Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Frühe Familienbande - Kein Schwamm im Stammbaum des Menschen

03.04.2009
Schon seit der Zeit von Charles Darwin bemühen sich Forscher, den "Stammbaum des Lebens" zu rekonstruieren und die Entwicklung von Tier- und Pflanzenarten im Lauf der Evolution zu verstehen.

Anzeige

Was die Wirbeltiere betrifft, ist diese Forschung schon relativ weit fortgeschritten. Umstritten sind dagegen die Verwandtschaftsbeziehungen von Großgruppen von Tieren, die sehr früh in der Evolution, wahrscheinlich im späten Präkambrium vor ca. 650 bis 540 Millionen Jahren, entstanden sind.


Nun ist es einem internationalen Forscherteam unter der Leitung des LMU-Geobiologen Professor Gert Wörheide gelungen, die Verwandtschaft zwischen einigen dieser frühen Arten mit hoher Sicherheit aufzuklären. In der bisher umfassendsten Studie dieser Art konnten die Forscher unter anderem zeigen, dass alle Schwämme von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, der jedoch kein Vorfahr der Wirbeltiere ist. Auch der Mensch stammt damit nicht vom Schwamm ab, wie von manchen Wissenschaftlern vermutet wurde. Zudem legen die Ergebnisse nahe, dass sich das Nervensystem nur einmal im Lauf der Evolution entwickelt hat. (Current Biology online, 2. April 2009).

Im Rahmen einer "Systematik der Tiere" unterteilen Biologen die Tierwelt in Abteilungen, Stämme und Klassen. Zu den sehr alten Tiergruppen gehören dabei die Schwämme (Porifera), die Scheibentiere (Placozoa) die Nesseltiere (Cnideria) und die Rippenquallen (Ctenophora). Die Schwämme sind recht einfach gebaut, sie haben noch keine Organe. Auch die Scheibentiere besitzen eine einfache Struktur: Sie haben einen flachen, scheibenförmigen Körper und keine inneren Organe. Bei Rippenquallen handelt es sich um quallenähnliche Lebewesen. Korallen, Quallen und Seeanemonen zählen dagegen zu den Nesseltieren. Wie diese frühen Tiergruppen miteinander verwandt sind, ist bislang nicht vollständig geklärt, verschiedene Forschergruppen kommen immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen. Insbesondere widersprechen sich häufig die Resultate von morphologischen Untersuchungen, die nach strukturellen Ähnlichkeiten der verschiedenen Organismen suchen, und molekularbiologischen Studien, die sich mit der Funktion der Gene befassen und dort nach Übereinstimmungen suchen.

Um diese Widersprüche auszuräumen, betrachteten Wörheide und seine Kollegen Hervé Philippe, Montréal, und Michael Manuel, Paris, in der bislang umfangreichsten Studie dieser Art 128 Gene von insgesamt 55 Arten - unter anderem von neun Schwämmen, acht Nesseltieren, drei Rippenquallen und den Scheibentieren, von denen es nur eine einzige beschriebene Art gibt. Die Grundlage ihrer Analysen bildete der relativ neue Ansatz der Phylogenomik, bei dem die stammesgeschichtliche Ähnlichkeit von Lebewesen durch den Vergleich ihrer Gene bestimmt wird. Zusammen mit Biochemikern, Evolutionsforschern und Bioinformatikern aus Göttingen, Frankreich und Kanada analysierten die Forscher mehr als 30.000 einzelne Positionen in der Erbinformation, die für die Zusammensetzung von Proteinen kodieren. Mithilfe rechnergestützter Analysen erstellten die Forscher dann einen evolutionären Stammbaum, der den Verwandtschaftsgrad der einzelnen Arten darstellt.

Eines der Hauptergebnisse der Studie legt nahe, dass alle Schwamm-Arten von einem einzigen Vorfahren abstammen. Dieser ist jedoch kein direkter Vorfahr der Zweiseitentiere (Bilateria), zu denen Würmer, Weichtiere und Insekten, aber auch die Wirbeltiere gehören. "Wenn dies der Fall wäre, wie einige frühere molekulare Studien wiederholt behauptet haben, wären wir alle Abkömmlinge von schwammartigen Organismen", erläutert Wörheide. "Diese These hat in der Vergangenheit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Unsere Ergebnisse widersprechen ihr jedoch eindeutig." Weiterhin ergaben die Analysen, dass Rippenquallen und Nesseltiere mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gemeinsame Gruppe bilden. "Diese Gruppe der Hohltiere oder Coelenterata ist zugleich eng verwandt mit den Zweiseitentieren", erklärt Wörheide. "Damit bestätigt unsere Studie nach vielen Kontroversen ein Konzept, das schon um 1848 formuliert wurde."

Auch über die Entwicklung einzelner Organsysteme lässt die Untersuchung neue Schlüsse zu. "Sowohl Hohltiere als auch Zweiseitentiere besitzen bereits Nervenzellen. Die beobachtete enge Verwandtschaft spricht nun dafür, dass sich das Nervensystem nur einmal im Lauf der Evolution entwickelt hat", so Wörheide. Eine kürzlich erschienene, bezüglich der nicht-Zweiseitentiere weniger umfassende Studie habe dagegen die ungewöhnliche These aufgestellt, dass sich die Rippenquallen schon vor den Schwämmen von den anderen Arten wegentwickelt hätten. "Da die Rippenquallen bereits Nerven- und Muskelzellen besitzen, würde das bedeuten, dass sich diese im Lauf der Evolution mehrmals unabhängig voneinander entwickelt haben oder in den Schwämmen und Scheibentieren verloren gegangen sind", erklärt der LMU-Forscher.

Zugleich bildet die neue Studie, die eine größere Zahl evolutionär alter Lebensformen verglichen hat als je zuvor analysiert wurden, einen viel versprechenden Rahmen für weitere Untersuchungen. "Aufbauend auf unsere Ergebnisse können wir in Zukunft besser untersuchen, wie sich bestimmte Schlüsselmerkmale bei den Tieren entwickelt haben", sagt Wörheide. So gebe es zum Beispiel Hinweise darauf, dass sich schon in den Genen von Schwämmen Vorläufer der Anlagen für das Nervensystem finden. Und bei einer bestimmten Quallengruppe, den Würfelquallen, lassen sich bereits augenähnliche Sinnesorgane feststellen. "In zukünftigen Studien wird es nun unter anderem darum gehen, wie früh die Anlagen für Nervensystem, Muskelzellen oder Sinnesorgane bereits vorhanden waren und wie sie sich im Lauf der Evolution entwickelt haben", so Wörheide. (ca/suwe)

Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1174 "Deep Metazoan Phylogeny" (http://www.deep-phylogeny.org) gefördert.

Publikation:
"Phylogenomics revives traditional views on deep animal relationships";
Hervé Philippe Romain Derelle, Philippe Lopez, Kerstin Pick, Carole Borchiellini, Nicole Boury-Esnault, Jean Vacalet, Emmanuelle Renard, Evelyn Houliston, Eric Quéinnec, Corinne Da Silva, Patrick Wincker, Hervé Le Guyader, Sally Leys, Daniel J. Jackson, Fabian Schreiber, Dirk Erpenbeck, Burkhard Morgenstern, Gert Wörheide und Michaël Manuel;
Current Biology online
2. April 2009;
DOI: doi:10.1016/j.cub.2009.02.052

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gert Wörheide
Department für Geo- und Umweltwissenschaften und GeoBioCenter
Sektion Paläontologie
Tel.: +49-(0)89 / 2180 - 6718
Fax: +49-(0)89 / 2180 - 6601
E-Mail: woerheide@lmu.de

Luise Dirscherl | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.mol-palaeo.de
www.lmu.de/palaeo
www.deep-phylogeny.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Energieversorger vor dem Umbruch
24.05.2012 | Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

nachricht Ein Kilogramm Fleisch so klimaschädlich wie bis zu 1600 Kilometer Autofahrt
24.05.2012 | FEWD Forschungsstelle für Ethik u. Wissenschaft im Dialog, Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit


Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und bestimmte Krebsformen gehen auf eine fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen im Körper zurück.

Wissenschaftlern des Instituts für Photonische Technologien (IPHT) in Jena ist es erstmals gelungen, Proteinstrukturen auf sub-molekularer Ebene nachzuweisen und spektroskopisch zu analysieren. Ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Krankheitsursachen.

„Bis heute hat man nicht genau verstanden, was die fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Alzheimer, ...

Im Focus: Widerspenstiges Quasiteilchen erzeugt


Die Quantenphysik beschreibt physikalische Vorgänge in Festkörpern und anderen Vielteilchensystemen auch mit Hilfe von Quasiteilchen.

Innsbrucker Physikern um Rudolf Grimm ist es nun erstmals gelungen, ein neues Quasiteilchen - ein repulsives Polaron - in einem Quantengas experimentell zu erzeugen. Die Forscher berichten darüber in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Nature.

Ultrakalte Quantengase sind ein ideales Experimentierfeld, um physikalische Phänomene in Festkörpern zu simulieren. Unter streng kontrollierten Bedingungen ...

Im Focus: Licht lässt Partikel wachsen - Forscher entdecken neuen Mechanismus in der Atmosphäre


Licht lässt die Partikel in der Atmosphäre wachsen. In einem Experiment hat ein internationales Forscherteam erstmals einen neuen Mechanismus nachweisen können, bei dem Partikel durch Licht größer werden und der damit Einfluss auf die Wolkenbildung und das Klima hat.

Photokatalytische Reaktionen können zu einer schnellen Bindung von nicht kondensierenden flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen (VOCs) auf der Oberfläche der Partikel führen. Unter solchen Bedingungen nehme die Größe und Masse der Partikel schnell zu, schreiben die Wissenschaftler im renommierten Fachblatt PNAS.

Die Ergebnisse des Laborexperimentes könnten Effekte erklären, die bisher schon bei Feldkampagnen ...

Im Focus: Abschreckung: Tabak signalisiert angreifenden Zikaden Verteidigungsbereitschaft


Ähnlich wie blutsaugende Insekten prüfen Pflanzenschädlinge ihren Wirt auf Abwehrsignale, bevor sie anfangen zu fressen

Pflanzen bilden wenige Minuten nach Angriff eines Fraßfeindes Jasmonsäure, ein Hormon, das die Verteidigung gegen Insekten in Gange setzt mit der Folge, dass giftige Stoffe wie Nikotin oder Verdauungshemmer in den Blättern akkumulieren.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie, Jena, haben jetzt herausgefunden, dass Zwergzikaden die Verteidigungsbereitschaft von Tabakpflanzen aufspüren können. ...

Im Focus: Erbgutkopie reist im Protein-Koffer


Wissenschaftlern vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Bonn ist es erstmals gelungen, den Transport eines wichtigen Informationsträgers in biologischen Zellen praktisch unmodifiziert in Echtzeit zu filmen.

Die Studie zeigt, wie die so genannte Boten-RNA die Zellkernhülle überwindet und vom Zellkern in das Zytoplasma gelangt. Diese Arbeit ist nun in dem renommierten Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) publiziert.

Der Bauplan aller Lebewesen ist in ihrem Erbgut gespeichert. Dieses lagert bei höheren ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Energieversorger vor dem Umbruch

24.05.2012 | Studien Analysen

Stem-cell-growing surface enables bone repair

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

NieKE Themenforum: Ökonomie - Tierschutz - Lebensmittelsicherheit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Nachhaltigkeit in der Schifffahrt: Werte vs. Wertschöpfung

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Wissenschaft und Öffentlichkeit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp