Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Urteilsfähigkeit von Patienten besser einschätzen

25.11.2014

Für Ärzte ist es oft schwierig, zu bestimmen, ob ein dementer oder depressiver Patient urteilsfähig ist oder nicht. Das zeigt eine Studie im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Lebensende" (NFP 67). Nun will die Zentrale Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften neue Beurteilungsgrundsätze ausarbeiten.

Die Frage nach der Urteilsfähigkeit des Patienten ist bei jeder medizinischen Therapie entscheidend. Denn nur wer in der Lage ist, die Informationen des Arztes zu verstehen, abzuwägen und zu gewichten, kann eine gültige Einwilligung zu einer Behandlung geben. Ist ein Patient nicht urteilsfähig, muss sich der Arzt gemäss der aktuellen Gesetzgebung auf eine Patientenverfügung abstützen können oder sich an eine vertretungsberechtigte Person wenden.

"Eine Urteilsunfähigkeit entwickelt sich oft bei Erkrankungen wie Demenz, schweren Depressionen oder nach Hirnverletzungen", sagt Manuel Trachsel, Oberassistent am Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich. Gerade am Lebensende seien viele Menschen aufgrund schwerer Erkrankungen nicht mehr urteilsfähig. Gleichzeitig stehen dann oft komplexe, sehr wichtige medizinische Entscheidungen an: Sollen zum Beispiel lebensverlängernde Massnahmen abgebrochen werden? Oder will ein Patient gar Sterbehilfe in Anspruch nehmen?

Alles andere als trivial

"Die Erhebung der Urteilsfähigkeit ist alles andere als trivial", sagt Trachsel. Der Entscheid hängt etwa von der Situation ab: Eine Person kann zum Beispiel als urteilsfähig gelten, wenn es um alltägliche Entschlüsse wie Kleider oder Essen geht, aber als urteilsunfähig, wenn es um eine schwierige medizinische Entscheidung geht. Zudem können die kognitiven Fähigkeiten, zum Beispiel bei Patienten, die an Alzheimer oder Parkinson erkrankt sind, von Tag zu Tag erheblich schwanken. Zusammen mit seinen Kolleginnen Helena Hermann und Nikola Biller-Andorno hat Trachsel sich in einer Fachzeitschrift kürzlich Gedanken gemacht, wie Ärzte unter diesen erschwerten Umständen trotzdem die Urteilsfähigkeit einschätzen könnten (*).

Doch was verstehen Ärzte überhaupt unter Urteilsfähigkeit? Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Lebensende" (NFP 67) haben Trachsel und seine Kolleginnen rund 760 Ärztinnen und Ärzte aus der ganzen Schweiz befragt. Laut den nun veröffentlichten Ergebnissen (**) fühlen sich die allermeisten Ärzte zwar verantwortlich, die Urteilsfähigkeit von Patienten einzuschätzen. Doch selbst von jenen, die sich "sehr verantwortlich" fühlen, denkt nur etwa jeder Dritte, dass er dazu auch genügend kompetent ist.

Faustregeln statt Leitfäden

Entsprechend uneinig ist sich die Ärzteschaft bei der Definition der Urteilsfähigkeit, bei der Frage, welches die wichtigsten Beurteilungskriterien sind und in der Art, wie sie die Urteilsfähigkeit einschätzen. "Die meisten Ärzte haben ihre eigenen Faustregeln, um zu bestimmen, ob ein Patient urteilsfähig ist oder nicht", sagt Trachsel. Dass es bereits verschiedene spezifische Leitfäden gibt, um die Urteilsfähigkeit zu bestimmen, ist den wenigsten bekannt.

Die überwiegende Mehrheit der befragten Ärzte gibt aber an, dass sie gerne solche Evaluationsinstrumente nutzen würden. Eine grosse Mehrheit befürwortet zudem klare Richtlinien und bekundet Interesse an Schulungen auf dem Gebiet. Das soll nun geschehen: Basierend auf den Ergebnissen der Umfrage hat die Zentrale Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) entschieden, sich ab nächstem Jahr näher mit dem Thema zu befassen und Grundsätze zur Beurteilung der Urteilsfähigkeit auszuarbeiten.

(*) Manuel Trachsel, Helena Hermann, Nikola Biller-Andorno (2014). Cognitive Fluctuations as a Challenge for the Assessment of Decision-Making Capacity in Patients With Dementia. American Journal of Alzheimer’s Disease online. doi: 10.1177/1533317514539377
(für Medienvertreter als PDF-Datei unter com@snf.ch erhältlich)

(**) Helena Hermann, Manuel Trachsel, Christine Mitchell, Nikola Biller-Andorno (2014). Medical decision-making capacity: knowledge, attitudes, and assessment practices of physicians in Switzerland. Swiss Medical Weekly online. doi: 10.4414/smw.2014.14039

Kontakt
Dr. Manuel Trachsel
Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte
Universität Zürich
Pestalozzistrasse 24
CH-8032 Zürich
Tel.: +41 78 685 44 54
E-Mail: manuel.trachsel@uzh.ch


Weitere Informationen:

http://www.snf.ch/de/fokusForschung/newsroom/Seiten/news-141125-medienmitteilung-urteilsfaehigkeit-von-patienten-besser-einschaetzen.aspx

Medien - Abteilung Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Intelligente Filter für innovative Leichtbaukonstruktionen

08.12.2016 | Messenachrichten

Seminar: Ströme und Spannungen bedarfsgerecht schalten!

08.12.2016 | Seminare Workshops