Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Übergewichtige werden in Deutschland stigmatisiert

05.10.2012
Fast ein Viertel aller Deutschen stigmatisiert Übergewichtige aufgrund ihres Gewichts. Repräsentative Studie des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen zusammen mit TNS Infratest Consumer & Retail (Frankfurt).

Fast ein Viertel aller Deutschen (23 Prozent) stigmatisiert Übergewichtige aufgrund ihres Gewichts. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie mit 1001 Teilnehmern, die das Institut für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen zusammen mit TNS Infratest Consumer & Retail, Frankfurt am Main, im September 2012 durchgeführt hat.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden am Samstag, dem 6. Oktober 2012, im Rahmen der 28. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V. in Stuttgart präsentiert.

"Stigmatisierung hilft übergewichtigen Menschen nicht, Stigmatisierung motiviert sie auch nicht, sondern verschlimmert das Problem", sagt Priv.-Doz. Dr. Thomas Ellrott, Studienleiter und Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen. "Denn Stigmatisierung und Diskriminierung von Übergewichtigen können zu Depressionen, geringem Selbstwertgefühl und zu einer verringerten Wahrscheinlichkeit eines Abnahmeerfolgs führen."

Weitere Ergebnisse der Studie sind: Die Stigmatisierung von Übergewichtigen nimmt mit dem Alter der Befragten zu. Frauen stigmatisieren stärker als Männer. Mit steigender Bildung nimmt die Stigmatisierung deutlich ab. In den alten Bundesländern werden Übergewichtige stärker stigmatisiert (25 Prozent) als in den neuen Ländern (15 Prozent). Auch das eigene Gewicht der Befragten hat erheblichen Einfluss auf die Bewertung. Unter- und Normalgewichtige stigmatisieren stärker als Übergewichtige oder stark Übergewichtige. Selbstbetroffene haben ein besseres Verständnis für die Situation von Übergewichtigen. Darüber hinaus ergab die Studie einen klaren Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Stigmatisierung und einer möglichen Benachteiligung im Berufsleben. 14 Prozent der Bevölkerung würden, wenn sie Personalentscheidungen zu treffen hätten, Übergewichtige wegen deren Gewichts nicht einstellen.

Übergewicht allein als Folge von Willensschwäche und Faulheit anzusehen, sei wissenschaftlich widerlegt, so Studienleiter Priv.-Doz. Dr. Ellrott. Es gäbe sowohl genetische Ursachen als auch Umwelteinflüsse, die erheblichen Einfluss auf das individuelle Gewicht haben. "Teile der Gesellschaft dürfen Übergewichtige nicht länger als Menschen zweiter Klasse betrachten, sondern müssen ihnen ohne Vorurteile fair begegnen", sagt Ellrott. "Das gebietet allein die Menschenwürde und das ist auch eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Therapie."

HINTERGRUND - DAS PROBLEM DER STIGMATISERUNG

Figurbezogene Diskriminierung und Stigmatisierung werden von vielen, vor allem stark Übergewichtigen häufig erlebt und haben erhebliche Konsequenzen. Stigmatisierung wird als Ablehnung und sozialer Ausschluss empfunden und erfüllt somit viele Charakteristika von körperlichen Schmerzen. Eine gewichtsbezogene Stigmatisierung ist oft mit Depression und geringem Selbstwertgefühl verbunden und führt gerade nicht zu einer gesteigerten Motivation abzunehmen. Im Gegentei: Eine starke Stigmatisierung reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Übergewichtige erfolgreich ihr Verhalten ändern. In einer kürzlich veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, dass stark Übergewichtige wesentlich mehr aßen, während ihnen - im Vergleich zu neutralen Filmen - Filmmaterial mit Stigmatisierung von Übergewichtigen gezeigt wurde (Schvey et al. 2011). Stigmatisierung von Übergewicht verschlimmert daher die Situation der Betroffenen, anstatt sie zur Verhaltensänderung zu motivieren. Stephan Zipfel und Ansgar Thiel von der Universität Tübingen konnten in einer weiteren aktuellen Studie zeigen, dass vor allem übergewichtige Frauen von Personalentscheidern erheblich stigmatisiert werden und so auch in der Arbeitswelt schlechtere Chancen haben (Giel et al. 2012).

Schvey NA, Puhl RM, Brownell KD: The impact of weight stigma on caloric consumption. Obesity 2011, 19:1957-1962

Katrin E Giel, Stephan Zipfel, Manuela Alizadeh, Norbert Schäffeler, Carmen Zahn, Daniel Wessel, Friedrich W Hesse, Syra Thiel and Ansgar Thiel: Stigmatization of obese individuals by human resource professionals: an experimental study. BMC Public Health 2012, 12:525

Weitere Informationen zur DAG-Jahrestagung: http://www.adipositas2012.de/

WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August Universität
Priv.-Doz. Dr. Thomas Ellrott
Institut für Ernährungspsychologie (IfE)
Humboldtallee 32, 37073 Göttingen
Telefon 0551 / 39-6741, Fax 0551 / 39-9621
tellrot@med.uni-goettingen.de

Stefan Weller | Uni Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.ernaehrungspsychologie.org
http://www.uni-goettingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

Booth and panel discussion – The Lindau Nobel Laureate Meetings at the AAAS 2017 Annual Meeting

13.02.2017 | Event News

Complex Loading versus Hidden Reserves

10.02.2017 | Event News

International Conference on Crystal Growth in Freiburg

09.02.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie