Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alarmierendes Artensterben in Tropenwäldern

13.08.2012
Massive Abholzungen, Monokulturen und Erosionen – die Tropen sind schon längst kein Ort unberührter Natur mehr.
Wie sieht es aber in den tropischen Schutzgebieten aus? Wie ist es dort um die Biodiversität bestellt? Dieser Frage ist der Biologe William F. Laurance von der James Cook University im australischen Cairns unter der Mitarbeit von über 200 Wissenschaftlern weltweit, darunter auch von der Universität Koblenz-Landau, nachgegangen. Das Ergebnis der Studie, die aktuell in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde, gibt Anlass zur Sorge: In rund der Hälfte der untersuchten Schutzgebiete ist die Artenvielfalt ernsthaft gefährdet.

31 Tier- und Pflanzenarten in 60 Schutzgebieten in 36 tropischen Ländern Afrikas, Asiens und Amerikas hat die Studie unter die Lupe genommen – von Schmetterlingen über Primaten und Raubkatzen bis hin zu Bäumen. Dazu wurden 215 Wissenschaftler weltweit befragt, die durchschnittlich 20 Jahre in tropischen Schutzgebieten geforscht haben, so dass lange Vergleichszeiträume als Grundlage der Studie dienten. Die Wissenschaftler bewerteten, wie sich die Populationsdichte zahlenmäßig in den vergangenen zwei Jahrzehnten in ihrem beforschten Schutzgebiet verändert hat und gaben Auskunft über 21 Einflussfaktoren, beispielsweise Niederschläge, Klimaveränderung oder menschliche Eingriffe. Die Aussagen der Wissenschaftler hat Laurance mit 59 aktuellen und unabhängigen Datensätzen validiert.

Intakter Regenwald in Zentral Kalimantan (geplantes Schutzgebiet „Heart of Borneo“)

Foto: C. Brühl/Uni Landau


Ölplantagen wie im Bundesstaat Sabah (Malaysia) auf Borneo wirken sich unmittelbar auf das ökologische Gefüge und die ökologische Qualität im Umfeld aus

Foto: C. Brühl/Uni Landau

Das Ausweisen von Schutzgebieten allein genügt nicht für die Artenerhaltung. Gebiete, die vor Ort selbst einen besseren Schutz genießen, haben die Biodiversität über die Zeit besser erhalten, lautet die Kernaussage der Studie. „Das klingt auf den ersten Blick vielleicht banal“, räumt Dr. Carsten Brühl vom Institut für Umweltwissenschaften Landau an der Universität Koblenz-Landau ein. Der Biologe hat an der Studie mitgearbeitet und erforscht seit den frühen 1990er Jahren die Diversität von Ameisen auf Borneo. „Aber“, erklärt der Wissenschaftler die Wucht der Ergebnisse, „diese Studie belegt erstmals empirisch und weltweit den tatsächlichen ökologischen Zustand in den tropischen Schutzgebieten“. Und der ist ernüchternd: Rund 50 Prozent der untersuchten Gebiete ist intakt, in der anderen Hälfte nimmt die Artenvielfalt alarmierend ab.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Schutzgebiete funktionieren nicht isoliert, sondern stehen in engem ökologischen Austausch mit ihrer Umgebung. Je größer der ökologische Druck rund um das geschützte Gebiet ist, desto höher ist auch der Umweltstress innerhalb des Reservats. Wird beispielsweise um das Schutzgebiet herum massiv Wald gerodet und Lebensraum zerstört, wirkt sich dies unmittelbar auf das ökologische Gefüge und die ökologische Qualität im Naturschutzgebiet aus. 85 Prozent der in der Studie untersuchten Schutzareale haben in den vergangenen drei Jahrzehnten weite Teile des sie umgebenden Waldes eingebüßt. Nur bei zwei Prozent der Gebiete gab es einen Zuwachs an Wald. „Beängstigend ist das Ausmaß des Artensterbens in den untersuchten Gebieten“, mahnt Brühl. Es seien nicht nur wenige Gruppen, sondern eine alarmierend große Anzahl von Arten betroffen.

Die Folgerung der Wissenschaftler ist gleichzeitig eine Aufforderung an die Politik: Es müssen effizientere Maßnahmen zum Schutz der Schutzgebiete in den Tropen entwickelt werden - und das schnell. Denn die tropischen Schutzgebiete sind weltweit die letzte Bastion der terrestrischen Biodiversität. Ohne funktionierende geschützte Gebiete wird die Artenvielfalt dort für immer verschwinden.

Die Studie wird in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht. Sie kann bereits online unter http://dx.doi.org/10.1038/nature11318 nachgelesen werden.

Kontakt:
Universität Koblenz-Landau
Institut für Umweltwissenschaften Landau
Dr. Carsten Brühl
E-Mail: bruehl@uni-landau.de

Distinguished Professor William Laurance
James Cook University, Cairns, Queensland, Australia
E-Mail: bill.laurance@jcu.edu.au
Phones: +61-7-4038-1518 and +61-7-4042-1819

Informationen zum Artikel:
Laurance, William F., and 215 coauthors. 2012. Averting biodiversity collapse in tropical forest protected areas. Nature, DOI: 10.1038/nature11318.
Online veröffentlicht am 26. Juli 2012.
Nachzulesen unter: http://dx.doi.org/10.1038/nature11318

Bernd Hegen | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-landau.de
http://dx.doi.org/10.1038/nature11318

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Wie Brände die Tundra langfristig verändern
12.12.2017 | Gesellschaft für Ökologie e.V.

nachricht Mit Drohnen Wildschweinschäden schätzen
12.12.2017 | Gesellschaft für Ökologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rest-Spannung trotz Megabeben

13.12.2017 | Geowissenschaften

Computermodell weist den Weg zu effektiven Kombinationstherapien bei Darmkrebs

13.12.2017 | Medizin Gesundheit

Winzige Weltenbummler: In Arktis und Antarktis leben die gleichen Bakterien

13.12.2017 | Geowissenschaften