Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verbotene Früchte: Neue Studie zum Erfolg der Alterskennzeichnungen bei Filmen und Computerspielen

07.12.2010
Filme und Computer- bzw. Videospiele, die in Deutschland im Handel vertrieben werden, müssen seit 1. Juni 2009 deutlichere, sprich größere Alterskennzeichnungen haben.

Diese zeigen an, ab welchem Alter Kinder oder Jugendliche bestimmte Medieninhalte, wie zum Beispiel Filme oder Computerspiele, kaufen bzw. nutzen dürfen. Eine Studie der Universität Erfurt und der Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover, kommt nun zu dem Ergebnis, dass diese rechtliche Maßnahme nur bedingt erfolgreich gewesen ist.

In einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Forschungsprojekt haben Juniorprofessor Dr. Sven Jöckel (Universität Erfurt), Dr. Daniela Schlütz und Christopher Blake, M.A. (beide HMTM Hannover) Eltern und Kinder mit verschiedenen Film- und Computerspielverpackungen konfrontiert.

Mittels eines sogenannten Eye-Trackers, der die Blickbewegungen von Personen erfasst, wurde aufgezeichnet, wann und wie lange die Studienteilnehmer die entsprechenden Alterskennzeichnungen betrachtet haben. Der Vergleich der alten, noch im Jahr 2008 genutzten Kennzeichnungen und der neuen, mittlerweile verfügbaren Alterskennzeichnungen zeigte, dass sowohl Kinder als auch Eltern die neuen Kennzeichnungen früher wahrnehmen und auch intensiver betrachten. Gleichzeitig ergab sich jedoch bei den untersuchten Jungen im Alter von 12 bis 13 Jahren eine nicht intendierte Wirkung: Durch die neuen, nun größeren Alterskennzeichnungen stieg das Interesse bei den Jugendlichen, eben gerade solche Titel zu nutzen, für die sie eigentlich zu jung sind. Die Forschung spricht hier von einem „Forbidden-Fruit“-Effekt.

Heißt: Die Verbote steigern die Attraktivität bestimmter Inhalte sogar. Sven Jöckel: „Die Änderung im Jugendmedienschutzgesetz scheint neben dem intendierten Effekt der gesteigerten Wahrnehmung von Alterskennzeichnungen also auch zu einem in der Forschung bekannten, aber unerwünschten „Forbidden-Fruit“-Effekt bei den Jugendlichen geführt zu haben“. Und Christopher Blake ergänzt: „Auch wenn wir uns in unserer experimentellen Studie nur auf Jungen in einem bestimmten Alter beschränkt haben, zeigt sich, dass die Vergrößerung der Alterskennzeichnungen zumindest bei dieser Gruppe einen solchen Effekt ausgelöst hat. Die Eltern selbst standen schon bei den alten Kennzeichnungen nicht altersgerechten Inhalten sehr kritisch gegenüber“.

In Gruppendiskussionen mit den Studienteilnehmern fanden die Forscher außerdem heraus, dass Eltern zwar sehr viel Wert auf altersgerechte Medieninhalte legen, sich aber nicht ausschließlich auf die vom Gesetzgeber veranlassten Alterskennzeichnungen verlassen: „Obwohl wir mit relativ gut informierten Eltern gesprochen haben, zeigte sich immer wieder, dass die Eltern Kriterien unabhängig von Alterskennzeichnungen anlegen. Sie orientieren sich stärker an bestimmten Bildern und Begriffen bzw. am Inhalt als an der Kennzeichnung “, folgert Daniela Schlütz. Alterskennzeichnungen sind demnach wichtige Hinweise dafür, ob ein Film oder ein Computerspiel für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Die reine Vergrößerung von Kennzeichnungen auf den Verpackungen dieser Medien scheint jedoch nicht der alleinige Weg zu sein, auf eventuell nicht altersgemäße Medien hinzuweisen.

Sven Jöckel gibt zu bedenken: „Kinder unterscheiden sich in ihrem Entwicklungsstand oft stark. Was für den einen Zwölfjährigen zu viel ist, kann man bei einem anderen vielleicht ohne Bedenken empfehlen. Leider verzichtet das deutsche System der Alterskennzeichnung darauf, den Eltern Hinweise auf die Inhalte eines Films oder Computerspiels zu geben. Andere Länder sind da schon weiter und weisen genauer aus, womit sich die Alterskennzeichnung inhaltlich begründet“. Die Forscher aus Hannover und Erfurt sind sich einig: Auf den deutschen Jugendmedienschutz kommt noch ein wenig Arbeit zu, nicht nur vor Weihnachten.

Nähere Informationen / Kontakt:
Prof. Dr. Sven Jöckel
Tel.: 0361/737-4153
E-Mail: sven.joeckel@uni-erfurt.de

Carmen Voigt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erfurt.de/comdigmed

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie