Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Banken und Biodiversität: Zwischen Risikovermeidung und ökologischer Verantwortung

18.10.2011
Die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten trägt weltweit erheblich dazu bei, dass Ökosysteme so funktionieren, wie die Menschen es von ihnen erwarten – angefangen von der Trinkwasserversorgung bis hin zum Schutz vor einer Erosion der Böden. Daher ist nicht allein in der Öffentlichkeit und der Politik, sondern auch in manchen Wirtschaftszweigen das Interesse am Thema "Biodiversität" gewachsen. Gilt das ebenso für Banken?

Diese Frage steht im Mittelpunkt einer Studie von Prof. Dr. Thomas Koellner, Professor für Ecological Services an der Universität Bayreuth, und Ivo Mulder, der in Genf für das internationale Umweltprogramm "UN Environment Programme – Finance Initiative (UNEP FI)" arbeitet.

Für ihr Forschungsprojekt haben die beiden Wissenschaftler 50 weltweit agierende Banken daraufhin untersucht, wie sie das Thema "Biodiversität" in ihre Geschäftstätigkeit einbeziehen. Dabei haben sie eine Vielzahl öffentlich zugänglicher Informationsquellen ausgewertet. Die so ermittelten Daten haben sie in einen detaillierten Fragebogen eintragen, der anschließend von den Banken – in der Regel von Mitarbeitern des Managements – ergänzt und wo nötig korrigiert wurde. Telefonate mit Führungskräften vervollständigten die Angaben. So wurde im Verlauf der Untersuchung immer deutlicher, inwieweit die Banken sich der Herausforderung stellen, ihrerseits zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen.

Von den Banken, die an der Studie teilgenommen haben, sind gut die Hälfte (51 Prozent) der Auffassung, dass ihre Geschäftsstrategie einen indirekten Einfluss auf Biodiversität hat. Fast ein Drittel (31 Prozent) erklären, dass es für diese Thematik eine definierte Zuständigkeit auf der Managementebene gibt. Aber sobald es um konkrete Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt geht, sinken die Zahlen deutlich. Nur 21 Prozent der befragten Banken sind der Meinung, dass ihnen hinreichende Instrumente zur Verfügung stehen, um Kreditnachfragen oder Investitionsvorhaben unter dem Aspekt der Biodiversität zu überprüfen. Und nur 8 Prozent setzen derartige Instrumente tatsächlich ein.

"Diese Ergebnisse können einerseits als Indizien dafür gewertet werden, dass weltweit agierende Banken zunehmend für ökologische Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit sensibilisiert sind", erklärt Koellner. "Andererseits wird deutlich, dass die meisten Banken erst allmählich beginnen, aus dieser Einsicht praktische Konsequenzen zu ziehen. Es wird voraussichtlich noch eine Weile dauern, bis sie geeignete Verfahren entwickelt haben, die es ihnen ermöglichen, den Schutz der Artenvielfalt auf systematische Weise in Entscheidungen über Kredite und Investitionen einzubeziehen."

Die derzeit noch spürbare Zurückhaltung der Banken ist hauptsächlich darin begründet, dass es für sie nur wenige ökonomische Anreize gibt, auf den Erhalt der Artenvielfalt Rücksicht zu nehmen. Wie die Umfrage gezeigt hat, liegt ein vergleichsweise starker ökonomischer Anreiz in der Befürchtung, ein mit Krediten gefördertes Unternehmen sei zur Rückzahlung nicht mehr in der Lage, wenn es für Umweltschäden haften müsste oder zu hohen Geldstrafen verurteilt würde. "Die globale Finanzkrise hat deutlich gemacht, dass Banken, Investoren und Ratingagenturen die in Schuldverschreibungen und Derivaten lauernden Risiken nicht in vollem Umfang verstehen. In ähnlicher Weise ist unklar, wie sich gestörte Ökosysteme und ein Rückgang der Artenvielfalt auf Unternehmen auswirken, die von Banken Kredite oder Investitionsgelder erhalten. Die hierin versteckten Risiken zu identifizieren und so präzise wie möglich einzukalkulieren, ist für die Banken von herausragender Bedeutung", meint Mulder mit Blick auf die bisherigen Forschungsarbeiten.

Insgesamt gesehen ist die Absicht, Imageschäden zu vermeiden, die stärkste Motivation dafür, dass die befragten Banken das Thema "Biodiversität" in ihrer Geschäftstätigkeit berücksichtigen. Fast ebenso stark wie die Sorge um das eigene Ansehen ist allerdings die ethische Motivation, in ökologischer Hinsicht verantwortungsvoll zu handeln. "Insofern gibt unsere Untersuchung durchaus auch einen Anlass zu vorsichtigem Optimismus", bemerkt Koellner. "Nicht wenige Banken scheinen derzeit gewillt zu sein, ökologische Aspekte in ihre Unternehmensethik einzubeziehen – auch unabhängig davon, ob daraus ein unmittelbarer ökonomischer Nutzen entsteht."

Veröffentlichung:

Ivo Mulder and Thomas Koellner,
Hardwiring green: how banks account for biodiversity risks and opportunities,
In: Journal of Sustainable Finance and Investment 1, 2011, pp. 103 -120
Ansprechpartner für weitere Informationen:
Prof. Dr. Thomas Koellner
Professur für Ecological Services
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Tel.: +49 (0)921 55 - 2373
E-Mail: thomas.koellner@uni-bayreuth.de
Hintergrund:
Das Umweltprogramm "UN Environment Programme – Finance Initiative (UNEP FI)" zielt darauf ab, dass Finanzdienstleister auf allen Ebenen ihrer Geschäftstätigkeit umweltgerecht und nachhaltig agieren. Mit Forschungsprojekten, Weiterbildungsangeboten und dezentralen Netzwerken gelingt es, entsprechende "best practice"-Beispiele in der Finanzwelt zu etablieren. Mehr als 200 Finanzinstitutionen sind derzeit Mitglied von UNEP FI.

Christian Wißler | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa
16.01.2017 | Universität Wien

nachricht Kann das "Greening" grüner werden?
11.01.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik