Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ungeahntes Reservoir von Viren

24.04.2012
Den wahrscheinlichen Ursprung gleich mehrerer Infektionserreger machten nun internationale Forscher unter Federführung der Universität Bonn ausfindig.

Paramyxoviren kommen in Fledermäusen vor, von denen sich die Erreger auf den Menschen und andere Säugetiere ausgebreitet haben. In der weltweit einzigartigen Studie wurden 9278 Tiere auf Viren getestet. Eine enorme Zahl neuer Virusarten wurde dabei entdeckt.


Rundblattnasen-Fledermaus im Flug. Das Bild wurde in Ghana aufgenommen. (c) Foto: Florian Gloza-Rausch/Uni Bonn/Noctalis Bad Segeberg


Fruchtfledermaus: Das Bild wurde ebenfalls in Ghana aufgenommen. (c) Foto: Victor Corman/Uni Bonn

Die Ausrottung vieler gefährlicher Krankheiten könnte schwieriger sein als bislang angenommen. Die Fledermäuse bilden nämlich ein Reservoir, aus dem Viren nach Impfkampagnen zurückkommen können. Die Ergebnisse sind nun in der aktuellen Ausgabe von „Nature Communications“ veröffentlicht.

Woher kommen für Menschen gefährliche Viren - und wie haben sie sich im Lauf ihrer Evolution entwickelt? Wissenschaftler um Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, sind bei der Beantwortung dieser Frage einen entscheidenden Schritt vorangekommen. „Wir wussten bereits von vorherigen Arbeiten, dass Fledermäuse und Nager als Träger von Paramyxoviren eine Rolle spielen“, sagt Prof. Drosten. Die vielfältigen Mitglieder dieser großen Virusfamilie verursachen beim Menschen etwa Masern, Mumps, Lungenentzündungen und Erkältungskrankheiten. Die hochgefährlichen Hendra- und Nipahviren führen zu Gehirnhautentzündungen, an denen jeder zweite infizierte Mensch stirbt. Auch in der Tiermedizin spielen Paramyxoviren eine wichtige Rolle, beispielsweise als Erreger der Hundestaupe oder der Rinderpest.

Wissenschaftler verdoppeln die Zahl der bekannten Paramyxovirusarten

Mithilfe zahlreicher wissenschaftlicher Institute in Deutschland und auf der ganzen Welt untersuchten sie insgesamt 9278 Tiere aus Europa, Südamerika und Asien. Darunter befanden sich 86 Fledermaus- und 33 Nagerarten. „Diese Tiere leben in sehr großen Sozialverbänden mit zum Teil Millionen Exemplaren“, berichtet der Bonner Virologe. „Der enge Kontakt begünstigt die Ansteckung untereinander und sorgt für eine große Vielfalt an zirkulierenden Viren.“ Mit molekularbiologischen Methoden identifizierten die Wissenschaftler, welche Virenarten sich in den Fledermäusen und Nagetieren tummeln. Nach eigenen Schätzungen entdeckten sie mehr als 60 neue Paramyxovirusarten. „Das sind etwa noch einmal so viele wie bislang bekannt waren“, sagt Drosten.

Fledermäuse sind der ursprüngliche Wirt von Paramyxoviren

Mit bioinformatischen Methoden berechneten die Forscher einen gemeinsamen Stammbaum der neuen und bekannten Viren. Dann leiteten sie durch mathematische Verfahren daraus ab, in welchen Wirtstieren sich die Viren im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte mit höchster Wahrscheinlichkeit eingenistet haben. „Unsere Analyse zeigt, dass die Urahnen der heutigen Paramyxoviren fast alle in Fledermäusen existiert haben“, sagt Prof. Drosten. „Wie bei der Influenza, wo wir die Vögel als Quelle neuer Pandemieviren im Auge haben, müssen wir nun die Viren der Fledermäuse untersuchen, ob sie für den Menschen gefährlich sind.“ Die aktuellen Daten können also für die Früherkennung und Vorbeugung von Epidemien nützlich sein – ein großes neues Ziel in der Virusforschung.

Mumps-Viren sind auf den Menschen übergesprungen

Zu den Befunden zählt auch, dass die Hendra- und Nipahviren, die in Asien und Australien Hirnhautentzündungen hervorrufen, in Wirklichkeit aus Afrika stammen. „Hieraus ergibt sich die dringende Notwendigkeit, medizinische Studien in Afrika durchzuführen“, sagt der Bonner Virologe. Viele Krankheitsfälle auf diesem Kontinent blieben ungeklärt und seien unter Umständen auf solche neuartigen Viren zurückzuführen. In einem Fall fanden die Wissenschaftler bereits Belege dafür, dass Fledermausviren direkt auf den Menschen übergehen. „Unsere Daten zeigen, dass das menschliche Mumps-Virus direkt von Fledermäusen stammt – und auch bis heute dort vertreten ist“, berichtet Prof. Drosten.

Gefährliche Viren lassen sich absehbar nicht so leicht ausrotten

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich gefährliche Viren nicht so leicht ausrotten lassen wie bislang angenommen. Denn um einen Erreger dauerhaft durch Impfungen aus der Bevölkerung zu entfernen, darf es keine Wirte im Tierreich geben, aus denen heraus es zu einer Neuinfektion kommen kann. „In den Fledermäusen vermuten wir ein umfangreiches Reservoir solcher Erreger“, sagt der Virologe. „Wenn nach Ausrottung von Viren die Impfprogramme gestoppt werden, lauert hier eine potenziell große Gefahr – vielleicht müssen wir neu nachdenken.“ Drosten plädiert deshalb für eine Berücksichtigung ökologischer Daten bei der Planung von Impfprogrammen. Eine Ausrottung von Fledermäusen oder anderen Wildtieren wäre weder möglich noch sinnvoll. „Fledermäuse und andere wild lebende Kleinsäugetiere sind von unschätzbarem Wert für die Ökosysteme unseres Planeten“, so die einhellige Meinung von Drosten und seinen Kollegen.

Publikation: Bats host major mammalian paramyxoviruses, Nature Communications, DOI: 10.1038/ncomms1796

Kontakt:

Prof. Dr. Christian Drosten
Institut für Virologie
Universitätsklinikum Bonn
Tel. 0228/28711055
E-Mail: drosten@virology-bonn.de

Johannes Seiler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

Von Bitcoins bis zur Genomchirurgie

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Die Zukunft wird gedruckt

19.02.2018 | Architektur Bauwesen

Fraunhofer HHI präsentiert neueste VR- und 5G-Technologien auf dem Mobile World Congress

19.02.2018 | Messenachrichten

Stabile Gashydrate lösen Hangrutschung aus

19.02.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics