Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Analyse einer Blitzaktion während der Finanzkrise

14.07.2011
Umstrittene Änderung internationaler Bilanzierungsregeln nutzte nur wenigen deutschen Banken.

Anzeige

Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem Höhepunkt der Finanzkrise: im Oktober 2008 hat das dafür zuständige internationale Gremium unter Umgehung des vorgesehenen formellen Verfahrens Regeln geändert, nach denen Unternehmen in ihren Jahresabschlüssen ihre finanziellen Vermögenswerte einstufen müssen.


Ziel war, die Abwärtsspirale auf den Finanzmärkten zu bremsen, indem rigide Vorschriften für die Beibehaltung einer Bewertung bestimmter Bilanzpositionen zu ihrem aktuellen Marktwert gelockert wurden. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Renate Hecker von der Universität Tübingen hat nun zusammen mit ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter Christian Klein-Wiele im Rückblick diese Aktion analysiert. Die beiden Spezialisten für Internationale Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung kommen zu dem Ergebnis, dass vor allem Banken in erheblichem Umfang die gebotene Möglichkeit genutzt haben, mit einer Umklassifizierung ihrer finanziellen Vermögenswerte ihr Eigenkapital zu schonen. Allerdings bezweifeln sie in ihrer Veröffentlichung, die in der Ausgabe 4/2011 der Fachzeitschrift „Die Wirtschaftsprüfung“ erschienen ist, dass ein Verzicht auf die Neuregelung in Deutschland eine wesentlich stärkere Abwärtsbewegung der Finanzmärkte zur Folge gehabt hätte.

Mutterunternehmen, deren Aktien oder emittierte Schuldtitel börsennotiert sind, müssen in Deutschland einen Konzernabschluss nach internationalen Bilanzierungsstandards aufstellen. Diese Rechnungslegungsregeln, die International Financial Reporting Standards (IFRS), werden von einem privaten Standardsetter, dem International Accounting Standards Board (IASB) in London, entwickelt und durch ein spezielles Verfahren der EU in europäisches Recht übernommen. In den USA hingegen gelten die United States Generally Accepted Accounting Principles (US-GAAP).

Gegenstand der Kritik an den Vorschriften des IASB war seinerzeit die Anforderung, bestimmte finanzielle Vermögenswerte nach dem „Fair Value“, dem Marktpreis, zu bilanzieren. Da die Marktpreise bestimmter Papiere in der Finanzkrise stark gesunken oder zumindest nur noch schwer zu ermitteln waren, hatte es viel Kritik an dieser Regelung gegeben. Unter anderem hatte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in seinem Bericht 2008/2009 kritisiert, diese Regelung wirke prozyklisch, könne also eine Krise verstärken. Die Gefahr liegt vor allem darin, dass Banken, wenn sie ihre Vermögenswerte stark nach unten korrigieren müssen, in Konflikt mit der Bankenaufsicht kommen können, denn diese verlangt von ihnen ein Minimum an Eigenmitteln.

Auch die Politik, besonders die EU-Kommission, wollte damals, so die beiden Tübinger Wissenschaftler, die Bestimmungen ändern, um die Banken nicht durch Bilanzierungsregeln zusätzlich in Existenzschwierigkeiten zu bringen. So habe der IASB unter hohem Druck gestanden. Schließlich beschloss das Gremium im Oktober 2008 eine Änderung: Zwar müssen die Unternehmen nach wie vor ihre finanziellen Vermögenswerte einer von vier Kategorien zuordnen. Doch wurde ihnen stärker als bisher erlaubt, Werte von einer Kategorie in eine andere zu verschieben. Da die Bilanzierungsregeln für die einzelnen Kategorien unterschiedlich sind, konnten die Unternehmen so Teile ihres Vermögens der Einstufung nach dem Marktpreis entziehen.

Offiziell begründet hat der IASB die Aktion damit, er wolle die Wettbewerbsbedingungen denen der US-GAAP angleichen.

Fast nur Banken nahmen die neu geschaffene Möglichkeit wahr. Beträchtliche Werte im Umfang von 372 Milliarden Euro wurden in den Bilanzen der 100 größten Banken in Deutschland umklassifiziert. „Durch die Umkategorisierung konnten die Banken ihr Eigenkapital in ihrer IFRS-Konzernbilanz für 2008 beträchtlich schonen“, schreiben die Wissenschaftler. „Allerdings konnten nur drei deutsche Banken ermittelt werden, die 2008 ihren IFRS-Konzernabschluss für die Ermittlung der regulatorischen Eigenmittel nutzten“, nämlich die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Postbank. Alle anderen Banken, darunter ausgerechnet einige von denen, die in eine Schieflage geraten waren, wie die Landesbanken, die Hypo-Real-Estate und die Commerzbank, berechneten ihre Eigenmittel nicht nach IFRS, sondern auf der Grundlage des deutschen Handelsgesetzbuches, auf das die Nacht-und-Nebel-Aktion des IASB keine Auswirkung hatte. Bis Ende 2015 steht den Bankkonzernen in Deutschland ein Wahlrecht zur Verfügung, nach welchem Rechnungslegungsregime sie ihre regulatorischen Eigenmittel an die BaFin melden.
Die Wissenschaftler ziehen das Fazit, dass die Gefahr, der der IASB mit seiner Blitzaktion im Oktober 2008 begegnen wollte, zumindest für Deutschland eher eine untergeordnete Rolle gespielt habe. „Folglich muss die Vermutung relativiert werden, dass die Anknüpfung der bankaufsichtsrechtlichen Eigenmittel an eine durch eine Bewertung zum Fair Value gekennzeichnete Bilanzierung gemäß IFRS eine Abwärtsspirale an den Finanzmärkten entscheidend verstärkt haben könnte.“

Kontakt:

Prof. Dr. Renate Hecker und Dipl.-Kfm. Christian Klein-Wiele
Universität Tübingen
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl für BWL, insb. Internationale Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung
Telefon +49 7071 29-77597
E-Mail: renate.hecker[at]uni-tuebingen.de, christian.klein-wiele[at]student.uni-tuebingen.de

Michael Seifert | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.uni-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Energieversorger vor dem Umbruch
24.05.2012 | Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

nachricht Ein Kilogramm Fleisch so klimaschädlich wie bis zu 1600 Kilometer Autofahrt
24.05.2012 | FEWD Forschungsstelle für Ethik u. Wissenschaft im Dialog, Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit


Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und bestimmte Krebsformen gehen auf eine fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen im Körper zurück.

Wissenschaftlern des Instituts für Photonische Technologien (IPHT) in Jena ist es erstmals gelungen, Proteinstrukturen auf sub-molekularer Ebene nachzuweisen und spektroskopisch zu analysieren. Ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Krankheitsursachen.

„Bis heute hat man nicht genau verstanden, was die fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Alzheimer, ...

Im Focus: Widerspenstiges Quasiteilchen erzeugt


Die Quantenphysik beschreibt physikalische Vorgänge in Festkörpern und anderen Vielteilchensystemen auch mit Hilfe von Quasiteilchen.

Innsbrucker Physikern um Rudolf Grimm ist es nun erstmals gelungen, ein neues Quasiteilchen - ein repulsives Polaron - in einem Quantengas experimentell zu erzeugen. Die Forscher berichten darüber in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Nature.

Ultrakalte Quantengase sind ein ideales Experimentierfeld, um physikalische Phänomene in Festkörpern zu simulieren. Unter streng kontrollierten Bedingungen ...

Im Focus: Licht lässt Partikel wachsen - Forscher entdecken neuen Mechanismus in der Atmosphäre


Licht lässt die Partikel in der Atmosphäre wachsen. In einem Experiment hat ein internationales Forscherteam erstmals einen neuen Mechanismus nachweisen können, bei dem Partikel durch Licht größer werden und der damit Einfluss auf die Wolkenbildung und das Klima hat.

Photokatalytische Reaktionen können zu einer schnellen Bindung von nicht kondensierenden flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen (VOCs) auf der Oberfläche der Partikel führen. Unter solchen Bedingungen nehme die Größe und Masse der Partikel schnell zu, schreiben die Wissenschaftler im renommierten Fachblatt PNAS.

Die Ergebnisse des Laborexperimentes könnten Effekte erklären, die bisher schon bei Feldkampagnen ...

Im Focus: Abschreckung: Tabak signalisiert angreifenden Zikaden Verteidigungsbereitschaft


Ähnlich wie blutsaugende Insekten prüfen Pflanzenschädlinge ihren Wirt auf Abwehrsignale, bevor sie anfangen zu fressen

Pflanzen bilden wenige Minuten nach Angriff eines Fraßfeindes Jasmonsäure, ein Hormon, das die Verteidigung gegen Insekten in Gange setzt mit der Folge, dass giftige Stoffe wie Nikotin oder Verdauungshemmer in den Blättern akkumulieren.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie, Jena, haben jetzt herausgefunden, dass Zwergzikaden die Verteidigungsbereitschaft von Tabakpflanzen aufspüren können. ...

Im Focus: Erbgutkopie reist im Protein-Koffer


Wissenschaftlern vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Bonn ist es erstmals gelungen, den Transport eines wichtigen Informationsträgers in biologischen Zellen praktisch unmodifiziert in Echtzeit zu filmen.

Die Studie zeigt, wie die so genannte Boten-RNA die Zellkernhülle überwindet und vom Zellkern in das Zytoplasma gelangt. Diese Arbeit ist nun in dem renommierten Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) publiziert.

Der Bauplan aller Lebewesen ist in ihrem Erbgut gespeichert. Dieses lagert bei höheren ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Energieversorger vor dem Umbruch

24.05.2012 | Studien Analysen

Stem-cell-growing surface enables bone repair

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

NieKE Themenforum: Ökonomie - Tierschutz - Lebensmittelsicherheit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Nachhaltigkeit in der Schifffahrt: Werte vs. Wertschöpfung

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Wissenschaft und Öffentlichkeit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp