Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auswege aus dem Kooperations-Dilemma

12.11.2010
Wie es gelingt, Eigeninteressen zugunsten der Allgemeinheit zurückzustellen und dabei gemeinsam zu gewinnen / Aktuelle Veröffentlichung in „Science“

Die Abholzung der Wälder, die Überfischung der Meere und Seen oder der Klimawandel lassen sich als Probleme der Nutzung von Gemeingütern beschreiben. Zu ihrer Lösung müssen hunderte bis tausende von Menschen im großen Maßstab kooperieren.

Dem berüchtigten Kooperations-Dilemma zufolge, in dem jedes Individuum ausschließlich eigennützig handelt, kann es aber keine erfolgreiche Kooperation geben, solange Trittbrettfahrer die Gemeingüter auf Kosten anderer nutzen. Warum gelingt es dennoch vielen Gemeinschaften, ihre gemeinsamen Güter zu bewirtschaften? Wie entstehen unterschiedliche Grade von Kooperation und was trägt zu ihrem Erfolg bei?

Diese Fragen hat der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Michael Kosfeld zusammen mit seinen Kollegen Devesh Rustagi und Prof. Stefanie Engel von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich untersucht. Das Ergebnis: Das Ausmaß an freiwilliger Kooperation zusammen mit der Kontrolle von Trittbrettfahrern spielt eine entscheidende Rolle für die erfolgreiche Bewirtschaftung von Gemeingütern.

Wie die Forscher in der am 12. November erscheinenden Ausgabe der Fachzeitschrift „Science“ berichten, untersuchten sie für ihre Feldstudie ein bedeutendes Wald-Management-Programm in Äthiopien, welches einerseits dem Erhalt der artenreichen Ökosysteme in der Bergregion dient und gleichzeitig die Lebensgrundlage der dort lebenden Bale Oromo Bevölkerung sichert. Von besonderem Interesse war für die Forscher das Maß an bedingter Kooperation in einer Gruppe. Das bedeutet, dass Gruppenmitglieder ihr Eigeninteresse zum Wohl der Allgemeinheit zurückstellen, unter der Bedingung dass auch andere Gruppenmitglieder sich so verhalten. Zahlreiche Verhaltensexperimente mit Studierenden haben in der Vergangenheit gezeigt, dass die Bereitschaft zu bedingter Kooperation eine zentrale Rolle für die Lösung des Kooperations-Dilemmas spielt. Allerdings fehlt es bislang an Evidenz, welche diesen Zusammenhang auch im Feld mit tatsächlichen Nutzergruppen belegt. Genau diesen Nachweis wollte das Forscherteam liefern.

Die Ökonomen führten mit insgesamt 679 Mitgliedern aus 49 verschiedenen Waldnutzergruppen Kooperationsexperimente durch, in denen sie die individuelle Kooperationsbereitschaft der Gruppenmitglieder ermittelten. Sie fanden heraus, dass der Anteil der bedingt Kooperierenden in den Gruppen stark variiert, nämlich zwischen Null und 88 Prozent. In Gruppen mit einem niedrigeren Anteil an bedingt Kooperierenden fanden sie mehr Trittbrettfahrer. Um herauszufinden, welche Auswirkung das Maß an bedingter Kooperation auf die erfolgreiche Bewirtschaftung des Waldes hat, führte das Forscherteam verschiedene statistische Analysen durch. Sie zeigten, dass Gruppen mit einem größeren Anteil an bedingt Kooperierenden ihren Wald viel erfolgreicher bewirtschafteten. Dabei konnten sie als Maß für den Erfolg einer Gruppe auf die Anzahl mittelgroßer Bäume pro Hektar zurückgreifen. Diese Bäume sind für das nachhaltige Wachstum des Waldes entscheidend.

Doch warum sind die auf Kooperation bauenden Gruppen erfolgreicher? Auch darauf fanden die Forscher eine Antwort: Weil kooperative Gruppenmitglieder gleichzeitig mehr Zeit in die Überwachung ihres Waldes investieren, um eventuelle Trittbrettfahrer aufzuspüren und abzuschrecken. Eine Gruppe mit 60 Prozent bedingt Kooperierenden verbrachte monatlich im Durchschnitt 14 Stunden mehr Zeit mit Patrouillen durch den Wald als eine Gruppe ohne bedingt Kooperierende. Für Devesh Rustagi, Postdoktorand am Institut für Umweltentscheidungen der ETH zeigt dieses Ergebnis, „dass bedingt Kooperierende bereit sind, ihre Ressourcen zur Kontrolle von Individuen einzusetzen, die das Gemeingut auf Kosten der Gemeinschaft ausbeuten. Dies liefert eine Erklärung dafür, dass die Möglichkeit freiwilliger, durch Nutzergruppen selbst durchgeführter Kontrollen positiv auf das Gemeingut wirkt.“

„Die Ergebnisse unserer Studie belegen erstmals im Feldversuch zahlreiche in Laborexperimenten gefundene Hinweise, dass bedingte Kooperation bei der Bewirtschaftung von Gemeinschaftsgütern eine Schlüsselrolle spielt“, erklärt Prof. Michael Kosfeld, Leiter des Frankfurter Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Goethe-Universität. „Unsere Ergebnisse schließen damit eine bisher bestehende Lücke zwischen Feld- und Laborstudien zu menschlicher Kooperation“.

Die Ergebnisse werfen auch neues Licht auf die Evolution menschlichen Kooperationsverhaltens. Sie zeigen eine positive Kopplung zwischen bedingter Kooperation und der Bereitschaft, Trittbrettfahrer zu kontrollieren. Dies stimmt überein mit der Theorie der „Gen-Kultur-Evolution“, die ein höheres Maß an Kooperation in Gruppen vorhersagt, in denen nicht-kooperatives Verhaltens sanktioniert wird.

„Aus den Ergebnissen lassen sich wichtige politische Folgerungen für die Steuerung menschlichen kollektiven Handelns ableiten“, erklärt Rustagi. „Weil Menschen sich in ihrer Bereitschaft zur Kooperation unterscheiden, sollte eine effektive Lösung von Problemen im Umgang mit Gemeingütern nicht nur auf Anreizen für Individuen beruhen, die allein auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Man sollte ausdrücklich auch das komplexe Wechselspiel von heterogenen Motivationen und Verhaltensnormen berücksichtigen, die eine freiwillige Kooperation begünstigen.“

Prof. Stefanie Engel vom Institut für Umweltentscheidungen an der ETH Zürich schlussfolgert: „Vor dem Hintergrund, das die Vereinten Nationen das Jahr 2010 zum Jahr der Biodiversität ausgerufen haben und 2011 das internationale Jahr des Waldes wird, könnte unser Ergebnis neue Wege eröffnen, um Lösungen zu Problemen des Umgangs mit Gemeingütern zu finden. Dazu zählen 18 Prozent des weltweiten Waldbestandes und ein großer Anteil der Biodiversität.“

Informationen: Prof. Michael Kosfeld, Abteilung Management und Mikroökonomie, Campus Westend, Tel: (069) 798 34822, kosfeld@econ.uni-frankfurt.de

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn drittmittelstärksten und größten Universitäten Deutschlands. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Parallel dazu erhält die Universität auch baulich ein neues Gesicht. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht ein neuer Campus, der ästhetische und funktionale Maßstäbe setzt. Die „Science City“ auf dem Riedberg vereint die naturwissenschaftlichen Fachbereiche in unmittelbarer Nachbarschaft zu zwei Max-Planck-Instituten. Mit über 55 Stiftungs- und Stiftungsgastprofes¬suren nimmt die Goethe-Universität laut Stifterverband eine Führungsrolle ein.

Herausgeber: Der Präsident der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Redaktion: Dr. Anne Hardy, Referentin für Wissenschaftskommunikation. Abteilung Marketing und Kommunikation, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main, Tel.: (069) 798-29228, Fax: (069) 798-28530, hardy@pvw.uni-frankfurt.de.

Dr. Anne Hardy | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer
20.10.2017 | Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg

nachricht Forscher untersuchen Pflanzenkohle als Basis für umweltfreundlichen Langzeitdünger
20.10.2017 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise