Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vorgeschichte einer Sprache lenkt ihre Entwicklung

15.04.2011
Kulturelle Entwicklung bestimmt Sprachen stärker als universelle Regeln

Wir Menschen sprechen nicht nur gerne und viel, wir tun dies auch auf unterschiedlichste Weise: Rund 6000 Sprachen werden heute auf der Erde gesprochen. Wie sich diese Fülle an Ausdrucksweisen entwickelt hat, ist jedoch bis heute größtenteils ein Rätsel.

Eine Forschergruppe am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande, hat nun herausgefunden, dass die Evolution der Worstellung im Satz bei Sprachen aus verschiedenen Sprachfamilien unterschiedlich verläuft. Dies widerspricht der gängigen Lehrmeinung, wonach sich die Wortstellung nach universellen, auf alle Sprachen anwendbaren Regeln entwickelt. Die Forscher schließen daraus, dass Sprachen nicht in erster Linie angeborenen Regeln der Sprachverarbeitung im Gehirn folgen. Vielmehr wird die Satzstruktur einer Sprache entscheidend von ihrer Vorgeschichte bestimmt.

Linguisten wollen verstehen, wie die Sprachvielfalt entstanden ist und welchen Zwängen die Evolution von Sprache unterliegt. Dazu suchen sie nach wiederkehrenden Mustern in der Sprachstruktur. Denn die Sprachverwirrung bewegt sich trotz der gewaltigen Vielfalt an Lauten und Satzbaumustern innerhalb bestimmter Grenzen: Einzelne Sprachmuster wiederholen sich. So steht zum Beispiel in einigen Sprachen das Verb am Satzanfang, bei anderen wiederum in der Mitte oder am Ende des Satzes. Auch die Bildung von Wörtern innerhalb einer Sprache folgt bestimmten Prinzipien.

Michael Dunn und Stephen Levinson vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik haben 301 Sprachen aus vier großen Sprachfamilien analysiert: Austronesisch, Indo-Europäisch, Bantu und Uto-Aztekisch. Im Fokus der Wissenschaftler stand jeweils die Reihenfolge von Satzteilen wie „Objekt-Verb“, „Verhältniswort-Hauptwort“, „Genitiv-Hauptwort“ oder „Relativsatz-Hauptwort“ und die Frage, ob sich deren Stellung im Satz gegenseitig beeinflusst. So wollten die Forscher etwa herausfinden, ob sich die Stellung des Verbs auch auf andere Wortfolgen auswirkt: Wenn beispielsweise das Verb vor dem Objekt steht („Der Spieler schießt den Ball“), steht gleichzeitig auch das Verhältniswort vor dem Hauptwort („ins Tor“)? In vielen Sprachen ist das der Fall, aber ist es auch eine zwangsläufige Folge der Sprachentwicklung?

“Unsere Studie zeigt, dass in den verschiedenen Sprachfamilien unterschiedliche Prozesse ablaufen“, sagt Michael Dunn. „Die Evolution von Sprache folgt nicht einem einzelnen universellen Regelwerk“. So beeinflusste die Stellung „Verb-Objekt“ die Reihenfolge „Verhältniswort-Hauptwort“ zwar in den Austronesischen und Indo-Europäischen Sprachen, aber nicht auf dieselbe Art und Weise und überhaupt nicht in den Bantu- und Uto-Aztekischen Sprachfamilien. Nie fanden die Forscher dieselben Muster in der Wortfolge über alle Sprachfamilien hinweg.

Der amerikanische Linguist Noam Chomsky vertritt seit den 1950er Jahren die Ansicht, dass es universelle Gemeinsamkeiten zwischen allen Sprachen gibt. Er macht ein angeborenes Sprachvermögen dafür verantwortlich ist, das bei allen Menschen auf denselben Prinzipien beruht. Der Sprachforscher Joseph Greenberg dagegen setzt keine genetisch festgelegte „Universalgrammatik“ voraus, sondern eine „universelle Wortordnung“: Demnach bestimmen allgemeine Mechanismen der Sprachverarbeitung im Gehirn die Reihenfolge von Wörtern und Satzteilen. Die neuen Ergebnisse der Sprachforscher widersprechen beiden Ansichten. „Unsere Studie deutet daraufhin, dass die kulturelle Entwicklung sehr viel stärker beeinflusst, wie sich eine Sprache entwickelt, als universelle Regeln. Die Sprachstruktur ist also offenbar weniger biologisch festgelegt, sondern wird von ihrer Abstammung geprägt“, erklärt Stephen Levinson. Als nächstes wollen die Wissenschaftler in anderen Sprachfamilien analysieren, wie die Sprachentwicklung die Struktur von Sprachen formt.

Ansprechpartner
Prof. Dr. Stephen C. Levinson
Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen
Telefon: +31 24 3521276
Fax: +31 24 3521300
E-Mail: stephen.levinson@mpi.nl
Michael Dunn
Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen
Telefon: +31 24 3521-181
E-Mail: michael.dunn@mpi.nl
Originalveröffentlichung
Michael Dunn, Simon J. Greenhill, Stephen C. Levinson, Russell D. Gray
Evolved structure of language shows lineage-specific trends in word-order „universals“

Nature, Advance Online Publication, 13 April 2011

Prof. Dr. Stephen C. Levinson | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de
http://www.mpg.de/1371202/entwicklung_der_sprachen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Fraunhofer WKI koordiniert vom BMEL geförderten Forschungsverbund zu Zusatznutzen von Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen

05.12.2016 | Förderungen Preise

Höhere Energieeffizienz durch Brennhilfsmittel aus Porenkeramik

05.12.2016 | Energie und Elektrotechnik