Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zwischen Wahrheit und Wahn: Klartraum-Studie bringt neue Einblicke ins Gehirn

18.08.2009
Manche Menschen werden sich beim Träumen bewusst, dass sie sich in einem Traum befinden. Erstmals haben Wissenschaftler der Universitäten Bonn, Darmstadt und Mainz sowie der Harvard Medical School jetzt gezeigt, dass das Gehirn bei sogenannten "Klarträumen" zwei Bewusstseinszustände gleichzeitig einnimmt.

Das schlafende Gehirn träumt und unternimmt zeitgleich eine kritische Bewertung und Realitätsüberprüfung dieser Traumphantasien. Diese Ergebnisse sind theoretisch interessant, sie haben jedoch auch wichtige klinische Implikationen, zum Beispiel für die Behandlung von Alpträumen und das Verständnis von Psychosen. Der Artikel erscheint in der September-Ausgabe der Zeitschrift "Sleep".

Albträume sind auch deshalb so schrecklich, weil der Träumende sie für bare Münze nimmt. Manche Menschen merken aber, dass es sich nur um Phantasiebilder handelt. Diese Fähigkeit lässt sich augenscheinlich trainieren. Das legt die internationale Pilotstudie nahe. Sie sind möglicherweise auch für die Diagnose und Therapie von Psychosen von Interesse. Diese gehen - wie Träume - mit Phantasievorstellungen einher, die die Patienten nicht als solche identifizieren können.

Unsere Traumerlebnisse sind reine Produkte unserer Phantasie. Im Schlaf merken wir das jedoch in aller Regel nicht, sondern nehmen sie für bare Münze. Die Angst, die wir verspüren, wenn uns im Traum ein Tiger angreift, ist daher auch sehr real. Wenn Schlafende während eines Traums plötzlich realisieren, dass sie nur Phantasiebilder sehen, spricht die Wissenschaft von "Klarträumen". "Bislang wusste aber niemand, was dabei genau in unserem Gehirn passiert", sagt Dr. Ursula Voss vom Institut für Psychologie der Universität Bonn.

Zusammen mit Kollegen aus Darmstadt, Mainz und Harvard hat sie das Phänomen "Klartraum" genauer unter die Lupe genommen. Als Versachspersonen dienten ihnen zwanzig Bonner Psychologie-Studenten. Zunächst versuchten die Forscher, die Klartraum-Wahrscheinlichkeit durch ein gezieltes Training zu erhöhen. Dazu nahmen die Probanden an wöchentlichen Trainings-Sitzungen teil. "Sie sollten sich beispielsweise Situationen überlegen, anhand derer sie Traum von Realität unterscheiden konnten", erklärt Ursula Voss. "Also etwa: Wenn ich mir die Nase zuhalte und dennoch atmen kann, muss ich träumen."

Sechs Teilnehmer konnten die Klartraum-Häufigkeit so innerhalb von vier Monaten auf mindestens dreimal pro Woche steigern. Die Forscher luden diese nun als Testschläfer ins Schlaflabor. Dabei zeichneten sie über Elektroden auf der Kopfhaut die Hirntätigkeit ihrer Probanden auf. "Leider kam es unter Laborbedingungen lediglich zu drei Klarträumen", bedauert Dr. Voss. "Unsere Ergebnisse sind daher nur als vorläufig zu betrachten. Wir konnten aber dennoch feststellen, dass sich während eines Klartraums die Aktivität des Stirnhirns signifikant ändert."

Ein Teil des Gehirns wacht auf, der Rest schläft weiter

Das Stirnhirn, auch frontaler Cortex genannt, ist für die kritische Bewertung von Geschehnissen zuständig. Normalerweise ist es im Schlaf weitgehend inaktiv. Daher sind wir gar nicht dazu in der Lage, die Erlebnisse im Traum zu hinterfragen. Bei Klarträumen ist das anders: Das Stirnhirn ist dabei deutlich aktiver. In den anderen Hirnbereichen ändert sich gegenüber "normalen" Träumen dagegen nichts. "Es ist, als wäre ein Teil des Gehirns plötzlich ein wenig wacher, während der Rest weiter schläft", sagt die Privatdozentin. Sie plant nun, die Studie mit mehr Probanden zu wiederholen. "Dabei wollen wir auch auf Tomographie-Untersuchungen zurückgreifen, um die Aktivität der verschiedenen Hirnregionen noch genauer messen zu können."

So vorläufig Ergebnisse momentan auch noch sind: In der Fachwelt stoßen sie momentan dennoch auf große Resonanz. Einerseits ist es interessant, dass sich die Fähigkeit zu "Klarträumen" trainieren lässt. Menschen, die häufig unter schweren Albträumen leiden, können möglicherweise lernen, sie beim Schlaf einem "Realitäts-Check" zu unterziehen. So würden nächtliche Horrorphantasien einen Teil ihres Schreckens verlieren.

Spannend ist auch, dass bei manchen psychiatrischen Erkrankungen eben diese Fähigkeit zum Realitäts-Abgleich fehlt. So gehen Psychosen mit Wahnvorstellungen einher, die der Betroffene nicht von der Wirklichkeit unterscheiden kann. Im Vergleich zum Klartraum scheint hier die Situation genau umgekehrt: Der Betroffene ist wach, kann seine Phantasien aber dennoch nicht kritisch analysieren. "Vielleicht kann man diese Fähigkeit jedoch - ähnlich wie bei unseren Versuchspersonen - trainieren", hofft Dr. Ursula Voss. Falls ja, könnten die Betroffenen lernen, zwischen "wahr" und "Wahn" zu unterscheiden.

Referenz: Voss U; Holzmann R; Tuin I; Hobson A.: Lucid dreaming: a state of consciousness with features of both waking and non-lucid dreaming. SLEEP 2009;32(9):1191-1200.

Kontakt:
PD Dr. Ursula Voss
Institut für Psychologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-4351 oder 0171/6894412
E-Mail: u.voss@uni-bonn.de

Dr. Andreas Archut | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Klartraum Klartraum-Studie Klarträume Münze Phantasiebilder Psychose Stirnhirn Wahn

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften