Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Versicherungsbetrug betrachten viele als reines Kavaliersdelikt

07.09.2011
Wer bei Versicherungsunternehmen überhöhte Schadensmeldungen einreicht oder bewusst falsche Angaben macht, glaubt häufig nicht, dass er damit eine Straftat begeht.

Auch die Versicherungsvermittler haken Betrugsversuche oft als Kavaliersdelikt ab, um keine Kunden zu verlieren. Auch die Versicherungsunternehmen selbst gehen erstaunlich kulant mit Betrugsrisiken um und halten sich bei Straftaten ihrer Kunden eher bedeckt, obwohl in der Summe hohe Schäden entstehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität des Saarlandes zum „Management von Betrugsrisiken in Versicherungsunternehmen", die von der promovierten Betriebswirtin Jessica Knoll jetzt im Nomos-Verlag veröffentlicht wurde.

„Rund 40 Prozent der von mir befragten Versicherungsnehmer waren der Meinung, dass fast jeder Kunde schon einmal seine Versicherung betrogen hat. Eine ähnlich hohe Zahl hat einen Versicherungsbetrug im engeren persönlichen Umfeld beobachtet und hält es für etwas Alltägliches“, sagt Jessica Knoll. Für ihre Doktorarbeit an der Saar-Uni hat die Betriebswirtin rund 400 Fragebögen von Versicherungsnehmern und über hundert Fragebögen von Versicherungsvermittlern ausgewertet, um herauszufinden, wie sie Betrügereien bei Versicherungsunternehmen einschätzen und bewerten. Darüber hinaus hat sie die umfangreiche Literatur zum Versicherungsbetrug ausgewertet und untersucht, wie das Management von Versicherungsunternehmen mit dem Betrugsrisiko umgeht. „Nach Schätzungen der Versicherungswirtschaft muss die Branche jedes Jahr rund vier Milliarden Euro Verlust in Kauf nehmen aufgrund des betrügerischen Verhaltens ihrer Kunden. Angesichts dieses Betrages finde ich es erstaunlich, dass viele Versicherungsunternehmen häufig nicht konsequent genug gegen Betrugsfälle vorgehen“, stellte Jessica Knoll bei ihrer Studie fest.

Auch das Unrechtsbewusstsein der angestellten oder selbstständig tätigen Versicherungsvermittler hält sich offenbar in Grenzen. „Bei meiner anonymen Umfrage sahen es mehr als die Hälfte der Vermittler nur als Kavaliersdelikt an, wenn man die Schilderung des Schadens so verändert, dass das Versicherungsunternehmen auf jeden Fall bezahlt“, stellte die Wissenschaftlerin fest. Immerhin betrachten es mehr als 60 Prozent der Befragten als Straftat, wenn man Versicherungsnehmern empfiehlt, notwendige Angaben bewusst zu unterlassen. „Die Mehrheit der Vermittler meinte, dass ihre Versicherungsunternehmen den Betrug nicht aktiv fördern, aber auch nicht konsequent bekämpfen würden. Rund 90 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit versuchten Fällen von Versicherungsbetrug in Berührung gekommen seien, der finanzielle Schaden hieraus für die betroffenen Versicherungsunternehmen aber nicht sehr hoch zu sein scheint“, erläutert Knoll. Immerhin bewerten die Vermittler den Versicherungsbetrug eher als Straftat und stufen nur die Fahrerflucht und Steuerhinterziehung als geringfügigere Delikte ein. Bei der Umfrage unter den Endkunden wurde hingegen der Versicherungsbetrug eindeutig als „Kavaliersdelikt“ eingestuft.

„Vor diesem Hintergrund verwundert es vielleicht nicht, dass ein Drittel der befragten Endkunden meint, eine Versicherung lohne sich nur, wenn auch mal ein Schaden eintritt. Und jeder achte glaubt, dass sich Versicherungen eine goldene Nase verdienen und es daher nicht ins Gewicht falle, wenn man sich als Kunde etwas von seiner Versicherungsprämie zurückholt“, stellte die Saarbrücker Betriebswirtin fest. Zugleich gewann sie bei ihrer anonymen Befragung den Eindruck, dass die Versicherungsnehmer überschätzen, wie häufig Betrügereien tatsächlich aufgedeckt werden. „Die Unternehmen selbst kehren offenbar viele Betrugsfälle unter den Teppich und kündigen lieber den untreuen Kunden, bevor sie durch Strafanzeigen ein schlechtes Image bekommen“, erklärt Knoll. Wenngleich die in den Studien gewonnenen Erkenntnisse zunächst nur für die betrachteten Stichproben gelten, so bestätigen sie doch viele Erkenntnisse aus der einschlägigen Literatur und aus ähnlichen Studien. Jessica Knoll rät den Versicherungsunternehmen daher, ihre Mitarbeiter und Vermittler intensiver zu schulen und diese so stärker für mögliche Betrügereien zu sensibilisieren. „Es gibt viele Verdachtsmomente, über die Betrugsfälle frühzeitig erkannt und aufgedeckt werden könnten. Hierbei kann insbesondere eine Software helfen, die in etlichen Unternehmen schon eingesetzt wird, um Unregelmäßigkeiten bei der Schadensabwicklung aufzuspüren“, erläutert Jessica Knoll.

Die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit hat die promovierte Betriebswirtin Jessica Knoll jetzt in dem Buch „Management von Betrugsrisiken in Versicherungsunternehmen“ im Nomos-Verlag veröffentlicht. Rezensionsexemplare sind beim Verlag erhältlich.

Interviewwünsche vermittelt die Pressestelle: Tel. 0681/302-3610

Fragen beantwortet:
Dipl.-Hdl. Dr. Jessica Knoll
Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insb. Bankbetriebslehre der Universität des Saarlandes

Mail: jessica.knoll@bank.uni-saarland.de

Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-ISDN-Codec. Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-3610) richten

Friederike Meyer zu Tittingdorf | Universität des Saarlandes
Weitere Informationen:
http://www.uni-saarland.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Echtzeit-Feedback hilft Energie und Wasser sparen
08.02.2017 | Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

6. Internationale Fachkonferenz „InnoTesting“ am 23. und 24. Februar 2017 in Wildau

22.02.2017 | Veranstaltungen

Wunderwelt der Mikroben

22.02.2017 | Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt

22.02.2017 | Medizin Gesundheit

Möglicher Zell-Therapieansatz gegen Zytomegalie

22.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Meeresforschung in Echtzeit verfolgen

22.02.2017 | Geowissenschaften