Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Abholzung gefährdet Schimpansen

15.10.2008
Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben erstmals seit 17 Jahren an der westafrikanischen Elfenbeinküste Schimpansen gezählt und festgestellt, dass die Population einen katastrophalen Rückgang erlitten hat. Gründe dafür sind vor allem Waldrodungen und Wilderei

Unsere nächsten lebenden Verwandten, die Menschenaffen, werden auf der Roten Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN, International Union for Conservation of Nature and Natural Resources)als "gefährdet" oder sogar "stark gefährdet" eingestuft. Ihre Populationen gehen in ihren Ausbreitungsgebieten immer stärker zurück. Gefährdet sind die Menschenaffen hauptsächlich durch Wilderei, die Zerstörung ihrer Lebensräume und durch Krankheiten. Da sie, wie Menschen auch, eine niedrige Reproduktionsrate haben, sind sie besonders angreifbar. Insbesondere Schimpansen investieren bis zu fünf Jahre in die Erziehung ihres Nachwuchses. Während dieser Zeit erlernen die Jungtiere erstaunliche technische und soziale Fähigkeiten, die sie zum Überleben brauchen. In einer aktuellen Studie haben Forscher am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie nun herausgefunden, dass die Schimpansenpopulation der Elfenbeinküste innerhalb von nur einer Generation so dramatisch zurückgegangen ist, dass Schimpansen dort in vielen Regionen bereits verschwunden sind. Diese Ergebnisse unterstreichen, wie nötig ein präzises, regelmäßiges und systematisches Monitoring dieser frei lebenden Populationen ist, um unsere nächsten Verwandten vor dem Aussterben zu bewahren (Current Biology, 14. Oktober 2008).


Gogol, ein erwachsenes Männchen und Mitglied einer Schimpansengruppe im Tai Nationalpark, wurde vermutlich von Wilderern im Februar 2008 getötet. Im Marahoué Nationalpark wird illegal gerodet. Der Regenwald muss Kakaoplantagen weichen. Bild: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie/Geneviève Campbell/ Sonja Metzger

In den 1950er-Jahren wurde die Schimpansenpopulation (Pantroglodytes verus) der Elfenbeinküste erstmals auf etwa 100.000 Tiere geschätzt. Rund 30 Jahre später - als die erste nationale Schimpansenzählung stattfand, musste die Schätzung auf 8.000 bis 12.000 Tiere nach unten korrigiert werden. Obwohl bereits damals ein starker Populationsrückgang zu verzeichnen war, beheimatete die Elfenbeinküste immer noch etwa die Hälfte der auf der Erde lebenden westlichen Schimpansen.

Im Rahmen einer Studie am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie wurde nun erneut eine landesweite Schimpansenzählung durchgeführt. Das Ergebnis fiel katastrophal aus: Die Affenforscher zählten 90 Prozent weniger Schimpansenschlafnester als bei der Datenerhebung vor 17 Jahren. Am stärksten war der Populationsrückgang in ungeschützten Waldgebieten, in denen keine Hinweise mehr auf Schimpansen gefunden wurden. Die Zerstörung des Waldes und Wilderei sind die Hauptgründe für diesen Populationsrückgang.

Auch Schimpansen in den Schutzgebieten sind bedroht, sobald die Überwachung aufhört beziehungsweise externe Finanzierung und Unterstützung vorübergehend unterbrochen werden. So nahmen die Forscher zum Beispiel an, dass sie im Marahoué Nationalpark eine der größten Schimpansenpopulationen der Elfenbeinküste finden würden. Aber nur wenige Jahre nachdem internationale Artenschutzprojekte aufgrund von politischen Unruhen im Land auf Eis gelegt worden waren, wurde der Park von Farmern in Beschlag genommen. Der Großteil seiner Fauna ist nun verschwunden. Christophe Boesch, der das Forscherteam leitet, sagt dazu: "Diese Studie zeigt auf dramatische Weise, dass Artenschutzaktivitäten nur erfolgreich sein können, wenn eine Langzeitfinanzierung sichergestellt wird." Geneviève Campbell, Erstautorin der Studie, sammelte die Daten. "Ich folgte meinen Routen im Marahoué Nationalpark, ähnlich wie ich denen in klassifizierten Wäldern im ganzen Land gefolgt war, wo ich oft lange und beschwerlich suchen musste, um überhaupt noch ursprüngliche Bäume zu finden", erzählt sie. "Traurig war vor allem, dass ich nur ein einziges Schimpansenschlafnest in diesem Park gefunden habe, wo man während der letzten Zählung entlang derselben Route noch auf 234 Nester gestoßen war". Das eine Nest, das Campbell gefunden hatte, befand sich in einem Gebiet, dass gerade für landwirtschaftliche Zwecke gerodet worden war. Die Zukunft der Schimpansen im Marahoué Nationalpark ist ihrer Meinung nach hoffnungslos.

"Ein Juwel für kommende Generationen"

Die wenigen an der Elfenbeinküste verbliebenen Schimpansenpopulationen verteilen sich auf ein weites Gebiet. Eine der einzigen überlebensfähigen Populationen lebt im Taï Nationalpark. Diese ist jedoch durch Wilderei extrem gefährdet. Dazu kommt, dass die externe Finanzierung der Artenschutzprojekte 2010 auslaufen wird. Dies könnte katastrophale Konsequenzen für diese letzte Hochburg der Schimpansen an der Elfenbeinküste haben. Die Forscher appellieren deshalb an die Zuwendungsgeber, den Taï Nationalpark als Priorität für den Erhalt der Schimpansen, die noch an der Elfenbeinküste leben, zu sehen und eine Finanzierung für die Zeit nach 2010 in Betracht zu ziehen. Paul Kouamé N'Goran erklärt: "Das Verschwinden von Waldgebieten in unserem Land zwingt die Leute, lange Wege zum Taï Nationalpark zurückzulegen, wo Waldgebiete noch erhalten sind und das passende Klima vorhanden ist, um Landwirtschaft zu betreiben. Das wiederum erhöht den direkten Druck auf den Park. Wir müssen diesen Wald schützen und ihn als Juwel für die nach uns kommenden Generationen betrachten."

Darüber hinaus sollten nach Meinung der Max-Planck-Forscher mehr Datenerhebungen im Lebensraum der westlichen Schimpansen finanziert werden, um deren Status besser einschätzen und die verbliebenen überlebensfähigen Populationen lokalisieren zu können. Wenn erneute Zählungen durchgeführt werden und die Forscher mehr Informationen zusammengetragen haben, können sie noch besser einzuschätzen, ob der Populationsrückgang sich auf das gesamte Verbreitungsgebiet erstreckt und ob ihr IUCN-Status in "stark gefährdet" geändert werden muss. Hjalmar Kühl, ein Monitoring-Experte frei lebender Populationen erklärt: "Diese Studie, so dramatisch die Ergebnisse auch sein mögen, zeigt doch vor allem, dass Artenschutz wirklich funktionieren kann, dass er aber von allen Beteiligten ein Langzeit-Engagement einfordert."

Originalveröffentlichung:

Geneviève Campbell, Hjalmar Kühl, Paul Kouamé N’Goran und Christophe Boesch
Alarming decline of West African chimpanzees in Côte d’Ivoire.
Current Biology, 14. Oktober 2008

Dr. Christina Beck | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Dünenökosysteme modellieren
23.06.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Es wird zu bunt im Gillbach: Weitere nichtheimische Buntbarschpopulation in Deutschland nachgewiesen
22.06.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der Krümmung einen Schritt voraus

27.06.2017 | Informationstechnologie

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Überschwemmungen genau in den Blick nehmen

27.06.2017 | Informationstechnologie