Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Aufforstung ist kein Patentrezept für den Klimaschutz

10.11.2000


... mehr zu:
»Aufforstung »CO2 »Klimaschutz
Warum ist Aufforstung kein weltweites Patentrezept zum Schutz des Klimas, das Stehen lassen von Wäldern hingegen schon? Wälder der hohen nördlichen Breiten haben vermutlich eine andere Funktion im Klimasystem
als Wälder der tropischen und gemäßigten Breiten. Dies zeigt eine Studie von Martin Claussen, Victor Brovkin und Andrey Ganopolski, die im kommenden Monat in der Zeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlicht wird. Obwohl auch boreale Wälder der Atmosphäre CO2 entziehen, tragen sie nach den Modellrechnungen von Martin Claussen zur Erwärmung der Atmosphäre bei.

In den hohen nördlichen Breiten überwiegen in bezug auf das Klima die physikalischen Effekte gegenüber den chemischen. In den Tropen ist dies umgekehrt. Martin Claussen, Leiter der Abteilung Klimasystem am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, erklärt diesen Effekt so: "Die flache Tundravegetation ist im arktischen Frühling und Frühsommer von Schnee bedeckt und damit erheblich heller als die Wälder der Taiga. Die dunkleren Waldoberflächen absorbieren mehr Sonnenstrahlung. Dies hat eine Erwärmung der Luft zur Folge, die bei einer Ausdehnung der Wälder nach Norden stärker ins Gewicht fallen würde als die Fähigkeit der Wälder, der Atmosphäre das Treibhausgas CO2 zu entziehen. Eine künstliche Bewaldung in den hohen nördlichen Breiten könnte also zu einer Klimaerwärmung beitragen."

Generell trägt die Biosphäre mit ihrer Fähigkeit, CO2 zu speichern, zur Stabilisierung des Klimas bei. Derzeit werden jährlich schätzungsweise 2 Milliarden Tonnen Kohlenstoff zusätzlich in Wäldern und Böden gespeichert. Dies ist im wesentlichen auf die "Düngung" der Wälder durch den Anstieg von CO2 und Stickstoff in der Atmosphäre sowie die globale Erwärmung zurückzuführen. Auch bodenschonender Ackerbau und Aufforstung wirken sich positiv auf die CO2-Speicherbilanz der Biosphäre aus und dieses Potential sollte weiter ausgeschöpft werden. Die Speicherkapazität der Wälder ist jedoch begrenzt. Dies zeigen Berechnungen mit mehreren Vegetationsmodellen die Wolfgang Cramer vom PIK zusammen mit internationalen Kollegen durchführte. Den Berechnungen zufolge kann bereits in wenigen Jahrzehnten kein zusätzliches CO2 mehr von der Vegetation gespeichert werde. Zudem können sich Wälder durch Waldbrände oder Trockenstress schnell von einer CO2-Senke in eine CO2-Quelle verwandeln. Dies hängt mit der Eigenschaft der Pflanzen zusammen, beim Zerfall oder bei der Verbrennung CO2 an die Atmosphäre zurückzugeben.

Die Arbeiten von Claussen und Cramer zeigen, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Funktionsweise der unterschiedlichen Ökosysteme im Klimasystem noch lange nicht abgeschlossen sind. Es ist bisher nicht möglich, die natürliche Kohlenstoffbindung einzelner Staaten zu berechnen, wie es im Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz von 1997 vorgesehen ist. Sollte in der bevorstehenden 6. Vertragsstaatenkonferenz in Den Haag die Anrechnung von biologischen Senken nicht verhindert werden können, obwohl sie aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig und klimapolitisch ein Risiko ist, sind nach Meinung von Wolfgang Cramer extrem strenge Regeln bei der Anrechnung von Senken nötig. "Mit diesen Regeln muss vermieden werden, dass Primärwälder abgeholzt werden, nur um dann als Plantagen wieder aufgeforstet zu werden."

Der einzig vernünftige Klimaschutz hinsichtlich der Biosphäre besteht nach Ansicht der PIK-Wissenschaftler darin, Wälder erst gar nicht abzuholzen. Der Raubbau an tropischen und sibirischen Wäldern durch den Menschen ist zur Zeit für schätzungsweise 20 % der klimaerwärmenden Emissionen verantwortlich. Die Arbeiten von Wolfgang Cramer und seinen Kollegen zeigen auch, warum man bei der Rodung und anschließenden Aufforstung keine anrechenbare Leistung für den Klimaschutz erzielt: Nicht nur die oberirdischen Pflanzenteile würden Kohlenstoff speichern, sondern auch die Wurzeln in den Böden. Über die langsame Zersetzung der Wurzelmasse werde auch bei einer Neuanpflanzung immer noch CO2 freigesetzt. Durch jeden gerodeten Wald gehe ein Teil eines hochleistungsfähigen Kohlenstoffspeichers verloren.


Weitere wissenschaftliche Informationen erhalten Sie von:

Prof. Dr. Wolfgang Cramer
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Tel.: 0331 288 2521
Wolfgang.Cramer@pik-potsdam.de

http://www.pik-potsdam.de/~cramer

Prof. Martin Claussen
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Tel.: 0331 288 2522 / 030 838 711 03
Martin.Claussen@pik-potsdam.de

Hinweis für Journalisten:

Honorarfreier Abdruck erlaubt, Belegexemplar erwünscht.


Allgemeine Informationen erhalten Sie von der Pressestelle:

Margret Boysen
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Tel. 0331 288 25 07
info@pik-potsdam.de

Pressemitteilungen werden auch auf der Webseite des Instituts unter What´s new? veröffentlicht.

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Margret Boysen | idw

Weitere Berichte zu: Aufforstung CO2 Klimaschutz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Vogelmonitoring leicht gemacht: Erfassung der Brutvögel wird digitalisiert
22.01.2018 | Bundesamt für Naturschutz

nachricht Versauerung: Wie der Klimawandel die Süßgewässer belastet
12.01.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungen

Transferkonferenz Digitalisierung und Innovation

22.01.2018 | Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
Weitere B2B-VideoLinks
Aktuelle Beiträge

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Forschungsteam schafft neue Möglichkeiten für Medizin und Materialwissenschaft

22.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Ein Haus mit zwei Gesichtern

22.01.2018 | Architektur Bauwesen