Energieerzeugung, zum zweiten der Verkehr und zum dritten die privaten Haushalte, hier insbesondere der Gebäudebestand, genannt. Nach Einschätzung des ersten Juniorprofessors der TU Chemnitz müssen aus sächsischer Sicht vor allem drei Vorhaben des Klimaschutzes zügig und deutschlandweit realisiert werden:

1. Steigerung von Energie-Effizienzen, vor allem durch Gebäude-Isolation:

Dr. Dirk Rübbelke: "Gerade in Sachsen erscheinen Effizienzsteigerungen im Baubereich eine attraktive Option, denn Sachsen besitzt von allen Bundesländern den größten Anteil an Wohnungen im Altbaubestand. Indem diese Gebäude effizient isoliert werden, fallen weniger Heizkosten an. Diese Heizkosteneinsparung kann in vielen Fällen sogar die Finanzierung der Gebäude-Umrüstung mehr als abdecken. Zudem sind positive Beschäftigungsimpulse für das Bau- und Ausbaugewerbe zu erwarten."

2. Förderung erneuerbarer Energien:

"Sachsen hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2010 mindestens fünf Prozent seines Endenergie-Verbrauchs durch erneuerbare Energien zu decken - vor zwei Jahren betrug dieser Anteil nur 1,2 Prozent. Durch die vermehrte Entwicklung und Vermarktung von Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien wird nicht nur die Treibhausgas-Konzentration gesenkt, es wird auch hier positive Beschäftigungseffekte geben."

3. Reform der Heizkostenverordnung:

"Die Berechnung der Heizkosten in Mietshäusern muss unbedingt stärker verbrauchsorientiert erfolgen. Dabei soll in Zukunft jeder Mieter in vollem Maße die Kosten seines eigenen Verbrauchs bezahlen und nicht mehr die Lasten auf weitere Mieter abwälzen können, wie das heute noch der Fall ist. Auf diese Weise wird die Verschwendung von Energie unattraktiver, im Gegensatz zahlt sich ein sparsamer Umgang mit Wärme endlich wirklich aus. Durch diese Reform ist zu erwarten, dass die gesamte Mietshaus-Gemeinschaft weniger Energie verbraucht und so der Geldbeutel aller Bewohner geschont wird. Diese einfache Lösung dürfte einen deutlich größeren Effekt haben als die Ökosteuer auf Heizöl."

"Eine umsichtige Wirtschaftspolitik versteht den Klimaschutz als Chance und nicht als Belastung", sagt Juniorprofessor Dr. Rübbelke. "Volkswirtschaftlich sind umgehende Maßnahmen zum Schutze des Klimas dringend anzuraten, um noch Schlimmeres zu vermeiden. Denn heute zahlen wir erst für die Umweltsünden der Vergangenheit - in Zukunft könnten wir für die noch größeren Umweltsünden der Gegenwart bestraft werden."

Informationen erteilt
Dr. Dirk Rübbelke
Telefon: 0371-5314212
E-mail: dirk.ruebbelke@wirtschaft.tu-chemnitz.de

Alexander Friebel | idw

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