Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Universitätsmedizin Greifswald startet große SMS-Studie mit alkoholabhängigen Patienten

01.03.2011
Sehr geehrter Herr Schmidt, benötigen Sie Hilfe? Bitte antworten Sie: JA oder NEIN

„Sehr geehrter Herr Schmidt, benötigen Sie Hilfe?“ Alkoholabhängige Patienten in Mecklenburg-Vorpommern werden diese Frage schon bald regelmäßig per SMS (Short-Message-Service) in ihrem Handy lesen und bei der Antwort „JA“ mit Hilfe rechnen können.

Die Universitätsmedizin Greifswald startet nach einem Testlauf mit etwa 80 Patienten in Kooperation mit dem Koordinierungszentrum für klinische Studien Leipzig und drei weiteren Kliniken im Nordosten eine große Langzeitstudie mit 468 Patienten.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt die klinische Studie mit einer Laufzeit von drei Jahren mit 949.200 Euro. Das Projekt steht unter Federführung des Greifswalder Psychiaters Privatdozent Dr. Michael Lucht (Foto) aus der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Mitantragsteller sind Prof. Harald J. Freyberger (Psychiatrische Klinik) und Prof Dr. Ulrich John (Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin).

Nur maximal acht Prozent der alkoholabhängigen Patienten in Deutschland werden fachgerecht therapiert. Selbst ein auf optimistischen Schätzungen beruhender Ausbau medizinischer Hilfen würde nicht ausreichen, um den hohen Bedarf bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen auch nur annähernd zu decken. Alkoholabhängigkeit ist eine chronisch-wiederkehrende Störung, die die meisten Patienten ihr Leben lang begleitet. „Wir wollen wissenschaftlich nachweisen, welche Effekte eine langfristig angelegte Fernbetreuung per SMS für die Betroffenen bringt“, erläuterte Dr. Michael Lucht. „Wir werden als Ansprechpartner über einen längeren Zeitraum bereitstehen, falls wir per SMS ein Hilfesignal vom Patienten erhalten.“

Per SMS die Abhängigkeit in den Griff bekommen

In der Mitte des Jahres beginnenden Studie soll die Effektivität einer zwölfmonatigen standardisierten und SMS-basierten Betreuung von Menschen mit Alkoholproblemen getestet werden. Ziel ist die Erhöhung von Abstinenzraten und die Senkung des Alkoholkonsums bei Patienten nach qualifizierter Entgiftung in vier psychiatrischen Krankenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern. Neben der Stralsunder Klinik (Universitätsklinik für Psychiatrie im HANSE-Klinikum) beteiligen sich die Krankenhäuser für Psychiatrie der Johanna Odebrecht Stiftung Greifswald, die Carl Friedrich Flemming HELIOS Klinik Schwerin und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock als Projektpartner. Als Vergleichsgruppe dienen Patienten, die ohne SMS eine Standardbehandlung erhalten.

Es werden regelmäßig automatisiert SMS verschickt, um von den Patienten Zustandswerte und Hilfebedarfe zu erfassen. Im Falle eines Hilfebedarfs ruft der Therapeut zurück und bietet gezielte Unterstützung an. Die Ergebnisse werden systematisch erfasst und elektronisch ausgewertet. In einer Pilotstudie erwies sich das Verfahren der SMS-Intervention als sehr gut umsetzbar.

„Seit einigen Jahren werden verhaltensverändernde SMS-Modelle bei einer Vielzahl von Krankheiten getestet“, so Lucht weiter, „so beispielsweise bei Rauchern, Diabetikern und übergewichtigen Kindern.“

Zu den großen Vorteilen SMS-basierter Interventionen zählt die vorhandene Infrastruktur mit einer nahezu vollständigen Durchdringung der Gesellschaft mit Zugang zum Mobiltelefon. Eine SMS erlaubt relativ kurze Botschaften, die direkt individuell an jeden Ort jederzeit verschickt werden können. Zudem kann der Empfänger die Nachricht zu einer ihm genehmen Zeit lesen. Nicht zuletzt ist die SMS-Kommunikation mit geringem Kosten- und Zeitaufwand in den Alltag integrierbar. „Interessanterweise ist in der relevanten Zielgruppe die Nutzung von Mobiltelefonen weit verbreitet und die Erreichbarkeit außerordentlich gut gesichert. Die Hemmschwelle beim Umgang mit Kurznachrichten im Telegrammstil ist gleichzeitig sehr gering“, machte der Psychiater deutlich.

Erste Ergebnisse in der Pilotstudie 2009 haben eine erstaunlich hohe Teilnahmetreue von 90 Prozent der Patienten ergeben. Der Vorteil für die Einsparung von Ressourcen zeigte sich in der Zahl von mehreren tausend Operationen, die das System vollautomatisch bereitgestellt hat wie SMS-Botschaften, Antworten, E-Mails und unterstützende Botschaften. Diesbezüglich wurde auf die telemedizinischen Erfahrungen des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin zurückgegriffen.

In der Testgruppe konnten erste positive Hinweise für eine Verringerung des Alkoholkonsums registriert werden, die allerdings nicht als methodisch abgesicherter Wirksamkeitsnachweis gelten können. Eine jetzt umfangreichere Studie soll letztendlich zeigen, ob SMS-basierte Hilfsprogramme für den alltäglichen Einsatz geeignet sind.

Patienten erhalten nach erfolgter stationärer qualifizierter Alkohol-Entgiftung über ein Jahr lang mehrfach die Woche eine SMS. Die SMS werden automatisch durch einen PC mit einem Mobiltelefonsender versandt. Der Computer verschickt dann zum Beispiel zu festgelegten Zeiten die Botschaft: „Werter Herr Schmidt, haben Sie Alkohol getrunken oder benötigen Sie Hilfe? Bitte antworten Sie mit A für Ja oder B für Nein.“ Die Teilnehmer haben dann 24 Stunden Zeit, um zu antworten. Wenn ein Teilnehmer mit B (= kein Hilfebedarf) antwortet, versendet der Computer automatisch eine kurze Antwort mit einem aufmunternden Satz. Lässt der Teilnehmer erkennen, dass er Hilfe benötigt oder nicht innerhalb einer 24-Stunden-Frist antwortet, erhält der Betreuer eine E-Mail mit dem Aufruf, seinen Patienten zu kontaktieren, um die Situation zu erfassen und ihm gegebenenfalls zu helfen. „Sollte unsere Studie belegen, dass eine SMS-Intervention den Alkoholkonsum senkt, würde uns ein sehr einfaches Werkzeug zur Langzeitbehandlung der Alkoholabhängigkeit zur Verfügung stehen“, so Lucht abschließend.

Universitätsmedizin Greifswald (UMG)
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Direktor: Prof. Harald J. Freyberger
Projektleiter: PD Dr. Michael Lucht
Rostocker Chaussee 70, 18435 Stralsund
T +49 3831-45 21 43
M +49 170-21 20 950
E lucht@uni-greifswald.de

Constanze Steinke | idw
Weitere Informationen:
http://www.medizin.uni-greifswald.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie