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Zahlreiche Dörfer sind in ihrem Bestand gefährdet

28.11.2011
Eine Studie des Berlin-Instituts hat die demografische Entwicklung von Dörfern im thüringischen Kreis Greiz und im hessischen Vogelsbergkreis untersucht.

Viele Orte blicken angesichts eines enormen Einwohnerschwunds in eine ungewisse Zukunft. Im Vogelsbergkreis fällt ein Sechstel, in Greiz sogar ein Fünftel der Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern in einen als kritisch zu bewertenden Risikobereich. Politik und Kommunalplanung brauchen eine klare Strategie zur Zukunft des ländlichen Raumes.

Der Landkreis Greiz in Thüringen und der Vogelsbergkreis in Hessen sind typische Beispiele für ländliche Regionen, die massiv unter dem demografischen Wandel leiden. Sie gehören zu den Gebieten mit den stärksten Bevölkerungsverlusten in Ost- beziehungsweise Westdeutschland. Den Kreisen gingen zwischen 2004 und 2010 neun respektive sechs Prozent der Einwohner verloren. Prognosen gehen davon aus, dass der Landkreis Greiz bis 2025 ein weiteres Viertel seiner Bewohner verlieren dürfte – und damit auch einige seiner zahlreichen kleinen Dörfer.

Im Vogelsbergkreis verläuft die Entwicklung dabei wie im Lehrbuch: Kleinere Orte verlieren tendenziell stärker Bevölkerung als größere und solche, die weiter von städtischen Zentren und von Infrastruktureinrichtungen entfernt liegen, schrumpfen stärker als Dörfer in deren Nähe. Damit zeichnet sich ein Konzentrationsprozess der Bevölkerung auf größere und zentraler gelegene Orte ab, wie er überall dort in Deutschland zu beobachten ist, wo die Einwohnerzahlen sinken. Innerhalb von nur sechs Jahren hat mehr als ein Viertel aller Dörfer am Vogelsberg mit weniger als 500 Einwohnern zwischen zehn und 22 Prozent der Bevölkerung verloren.

Hingegen verläuft die Dorfentwicklung im Kreis Greiz nach einem weniger klaren Muster. Hier wirken noch immer die Verwerfungen der Wendezeit nach: Einerseits sind durch den Zusammenbruch ganzer Branchen zwischen 1991 und 2009 fast 40 Prozent der ursprünglichen Arbeitsplätze verloren gegangen und vor allem junge Menschen sind auf der Suche nach Arbeit fortgezogen. Andererseits war es erst nach der Wende möglich, Neubausiedlungen auf der grünen Wiese zu errichten. Manche Orte haben dadurch neue Bewohner angezogen, verfügen heute noch über eine vergleichsweise junge Bevölkerung und dürften vorerst stabil bleiben.

Insgesamt aber ist die demografische Lage im thüringischen Kreis Greiz dramatischer als im Vogelsbergkreis: Auch wenn zwischen 2004 und 2009 knapp ein Fünftel der Dörfer stabil bleiben oder gar wachsen konnte, hatte fast ein Drittel der etwa 200 kleinen Dörfer Bevölkerungsverluste zwischen zehn und 30 Prozent zu verbuchen.

Auf der Suche nach Faktoren, die auf Stabilität oder Niedergang hinweisen, hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sämtliche Dörfer der beiden Kreise besucht und Daten zur Siedlungsstruktur und zum Zustand der Gebäude erhoben sowie die Fahrzeiten zu großen Städten und die Erreichbarkeit von Infrastruktureinrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Restaurants oder Bankfilialen ausgewertet. Positiv auf die demografische Entwicklung wirken sich dabei kompakte Dörfer, Neubausiedlungen, eine attraktive landschaftliche Lage, aber auch eine aktive Bürgerschaft mit einem regen Vereinsleben aus. Umgekehrt stehen leer stehende oder gar verfallende Gebäude sowie langgestreckte, unstrukturierte Orte eher für demografischen Schwund.

Neben diesen Faktoren wirken sich vor allem die Dorfgröße, die Erreichbarkeit von Oberzentren mit wichtigen öffentlichen Einrichtungen und die Altersstruktur der Bevölkerung auf die Zukunftsfähigkeit der Dörfer aus. Aus diesen Kriterien wurde das Gefährdungspotenzial der Orte abgeschätzt. Im Ergebnis fällt im Landkreis Greiz ein Fünftel der 196 kleinen Dörfer in einen kritischen Risikobereich und ist im Bestand gefährdet. Fünf dieser Siedlungen zählen mittlerweile weniger als 20 Einwohner. Vier Orte haben in nur sechs Jahren mehr als 20 Prozent ihrer Bewohner verloren. In zwölf Greizer Dörfern gibt es kein einziges Kind unter sechs Jahren mehr.

Im hessischen Vogelsbergkreis sind die Dörfer tendenziell größer als in Thüringen, die Bevölkerung ist jünger und das Vereinsleben ist deutlich stärker ausgeprägt. Hier fällt ein Sechstel aller Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern in einen als kritisch zu bewertenden Risikobereich. Drei der kritischen Dörfer haben zwischen 2004 und 2010 mehr als 15 Prozent ihrer Einwohner verloren, zwei weitere sogar mehr als 18 Prozent.

Das Berlin-Institut fordert, ehrlich mit den Bürgern betroffener Siedlungen umzugehen und die voraussichtliche Entwicklung der Dörfer offen zu diskutieren. Nur so können die Bürgerinnen und Bürger realistisch ihre Zukunft planen. Generell ist in Bundesländern mit sehr kleinen Kommunen die Bildung von Großgemeinden zu empfehlen, sie dann aber auch mit mehr Handlungsspielräumen und einem Regionalbudget auszustatten. Dies sind finanzielle Mittel, die den Regionen ohne detaillierte Zweckbindung zustehen. So kann ortsübergreifend von gewählten Bürgervertretern entschieden werden, wo Infrastruktur vorgehalten, wo Baugenehmigungen erteilt und wo nicht mehr investiert wird. Darüber hinaus sollte ein Fonds eingerichtet werden, der Dorfrückbau und den Abriss von Schrottimmobilien finanziert. Damit können Ortskerne attraktiv gehalten oder nicht mehr benötigte Flächen an die Natur zurückgegeben werden. Zusätzlich sollten in Dörfern, in denen nur noch ältere Menschen leben, Angebote gemacht werden, die es den Bewohnern rechtzeitig ermöglichen, in zentrale Orte mit eine besseren Versorgungslage umzuziehen.

Die Studie „Die Zukunft der Dörfer“ entstand unter Mitwirkung und durch finanzielle Förderung der Stiftung Schloss Ettersburg.

Stephan Sievert | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org/

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