Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie LSD das Ich auflöst

14.04.2016

Kieler Wissenschaftler veröffentlichen Studie zur Gehirnaktivität unter LSD

Wenn Menschen die bewusstseinsverändernde Droge LSD nehmen, empfinden manche eine Auflösung jeglicher Grenzen, die sie von der Welt um sie herum trennen. Dieses Phänomen, auch als „Ich-Auflösung“ bekannt, haben Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forschungsteam jetzt genauer untersucht und die ersten funktionellen Magnetresonanzbilder (fMRI) von menschlichen Gehirnen unter LSD-Einfluss aufgenommen. Die Ergebnisse dieser Studie sind jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Current Biology erschienen.


Unter Einfluss von LSD (rechts) nimmt die Vernetzung von Regionen höherer Hirnfunktion (Konnektivität) zu.

Foto/Copyright: Enzo Tagliazucchi

Bekannt ist schon lange, dass psychedelische Drogen die Fähigkeit nehmen können, sich selbst als getrennt von der Umwelt wahrzunehmen und stattdessen einen Zustand „allumfassenden Bewusstseins“ entstehen lassen. Dieser Zustand ähnelt solchen Zuständen, die bei bestimmten psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen vorkommen.

Die genaue organische Wirkung von LSD auf die Gehirnfunktion wurde bisher allerdings nicht untersucht. Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der CAU haben zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Großbritannien, Neuseeland und den Niederlanden mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) die Gehirnaktivität von 15 gesunden Menschen untersucht, denen zuvor eine niedrige Dosis LSD verabreicht worden waren. Die Aufnahmen haben sie mit Bildern einer Kontrollgruppe verglichen, die Kochsalzlösung erhalten hat.

„Wir konnten feststellen, dass unter Einfluss der Droge die Vernetzung von Regionen sogenannter höherer Hirnfunktion signifikant zunimmt“, erklärt PD Dr. Helmut Laufs von der Klinik für Neurologie der CAU. „Diese Hirnregionen entsprechen genau den Bereichen, in denen sich die Rezeptoren befinden, die auf LSD reagieren.“ Die Zunahme der Gesamtvernetzung im Gehirn unter LSD-Gabe entsprach dem Grad der Ich-Auflösung, den die Probandinnen und Probanden berichteten.

Die Forscherinnen und Forscher lokalisierten eine besonders starke Zunahme der Vernetzung innerhalb von fronto-parietalen Hirnregionen, die führend verantwortlich sind für die Ausbildung einer Selbstwahrnehmung. Insbesondere beobachteten sie eine Zunahme der Kommunikation zwischen diesen Teilen des Gehirns und sensorischen Arealen, die Informationen über die äußere Umgebung des Körpers empfangen und sie für die weitere Verarbeitung anderen Gehirnbereichen weitervermitteln.

„Die Hirnscans der Probandinnen und Probanden deuten darauf hin, dass LSD die Sinneseindrücke aus der Umwelt unmittelbarer in die Selbstwahrnehmung miteinbeziehen lässt“, sagt der Erstautor der Studie, Dr. Enzo Tagliazucchi, ehemals Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der CAU, jetzt an der Königlich Niederländischen Akademie der Künste und Wissenschaften. „Dieses Verschmelzen der Außenwelt mit der eigenen Innenwelt entspricht der Bewusstseinsänderung unter LSD mit Ich-Auflösung.“

In weiterführenden Studien wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Imperial College in London künftig auch andere psychedelische Drogen und deren mögliche Verwendung bei der Behandlung von Erkrankungen einschließlich Depressionen und Angstzuständen untersuchen. „Die Ergebnisse dieser Studie zeigen auch den grundsätzlichen Nutzen der bildgebenden Verfahren für die Untersuchung verschiedener Bewusstseinszustände wie Schlaf und Narkose, aber zum Beispiel auch bei bestimmten Epilepsiesyndromen“, sagt Laufs, der an der Klinik für Neurologie weiter in diese Richtung forschen wird.

Originalpublikation:
Enzo Tagliazucchi, Leor Roseman, Mendel Kaelen, Csaba Orban, Suresh
Muthukumraswamy, Kevin Murphy, Helmut Laufs, Robert Leech, John McGonigle, Nicolas Crossle, Edward Bullmore, Tim Williams, Mark Bolstridge, Amanda Feilding, David Nutt und Robin Carhart-Harris (2016) Increased global functional connectivity correlates with LSD-induced ego-dissolution, Current Biology
http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2016.02.010


Kontakt:
PD Dr. Helmut Laufs
Klinik für Neurologie
Tel.: 0431/597-8550
E-Mail: h.laufs@neurologie.uni-kiel.de

Weitere Informationen:

http://www.uni-kiel.de/pressemeldungen/index.php?pmid=2016-107-lsd-forschungspub...

Dr. Boris Pawlowski | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie