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Überschuldung geht mit einem hohen Risiko für Übergewicht einher. Zu diesem Schluss kommen Sozialmediziner der Universität Mainz im Fachjournal BMC Public Health. Sie untersuchten 9.000 Menschen, von denen ein Zehntel von Privatinsolvenz betroffen war.
Jeder Vierte aus dieser Gruppe war aus medizinischer Sicht fettleibig, während dies nur bei jedem zehnten Nicht-Überschuldeten zutraf. Menschen mit hoher Verschuldung ernähren sich weniger gesund und suchen durch Essen Trost, außerdem kommen häufig auch Freizeitaktivitäten und Sozialkontakte zu kurz, so die Erklärung der Wissenschaftler.
Dass niedriges Einkommen oder Arbeitslosigkeit die Ausprägung von Fettleibigkeit wesentlich beeinflussen, ist aus allen Industrieländern bekannt. "Neu ist der Aspekt, dass auch die Überschuldung als zusätzlicher Risikofaktor berücksichtigt werden muss, falls es keine entsprechenden Gegenmaßnahmen gibt", erklärt Studienautorin Eva Münster im pressetext-Interview. Durch die Einmalbefragung könne man die Ursachen-Wirkungs-Beziehung nicht eindeutig abklären, gibt die Sozialmedizinerin zu bedenken. "Es ist auch möglich, dass Fettleibige eher gefährdet sind, den Arbeitsplatz zu verlieren und dadurch in die Überschuldungsfalle geraten. Sehr wahrscheinlich ist jedoch, dass beide Aussagen gültig sind."
Geänderte Alltagsroutinen in Folge einer Überschuldung sieht Münster als plausibelste Erklärung für das Phänomen. "Eine private finanzielle Krise führt oft zum sozialen Rückzug, da man etwa, um Ausgaben einzusparen, aus Sportvereinen austritt oder Hobbys nicht mehr nachgeht. Weitere Faktoren sind Depression und Müdigkeit, zudem überdenken es überschuldete Menschen aufgrund des Zuzahlungswesens in Deutschland dreimal, bevor sie einen Arzt aufsuchen." Die angespannte Lage vieler Haushalte angesichts der Finanzkrise wird unter diesem Gesichtspunkt auch zu einem Gesundheitsproblem ganzer Familien. "Es fehlt allerdings bisher völlig an Langzeitstudien, um zu klaren Aussagen zu kommen."
Kritik übt die Public-Health-Expertin auch an der derzeit ungünstigen Verteilung der Lebensmittelpreise. "Energiereiche Nahrungsmittel wie Süßigkeiten oder fettige Snacks sind meistens billiger als Nahrungsmittel mit geringerem Energiegehalt wie etwa Früchte oder Gemüse. Wer in Armut lebt, ernährt sich daher meist ungesünder", so Münster. Eine Niedrigpreiskampagne für gesunde Lebensmittel könne diesem Ungleichverhältnis entgegenwirken. "Derzeit werden Milliardenbeträge für Programme zur Übergewichts-Prävention ausgegeben, die jedoch kaum zum Erfolg führen. Es wäre sinnvoll, in kleinem Maßstab neue Modelle auszuprobieren."
Längst sei zudem ein anderer Umgang der Gesellschaft mit Überschuldung fällig. "Zahlungsunfähigkeit gilt bei uns als Tabu und ist mit einem Stigma belegt. Wenige Arbeitgeber sind bereit, Menschen nach einer Überschuldung anzustellen, da man das Versagen in der Vergangenheit ankreidet und die Fähigkeit zur Lebenswandlung aberkennt." Weitaus besser gehe man mit diesem Problem in Irland um. "Irische Arbeitgeber sehen die Bewerbung von Überschuldeten viel eher als Akt der Tapferkeit und sind bemüht, ihnen eine Chance zu geben", so Münster.
Über die Entdeckung eines ähnlichen Zusammenhangs berichten US-Forscher der Wake Forest University http://www.wfu.edu in der Fachzeitschrift Obesity. Bestimmte Stresshormone, die in Folge schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse und fehlender Sozialkontakte vermehrt ausgeschüttet werden, lassen den Körper Fett eher im Bauchraum statt unter der Haut anlagern. Dieses Bauchfett löst einen Hormonmangel aus, der die Blutgefäße und das Herz-Kreislauf-System belasten und somit zu Arteriosklerose und Herzkrankheiten führen können.
Johannes Pernsteiner | Quelle: pressetext.deutschland
Weitere Informationen: www.uni-mainz.de
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