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Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Katastrophe von Tschernobyl hatten vergleichbare Effekte

19.12.2011
Vor kurzem veröffentlichte Studie zeigt auf, wie Institutionen und Institutionenwandel Landnutzung und Landbedeckung beeinflussen | An der Ausarbeitung beteiligt waren Wissenschaftler verschiedener Universität und Forschungseinrichtungen.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und das Reaktorunglück von Tschernobyl haben sich in vergleichbar drastischem Ausmaß auf die Stilllegung landwirtschaftlicher Flächen ausgewirkt. Das ist das Ergebnis einer Studie, die vor kurzem in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Environmental Research Letters veröffentlicht wurde.

Mit Hilfe von Satellitendaten untersuchten die Autoren die Grenzregion von Weißrussland und der Ukraine in einem Radius von 80 Kilometern um den Reaktor von Tschernobyl. Sie verglichen die Effekte der Tschernobylkatastophe nach der Kernschmelze (1986-1992) mit denen der Transformation in Weißrussland und der Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1992-1999-2006).

Nach dem Reaktorunglück 1986 wurde die Bevölkerung aus Gebieten evakuiert, die in hohem Maße mit radioaktivem Cäsium 137 belastet waren. Der Studie zufolge wurden bis 1992 in diesem Gebiet (etwa in einem Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor) in Weißrussland und in der Ukraine etwa 67 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen stillgelegt. Weit niedriger war der Anteil stillgelegter Flächen im weiteren Umkreis, wo die Umsiedlung nicht vorgeschrieben war: 24,9 Prozent in Weißrussland und 23 Prozent in der Ukraine.

Insgesamt wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mehr Flächen stillgelegt (36 Prozent) als nach der Tschernobylkatastrophe. Besonders hoch waren die Stilllegungsraten in den ersten zehn Jahren nach dem Zusammenbruch. „Wir hatten natürlich erwartet, dass radioaktiv kontaminierte landwirtschaftliche Flächen auf beiden Seiten der Grenze nicht mehr genutzt werden. Aber dass die Stilllegungsraten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion genauso hoch bzw. im Falle der Ukraine sogar höher waren als nach dem Reaktorunglück, hat uns wirklich überrascht“, kommentiert Alexander V. Prishchepov, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), der an der Studie mitgearbeitet hat. „In der Sowjetära wurden auch schon Flächen stillgelegt, das war uns bekannt. Aber der Systemzusammenbruch brachte eine ganz andere Dynamik mit sich, das Ausmaß der Stilllegungen war viel größer als zuvor.“

Im grenzüberschreitenden Vergleich zeigten sich große Unterschiede im Ausmaß der Flächenstilllegung im postsowjetischen Weißrussland und in der postsowjetischen Ukraine. Vor dem Zusammenbruch des Kommunismus herrschten dort ähnliche Rahmenbedingungen, doch für die Transformation zur Markwirtschaft wählten die Länder unterschiedliche Herangehensweisen. Bis 1999 wurde in der Ukraine fast doppelt so viel der im Jahr 1992 genutzten landwirtschaftlichen Fläche stillgelegt (62,5 Prozent) wie in Weißrussland (37,7 Prozent). Diese Unterschiede prägten sich bis 2006 weiter aus. Vermutlich reflektieren diese Entwicklungen Unterschiede in der Landnutzungspolitik nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

„Dieses natürliche Experiment illustriert die unterschiedlichen Auswirkungen, die eine große sozioökonomische Veränderung, nämlich der Zusammenbruch der Sowjetunion, in zwei Nachbarländern hatte. Früher gehörten Weißrussland und die Ukraine derselben Union an und unterlagen der gleichen Landnutzungspolitik. Nach dem Zusammenbruch wurde in der Ukraine eine schwache Landnutzungspolitik verfolgt, die Regierung entzog der Landwirtschaft und den ländlichen Räumen einen Großteil der Unterstützung und garantierte nicht mehr für die Abnahme der produzierten Güter. Im Gegensatz dazu hat sich die Landnutzungspolitik in Weißrussland kaum geändert. Die Regierung spielt nach wie vor eine wichtige unterstützende Rolle für die Landwirtschaft und die ländlichen Räume und sorgt dafür, dass unprofitable Staats- und Kollektivbetriebe weiter produzieren. Der Ansatz, den Weißrussland gewählt hat, um den Übergang in Marktbedingungen zu gewährleisten, ist eindeutig weniger radikal – auch wenn die weißrussische Wirtschaft kaum als völlig offene Marktwirtschaft bezeichnet werden kann“, erläutert Prishchepov.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft hatte ausgedehnte Stilllegungen landwirtschaftlicher Flächen in einem Sechstel der Erde zur Folge. Mehr als 45 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche liegen derzeit allein im europäischen Teil Russlands brach, dem Nachbarland von Weißrussland und der Ukraine. Die Herangehensweise an die Transformation in Russland ähnelte derjenigen der Ukraine. Prishchepov kommentiert: „Unsere Studie zeigt, in welcher Weise sich institutionelle Veränderungen und institutionelle Unterschiede auf Landnutzung und Landbedeckung auswirken. Solche starken Effekte sind auf der ganzen Welt nicht ungewöhnlich und sollten von den Regierungen berücksichtigt werden, bevor sie politische Maßnahmen zum Einsatz bringen und institutionelle Veränderungen durchführen.“

Die Studie wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Humboldt-Universität zu Berlin (Dr. Patrick Hostert, Dr. Tobias Kuemmerle, MSc Anika Sieber), des IAMO (Dr. Alexander Prishchepov), der Stanford University, USA (Dr. Erick Lambin) und der University of Wisconsin-Madison, USA (Dr. Volker Radeloff) gemeinsam erarbeitet.

Über das IAMO
Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel-und Osteuropa (IAMO) ist eine international anerkannte Forschungsreinrichtung. Mit über 60 Wissenschaftlern und in Kooperation mit anderen renommierten Instituten widmet es sich wichtigen Fragen der Agrar- und Ernährungswirtschaft und der ländlichen Räume. Hauptuntersuchungsregionen sind Mittel- und Osteuropa sowie Zentral- und Ostasien. Seit seiner Gründung 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner
Dr. Alexander V. Prishchepov
Tel. +49 345 29 28 326
prishchepov@iamo.de
Ansprechpartnerin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rebekka Honeit
Tel. 0345 – 29 28 330
honeit@iamo.de

Rebekka Honeit | idw
Weitere Informationen:
http://www.iamo.de/

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