Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Beobachtungsplattform Meeresschildkröte

18.08.2011
Neues Forschungsprojekt am IFM-GEOMAR

Im Rahmen eines neuen, interdisziplinären Forschungsprojektes untersuchen Meeresforscher des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) die Wanderungen der weltweit drittgrößten Population der gefährdeten Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) sowie die Mechanismen und Genetik ihrer Fortpflanzung.


Eine mit einem Sender bestückte Unechte Karettschildkröte auf dem Rückweg ins Meer.
Foto: C. Eizaguirre, IFM-GEOMAR.

Durch die Nutzung von Sendern und Satellitenkommunikation wollen die Wissenschaftler einige Schildkröten verfolgen. Zusätzlich können Messsensoren weitere physikalische und chemische Größen über mehrere Monate zu messen. Die ersten Experimente haben in den vergangenen Wochen begonnen, rechtzeitig vor Beginn der Fortpflanzungsperiode im Herbst.

Die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) gehört zu den weltweit gefährdeten Arten (IUCN Rote Liste). Sie sind durch Fischerei, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Tourismus und Jagd bedroht.

Die Population auf den Kapverden ist die drittgrößte weltweit. Trotz intensiver Schutzanstrengungen ist die Jagd auf die Schildkröten ist hier immer noch ein ernstes Problem. Allein im Jahr 2007 wurden auf der Insel Boavista etwa 1150 weibliche Tiere getötet, als sie auf dem Weg zur Eiablage waren. Dies entspricht etwa 15-30% Nistpopulation der auf den Kapverden lebenden Schildkröten aus. Für das Fleisch eines Tieres werden etwa 150 Euro bezahlt. Dies entspricht etwa dem durchschnittlichen Monatslohn auf den Kapverden.

Der Schutz der Meeresschildkröten war aber nur einer der Gründe für Meeresforscher des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) um ein spezielles Forschungsprojekt auf den Kapverden zu beginnen. Der französische Evolutionsbiologe Dr. Christophe Eizaguirre vom IFM-GEOMAR will mit einer genetischen Studie herausfinden, ob die Population der kapverdischen Karettschildkröten isoliert ist oder sie eine Brücke zwischen den anderen Populationen im Atlantik und im Mittelmeer bilden. Auch die Bewegungen und Beziehungen innerhalb der kapverdischen Population sind noch weitgehend unbekannt. In Zusammenarbeit mit der NGO "Turtle Foundation" erhielt Dr. Eizaguirre kleine (2-3mm) Hautproben von 120 Schildkröten für eine genetische Analyse. „Diese Datenbank bietet uns eine sichere Grundlage für unsere Untersuchung“, sagt Eizaguirre. „Von dieser Untersuchung haben wir gelernt, dass sich die kapverdische Population genetisch von beiden anderen großen Vorkommen in Florida und im Mittelmeer unterscheiden“, so Eizaguirre weiter. Die Fortpflanzung findet, so der Wissenschaftler, also innerhalb der kapverdischen Population statt. Ferner stellten die Forscher fest, das die genetische Vielfalt, die ein entscheidendes Maß für die Lebensfähigkeit einer Population darstellt, trotz der vielfältigen Bedrohungen noch sehr hoch ist. Dies wird durch ein sehr außergewöhnliches Paarungssystem der Schildkröten erreicht. Wie genetische Analysen ergaben, paaren sich die Weibchen gleichzeitig mit mehreren Männchen, was den Risiken der Inzucht und dem Verlust der genetischen Vielfalt vorbeugt.

Jetzt hat Dr. Eizaguirre mit einer zweiten Phase des Projekts begonnen. Zusammen mit dem marinen Biochemiker Björn Fiedler (Doktorand, IFM-GEOMAR) und dem Ozeanographen Prof. Kanzow, IFM-GEOMAR) entwarf er ein einzigartiges Beobachtungsprogramm. Drei Schildkröten von der Insel Boavista Insel und drei von Sao Vicente wurden mit einem Satelliten-Sender und Sensoren, die eine Reihe von Parametern messen, ausgestattet. Neben der GPS-Position werden Druck (Äquivalent für Tauchtiefe), Temperatur, Salzgehalt und bei einigen auch gelöster Sauerstoff gemessen. Somit dienen die Schildkröten als multidisziplinäre Messplattform mit ähnlichen Funktionen wie die Gleiter, die von anderen Gruppen am IFM-GEOMAR eingesetzt werden. Nach den ersten drei Wochen des Experiments ist Eizaguirre sehr optimistisch: „Die Qualität der Daten ist sehr gut. Wir haben beispielsweise Tauchtiefen zwischen 10 bis 100 Meter übermittelt bekommen“. Er hofft, dass die Sensoren auf den Schildkröten bleiben, da sie versuchen, sie zu loszuwerden. Die Geräte sind sehr robust und mit Kosten zwischen 7.000 - 12.000 Euro pro Gerät immer noch erschwinglich. „In der Nähe der Inseln haben wir überdies eine gute Chance, um sie wiederzufinden“, hofft der Wissenschaftler. Derzeit ist sein Doktorand Victor Stiebens auf den Kapverden, um weitere Proben von Schildkröten zu gewinnen. „Von Mitte Juli bis September gibt es eine gute Chance, weibliche Schildkröten bei der Eiablage am Strand zu finden", sagt Eizaguirre. Aber es ist auch eine gefährliche Zeit für die Freiwilligen, die die Schildkröten aber auch die Forscher zu schützen. „Letztes Jahr wurden wir von Jägern mit einer Machete bedroht. Wir sind insbesondere Christian Roder von der Turtle Foundation und seinem Team sowie den Behörden und dem kapverdischen Meeresforschungsinstitut INDP sehr dankbar für ihre Unterstützung. Ohne sie wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen“, Eizaguirre abschließend.

Finanziell wurde das Projekt durch die Leibniz-Gemeinschaft (WGL) unterstützt.

Ansprechpartner:
Dr. Christophe Eizaguirre, Tel.: 0431 600 4559, ceizaguirre@ifm-geomar.de
Dr. Andreas Villwock (Öffentlichkeitsarbeit IFM-GEOMAR), Tel.: 0431 600 2802 avillwock@ifm-geomar.de

Dr. Andreas Villwock | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm-geomar.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa
16.01.2017 | Universität Wien

nachricht Kann das "Greening" grüner werden?
11.01.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie