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Fernsehen hemmt die Entwicklung von Kleinkindern statt sie zu fördern. Mit dieser Warnung lässt die Amerikanische Akademie für Pädiatrie (AAP) aufhorchen.
Ihre Analyse von 50 Studien zum Thema, die am heutigen Dienstag im Fachblatt "Pediatrics" veröffentlicht wurde, zeigt: Der Fernseher verzögert die Sprachentwicklung, lässt Kinder schlechter schlafen und behindert die Eltern-Kind-Kommunikation. Grund genug für die Experten, um bisherige Warnungen vor elektronischen Medien noch zu verschärfen.
Fernseher fehlt Feingefühl
"Je kleiner Kinder sind, umso schlechter wirkt Fernsehen auf sie", bestätigt Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik http://www.ifp.bayern.de , im pressetext-Interview. Extrem sei dies bei Säuglingen, die noch in der Babyschale vor den Fernseher gestellt werden und sich nicht selbst wegbewegen können. Statt Lerneffekte gebe es hier nur Schäden. "Das Gehirn eines Babys braucht sofortige Rückkoppelung. Damit es lernen kann, müssen Eltern nicht nur feinfühlig, sondern auch sofort auf das Kind eingehen, wenn es etwa schreit oder weint. Ein Fernseher reagiert jedoch nie", erklärt die Psychologin.
Doch selbst Babysendungen und -DVDs bieten keine Lerneffekte, konnte mittlerweile gezeigt werden. Vielmehr besitzen Kinder einen umso kleineren Wortschatz, je länger sie als Babys fern gesehen haben. "Kinder ab dem zweiten Lebensjahr sind zwar fasziniert von den schnell wechselnden Bildern, können diese bei schnellen Schnitte jedoch oft nicht verarbeiten und werden dadurch überreizt", so Becker-Stoll. Die US-Autoren betonen, dass eine Kindersendung nur dann Qualität bringt, wenn Kinder Inhalt und Kontext verstehen, was frühestens mit zwei Jahren gelingt.
Realität: TV ist Babysitter
Während die Kinderärzte zum TV-Verzicht unter zwei Jahren mahnen und den Fernseher aus dem Kinderzimmer verbannen wollen, sieht die Realität freilich anders aus. In US-Erhebungen gaben 90 Prozent der Eltern von Babys unter zwei Jahren an, dass sie ihre Kinder häufig vor das TV-Gerät setzen - Zweijährige durchschnittlich ein bis zwei Stunden pro Tag. Ab drei Jahren steht in jedem dritten US-Kinderzimmer ein Fernseher.
In Deutschland werden entsprechende Daten zu dieser Altersgruppe erst in der laufenden Kiggs-Studie http://www.kiggs.de erhoben. Anlass dazu gab eine Untersuchung von Robert Schlack bei 10.000 Schulanfängern in Köln aus dem Jahr 2005. "Bei drei Stunden Fernsehkonsum pro Tag erhöht sich die Quote der Sprachstörungen bei Schuleintritt um 50 Prozent. Bei über vier Stunden verdoppeln sich die grobmotorischen Auffälligkeiten sowie auch die visumotorischen Probleme", berichtet Schlack, der am Robert-Koch-Institut http://rki.de tätig ist, gegenüber pressetext.
Selbstbeschäftigung muss gelernt werden
Eltern sind somit in einer Zwickmühle. "Keine Familie verzichtet auf den Fernseher, sobald Kinder kommen. Man muss deshalb den Schaden begrenzen", rät Becker-Stoll. Für die Expertin bedeutet das ein gemeinsames Fernsehen auf dem Schoß der Eltern mit Erklären des Gesehenen sowie die Auswahl eines Programms nach Kindgerechtigkeit. "Diese besteht nie, wenn 20-Minuten-Werbeblöcke bloß von wenigen Programmminuten unterbrochen werden, denn Kinderwerbung ist immer hochsuggestiv. Selbst Fünfjährigen sollte man deshalb nie die Fernbedienung überlassen."
Als weitaus bessere Alternative empfiehlt die Münchner Psychologin das Vorlesen, das sogar im Alter von wenigen Monaten bereits beginnen kann. Die US-Kindermediziner raten zum freien Spiel, bei dem Kinder auf eigene Faust lernen, kreativ zu denken, Probleme zu lösen, ihre Motorik zu entwickeln und sich selbst zu beschäftigen. "Kinder lernen am besten von Menschen, nicht von Bildschirmen", so ihr Resümee.
Johannes Pernsteiner | Quelle: pressetext.redaktion
Weitere Informationen: www.aap.org
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