Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit zweierlei Maß gemessen – Geringere Bezahlung von Frauen wird nicht als ungerecht wahrgenommen

06.07.2010
Gerechtigkeitsforscher untersuchen Einkommensverhältnisse

Frauen verdienen am deutschen Arbeitsmarkt rund 20 Prozent weniger als vergleichbar ausgebildete Männer. Die Ursachen dafür sind vielschichtig, so arbeiten Frauen und Männer häufig in anderen Branchen oder verfügen über weniger Berufserfahrung.

Wissenschaftler der Universität Bielefeld (Professor Dr. Stefan Liebig, Carsten Sauer), der Universität Konstanz (Professor Dr. Thomas Hinz, Katrin Auspurg) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung - DIW Berlin (Professor Dr. Jürgen Schupp) zeigen nun in einer Studie, dass eine unterschiedliche Entlohnung von Männern und Frauen in der Bevölkerung zwar grundsätzlich abgelehnt wird, wenn jedoch nach den konkreten Vorstellungen gefragt wird, wie hoch ein gerechtes Arbeitseinkommen im konkreten Einzelfall sein sollte, so wird einer Frau ein deutlich geringerer Lohn zugebilligt als einem gleich qualifizierten Mann.Entscheidend ist dabei, dass nicht nur Männer dieser Ansicht sind, sondern Frauen haben selbst geringere Ansprüche an die Höhe ihres Erwerbseinkommens und sie gestehen auch ihren Geschlechtsgenossinnen ein deutlich geringes Einkommen zu als vergleichbaren Männern.

Diese Ergebnisse stützen sich auf insgesamt drei repräsentative Bevölkerungsumfragen, die in den Jahren 2008 und 2009 deutschlandweit durchgeführt wurden. In einer Befragung des DIW Berlin (Sozio-oekonomisches Panel) wurden rund 10 000 Erwerbstätige zunächst danach gefragt, ob sie ihr eigenes Erwerbseinkommen als gerecht oder als ungerecht ansehen. Wurde das eigene Einkommen als ungerecht eingeschätzt, sollten die Befragten den konkreten Einkommensbetrag nennen, der für sie selbst ein gerechtes Bruttoeinkommen darstellt. Die Ergebnisse zeigen, dass das als gerecht eingeschätzte eigene Bruttoeinkommen für Frauen nicht nur unterhalb des tatsächlichen Einkommens der Männer, sondern auch unterhalb des von den Männern für sich selbst als gerecht angesehenen Bruttoeinkommens liegt. Frauen gestehen sich selbst also ein geringeres Bruttoeinkommen zu als Männer.

In den beiden anderen Umfragen der Bielefelder und Konstanzer Wissenschaftler – die eine in Kooperation mit dem DIW Berlin, die andere als Eigenerhebung gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – wurden im Jahr 2008 insgesamt 1066 zufällig ausgewählte Personen und im Jahr 2009 rund 1600 zufällig ausgewählte Personen danach befragt, was aus ihrer Sicht ein gerechtes Einkommen für unterschiedliche Gruppen von Berufstätigen in Deutschland ist. Zunächst sollte pauschal die Wichtigkeit unterschiedlicher Kriterien für die Festsetzung von Löhnen und Gehältern bewertet werden: Neben der Bedeutung der Arbeitsleistung, des Berufs, des Ausbildungsniveaus und der wirtschaftlichen Situation des Unternehmen wurde auch nach der Wichtigkeit des Geschlechts gefragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Meinung ist, das Geschlecht sollte keine oder nur eine geringe Rolle bei der Festsetzung des Einkommens spielen. Daran anschließend wurden den Befragten zwischen 10 und 30 Beschreibungen von Erwerbstätigen vorgelegt, die sich nach mehreren Merkmalen unterschieden, zum Beispiel ihrem Beruf, ihrem Familienstand, ihrem Alter, ihrem Geschlecht und ihrem Einkommen. Für jeden dieser Fälle sollte dann einzeln bewertet werden, ob das angegebene Einkommen gerecht oder ungerecht ist. Die Ergebnisse zeigen nun, dass das Geschlecht bei der Bewertung die-ser konkreten Einzelfälle sehr wohl eine Bedeutung hat. Den Frauen wurde ein deutlich geringeres gerechtes Bruttoeinkommen zugestanden als Männern, selbst dann, wenn sie mit ansonsten gleichen Merkmalen wie Ausbildung, Beruf, Arbeitsleistung beschrieben wurden. So wurde einem 55-jährigen Arzt, der überdurchschnittliche Leistungen am Arbeitsplatz erbringt, Alleinverdiener ist und vier Kinder zu versorgen hat, ein Bruttoeinkommen von 7750 Euro zugestanden, einer Ärztin mit den gleichen Eigenschaften und Lebensumständen dagegen nur 7300 Euro.

Während also eine Ungleichbehandlung von Männern und Frauen bei der direkten Nachfrage abgelehnt wird, wird sie bei der Bewertung konkreter und alltagsnaher Fallbeispiele sichtbar. Die direkte Abfrage gibt deshalb nur die vordergründige Ansicht wieder, in der Bewertung der Fallbeispiele kommen offenbar fest verankerte Einstellungen zum Tragen. Insgesamt werden Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern somit in weiten Teilen der Bevölkerung als gerecht angesehen.

Professor Dr. Stefan Liebig resümiert: „In einer "gerechten" Welt, in der jeder das Einkommen erhalten würde, was er für sich als gerechtes ansieht, gäbe es demnach ebenfalls Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen, sie wären nur etwas geringer als sie aktuell existieren.“

Zu den Ursachen für die unterschiedlichen Einkommen von Männern und Frauen tragen möglicherweise in der Bevölkerung verankerte Vorstellungen darüber bei, dass es vornehmliche Aufgabe des Mannes ist, seine Familie zu versorgen und der Platz der Frauen zunächst im Haushalt ist. Außerdem bilden sich Vorstellungen über gerechte Einkommen vor allem über Vergleiche mit anderen. Dabei besteht die grundsätzliche Tendenz, sich mit Personen zu vergleichen, die ähnliche Merkmale aufweisen wie man selbst. Dementsprechend vergleichen sich Frauen zunächst mit anderen Frauen. Wenn Frauen häufig in „Frauenberufen" tätig sind, das Lohnniveau in diesen Berufen aber niedriger ist als in „Männerberufen“, so vergleichen sie sich immer mit denjenigen, die weniger verdienen als Männer.

Frauen, die in Haushalten leben, in denen beide Partner erwerbstätig sind, haben jedoch deutlich höhere Ansprüche an ihr Einkommen als alleine lebende Frauen oder alleinverdienende Frauen. Ein Grund für diesen Unterschied besteht in den Vergleichsmöglichkeiten, die sich Frauen in Zweiverdienerhaushalten eröffnen. Sie können sich mit ihren – in der Regel besser bezahlten – Männern direkt vergleichen. Dies gilt insbesondere, wenn beide im gleichen Beruf tätig sind oder über eine ähnliche Ausbildung verfügen. Frauen können unter diesen Bedingungen Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern unmittelbar wahrnehmen. Deshalb haben Frauen in Zweiverdienerhaushalten ein deutlich höheres Ungerechtigkeitsempfinden im Bezug auf ihr eigenes Einkommen als Frauen, die alleine leben.

Diese Befunde erklären auch, warum trotz gesetzlich verankerten Diskriminierungsverbots weiterhin Unterschiede im Einkommen zwischen Männern und Frauen existieren. Es sind demnach nicht nur die Männer, die der Meinung sind, Frauen müssten am Arbeitsplatz weniger verdienen, auch die Frauen selbst haben deutlich niedrigere Erwartungen an ihr Einkommen und formulie-ren deshalb – etwa bei Gehaltsverhandlungen – geringere Ansprüche.

Die Ergebnisse werden am Mittwoch, 7. Juli im Wochenbericht des DIW, Jg. 77, Heft 27-28, S. 11-16 veröffentlicht (www.diw.de)

Kontakt:
Professor Dr. Stefan Liebig, Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
Telefon: 0521 / 106-4616
E-Mail: stefan.liebig@uni-bielefeld.de
Professor Dr. Thomas Hinz, Universität Konstanz
Fachbereich Geschichte und Soziologie
Telefon: 07531 / 88-3300
E-Mail: thomas.hinz@uni-konstanz.de
Prof. Dr. Jürgen Schupp, DIW Berlin
Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)
Telefon: 030 / 89789-238
E-Mail: jschupp@diw.de

Torsten Schaletzke | idw
Weitere Informationen:
http://www.diw.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften