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Zeitungen vor der Zeitung

31.10.2011
Eine kulturhistorische Studie von Oswald Bauer präsentiert die Augsburger "Fuggerzeitungen" als ein herausragendes Beispiel für die Leistungsfähigkeit des europäischen Nachrichtenwesens am Übergang von den geschriebenen zu den gedruckten Zeitungen.

Als wichtigstes europäisches Kommunikationszentrum nahm Augsburg zu Beginn der Neuzeit eine herausragende Stellung ein. Bedeutende Handelshäuser wie das der Fugger nutzten die Infrastruktur der Post zur zeitnahen Kommunikation mit ihren Filialen. Aktuelle Berichte jedweder Art liefen in Augsburg zusammen.

Mit den sogenannten Fuggerzeitungen (1568–1605) ist eine besonders eindrucksvolle Sammlung solcher Berichte überliefert. Sie umfasst rund 16.000 handschriftliche Nachrichten nicht nur aus allen Regionen Europas, sondern auch aus den überseeischen Kolonien in Amerika und Indien. In seiner jetzt als Band 28 der "Colloquia Augustana" des Instituts für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg erschienen Studie " Zeitungen vor der Zeitung. Die Fuggerzeitungen (1568–1605) und das frühmoderne Nachrichtensystem" analysiert der Historiker Dr. Oswald Bauer den Inhalt dieser Nachrichten. Er fragt, zu welchem Zweck sie eingefordert, gesammelt und aufbewahrt wurden, und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Berichte nur zu einem geringen Teil wirtschaftlicher und in weitaus größerem Umfang politischer und militärischer Natur waren. So zeichnet Oswald am Beispiel der Fuggerzeitungen ein spannendes Bild des frühneuzeitlichen Nachrichtenwesens an der Schwelle zur Etablierung der europäischen Zeitungslandschaft, in dem der Beitrag der Fuggerzeitungen zum Aufbau einer neuzeitlichen Informationskultur deutlich hervortritt.

Augsburg war im 16. Jahrhundert nicht nur eine wohlhabende deutsche Handelsstadt und häufiger Tagungsort der Reichstage, vielmehr war die Stadt auch ein europäisches Kommunikationszentrum ersten Ranges, in dem die europäischen und deutschen Informationsstränge zusammenliefen. Als erste Reichsstadt überhaupt verfügte Augsburg über ein eigenes Postamt der berühmten Taxis-Post. Insbesondere die Augsburger Handelshäuser nutzten diese postalische Infrastruktur für ihre Geschäfte. Dabei ging es einerseits um die zeitnahe Kommunikation mit ihren Filialen und andererseits um das Interesse an stets aktuellen Informationen aus allen Regionen Europas und darüber hinaus.

Rund 16.000 handschriftliche Nachrichten aus ganz Europa, aus Amerika und aus Indien

Am Beispiel der Fugger lässt sich dieses Informationssystem besonders gut nachvollziehen. Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist ein reichhaltiger Quellenbestand handschriftlicher Nachrichten überliefert, der von den Augsburger Unternehmerbrüdern Philipp Eduard Fugger (1546–1618) und Octavian Secundus Fugger (1549–1600) gesammelt worden war. In den 27 erhaltenen Bänden sind gut 16.000 Nachrichten aus Europa, Amerika und Indien enthalten, die meist mit der Post verschickt wurden und wöchentlich in Augsburg eintrafen.

Informationsgrundlage und -speicher

In erster Linie waren diese Nachrichten - vergleichbar mit heutigen Zeitungen - aktuelle Informationsgrundlage für die geschäftlich teils gemeinsam, teils separat agierenden Fugger-Brüder. Zugleich fungierten sie als Informationsspeicher, auf den man jederzeit leicht zugreifen konnte und auf dessen Basis man seinerseits die eigenen Angestellten in den Filialen außerhalb Augsburgs über wichtige, für sie relevante Neuigkeiten informieren konnte. Und nicht zuletzt war es im persönlichen Umfeld der Fugger-Brüder auch eine Frage des Prestiges, stets möglichst aktuell, umfassend und genau informiert zu sein.

Auch von professionellen Nachrichtenschreibern

Als Sammler der Informationen und Berichterstatter fungierten neben eigenen Angestellten, Freunden und Bekannten auch professionelle Nachrichtenschreiber. Dieser Berufsstand hatte sich zunächst in Italien entwickelt, erst im Laufe des 16. Jahrhunderts verbreitete er sich samt der Technik des Nachrichtenschreibens von Italien aus allmählich in Europa.

Politisch, aktuell, detailliert und flächendeckend

Bauer belegt, dass die Fuggerzeitungen - entgegen früherer Annahmen - nicht primär Wirtschaftsnachrichten transportierten, dass der überwiegende Teil der Berichte sich vielmehr auf wichtige politische Ereignisse der Zeit bezog, dass diese Berichte weiterhin in höchstem Maße aktuell und detailliert waren und dass sie nahezu den gesamten europäischen Raum abdeckten. Die Studie "Zeitungen vor der Zeitung" von Oswald Bauer präsentiert die Augsburger Fuggerzeitungen damit als ein herausragendes Beispiel für die Leistungsfähigkeit des europäischen Nachrichtenwesens an der Wende des 16. zum 17. Jahrhundert, am Übergang von den geschriebenen zu den gedruckten Zeitungen also.

Zum Autor

Dr. Oswald Bauer, geboren 1978 in Brixen (Südtirol/Italien), studierte an den Universitäten Wien und Aarhus (DK) die Fächer Geschichte sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Ab 2005 war er Stipendiat des Augsburger Graduiertenkollegs "Wissensfelder der Neuzeit. Entstehung und Aufbau der europäischen Informationskultur". Im Wintersemester 2008/09 erfolgte die Promotion an der Universität Augsburg mit der Studie "Zeitungen vor der Zeitung", die von Prof. Dr. Johannes Burkhardt (Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit) und Prof. Dr. Wolfgang Weber (Institut für Europäische Kulturgeschichte) betreut wurde und 2009 mit dem Förderpreis des Bezirkstags Schwaben ausgezeichnet wurde.

Oswald Bauer, Zeitungen vor der Zeitung. Die Fuggerzeitungen (1568–1605) und das frühmoderne Nachrichtensystem (= Colloquia Augustana, Bd. 28), Akademie Verlag, Berlin 2011, 436 S., 7 Abbildungen, gebunden, 89,80 Euro, ISBN 978-3-05-005158-1

Klaus P. Prem | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-augsburg.de/

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