Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tuberkulose-Studie: Diagnosemethoden bei immungeschwächten Patienten nur begrenzt aussagekräftig

12.11.2014

An Tuberkulose erkranken oft Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, etwa HIV-Patienten. Eine Infektion bedeutet aber nicht, dass die Krankheit ausbricht.

Erstmals haben Forscher bei über 1500 immungeschwächten Patienten aus elf europäischen Ländern gängige, derzeit verfügbare Haut- und Bluttests verglichen und untersucht, wie zuverlässig sich mit ihnen eine Infektion diagnostizieren lässt.


Professorin Martina Sester hat die europaweite Studie koordiniert.

Foto: Rüdiger Koop

Die umfangreiche Studie wurde von Professorin Martina Sester von der Saar-Uni koordiniert. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Tests unterscheiden, abhängig davon, an welcher Immunschwäche die Patienten leiden. Sie helfen allerdings nur begrenzt, das Erkrankungsrisiko abzuschätzen.

Die Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift „American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“ veröffentlicht.

Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit einem Tuberkulose-Erreger infiziert. Meistens handelt es sich um das Bakterium Mycobacterium tuberculosis, das die Erkrankung auslöst – aber auch verwandte Mykobakterien sind weitverbreitet.

Die Atemwegserkrankung bricht allerdings nur bei einem kleinen Teil der Infizierten aus. Ein erhöhtes Risiko haben insbesondere Menschen mit einer Immunschwäche. Bei einer Infektion ohne Erkrankung sprechen Experten von einer latenten Tuberkulose, beim Ausbruch der Krankheit von einer Tuberkulose.

Um eine Infektion zu erkennen, setzen Mediziner auf zwei Diagnoseverfahren: Bei einem Hauttest injiziert der Arzt dem Patienten Tuberkulin in die oberste Hautschicht. Es handelt sich dabei um ein Eiweißgemisch, das Bestandteile des Erregers enthält. Ist das Immunsystem des Patienten schon einmal mit einem Tuberkulose-Erreger in Kontakt gekommen, hat es bereits Zellen gebildet, die gegen das Tuberkulin reagieren.

Nach etwa zwei Tagen bildet sich an der Einstichstelle eine deutliche Verhärtung. „Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass der Patient sich mit Mycobacterium tuberculosis infiziert hat, da das Tuberkulin Partikel enthält, die auch bei anderen Mykobakterien vorkommen“, erläutert Professorin Martina Sester, Leiterin des Instituts für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Saar-Uni. „Außerdem ist die Methode bei immungeschwächten Patienten nicht aussagekräftig. Sie können infiziert sein, das Immunsystem ist aber nicht in der Lage, zu reagieren. In der Folge fällt der Test negativ aus.“

Als Alternative zum Hauttest gibt es zwei einfach zu handhabende Bluttest-Verfahren, bei denen nach rund 24 Stunden ein Ergebnis vorliegt. Das Blut wird mit Bestandteilen des Erregers versetzt, die nur bei Mycobacterium tuberculosis vorkommen. Im Anschluss wird die Reaktion der Blutzellen auf diese Bestandteile erfasst. Dazu bestimmen die Mediziner die Konzentration eines Proteins des Immunsystems (Interferon-γ). „Ist das Ergebnis positiv, ist der Patient infiziert“, sagt Sester.

Erstmals haben jetzt Forscher die Tests in einer europaweiten Studie verglichen und untersucht, inwieweit ihre Ergebnisse bei immungeschwächten Patienten aussagekräftig sind. Außerdem sind sie der Frage nachgegangen, ob sich mit ihnen das Erkrankungsrisiko abschätzen lässt. Insgesamt haben sie über 1500 Patienten aus elf Ländern in 17 Kliniken beobachtet.

Koordiniert wurde das Vorhaben von Professorin Martina Sester am Homburger Uniklinikum. Betrachtet wurden fünf Patientengruppen: HIV-Infizierte, Menschen mit Organ- und Stammzellentransplantationen, Rheuma-Erkrankte sowie Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz. Die Teilnehmer mussten sich einem Haut- sowie beiden Bluttests unterziehen. Über zwei Jahre hinweg haben die Ärzte überprüft, bei welchen Probanden es zur Tuberkulose kommt.

Die Studie zeigt, dass die Bluttests bei Patienten mit Immunschwäche besser zum Nachweis einer Infektion geeignet sind, allerdings nur begrenzt zur Abschätzung des Risikos einer Erkrankung. „Rund 25 bis 30 Prozent der Patienten mit Rheuma oder Niereninsuffizienz hatten laut der Tests eine Infektion. Allerdings kam es bei keinem zu einer Tuberkulose“, so Sester. Zu einem Ausbruch der Krankheit kam es bei nur zehn HIV-Infizierten und einem Patient mit Organtransplantation – bei sechs davon ergab das Testergebnis keinen Hinweis auf eine Infektion, nur zwei hatten bei allen Tests ein positives Resultat.

Die Forscher werden nun weiter an der Entwicklung der Testmethoden arbeiten, um die Diagnose zu verbessern und das Risiko einer Erkrankung besser vorherzusagen. An der Studie waren 29 Forscher des Tuberkulosenetzwerkes TBNET aus elf Ländern beteiligt. Die Arbeit wurde in der renommierten Fachzeitschrift „American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“ veröffentlicht: „Risk assessment of tuberculosis in immunocompromised patients - A TBNET study“
DOI 10.1164/rccm.201405-0967OC

Hintergrund
Professorin Martina Sester leitet das Institut für Transplantations- und Infektionsimmunologie am Uniklinikum in Homburg. Sie ist zudem im Netzwerk „AITS-AIDS/TB Saar“ aktiv. Mit diesem Zusammenschluss möchten saarländische Wissenschaftler auf die Tatsache aufmerksam machen, dass immer mehr HIV-infizierte Menschen an Tuberkulose sterben. Ziel der Forscher ist es, Zusammenhänge besser zu verstehen und neue Therapien zu entwickeln. Die Europäische Union und die saarländische Staatskanzlei unterstützen das Vorhaben finanziell. Weitere Informationen unter http://aits-project.eu/

Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Martina Sester
Transplantations- und Infektionsimmunologie
Tel.: 06841 16 23557
E-Mail: Martina.Sester(at)uniklinikum-saarland.de

Melanie Löw | Universität des Saarlandes
Weitere Informationen:
http://www.uni-saarland.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Gene für das Risiko von allergischen Erkrankungen entdeckt
21.11.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Bedeutung von Biodiversität in Wäldern könnte mit Klimawandel zunehmen
17.11.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Metamaterial mit Dreheffekt

Mit 3D-Druckern für den Mikrobereich ist es Forschern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gelungen ein Metamaterial aus würfelförmigen Bausteinen zu schaffen, das auf Druckkräfte mit einer Rotation antwortet. Üblicherweise gelingt dies nur mit Hilfe einer Übersetzung wie zum Beispiel einer Kurbelwelle. Das ausgeklügelte Design aus Streben und Ringstrukturen, sowie die zu Grunde liegende Mathematik stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Science vor.

„Übt man Kraft von oben auf einen Materialblock aus, dann deformiert sich dieser in unterschiedlicher Weise. Er kann sich ausbuchten, zusammenstauchen oder...

Im Focus: Proton-Rekord: Magnetisches Moment mit höchster Genauigkeit gemessen

Hochpräzise Messung des g-Faktors elf Mal genauer als bisher – Ergebnisse zeigen große Übereinstimmung zwischen Protonen und Antiprotonen

Das magnetische Moment eines einzelnen Protons ist unvorstellbar klein, aber es kann dennoch gemessen werden. Vor über zehn Jahren wurde für diese Messung der...

Im Focus: New proton record: Researchers measure magnetic moment with greatest possible precision

High-precision measurement of the g-factor eleven times more precise than before / Results indicate a strong similarity between protons and antiprotons

The magnetic moment of an individual proton is inconceivably small, but can still be quantified. The basis for undertaking this measurement was laid over ten...

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungen

Forschungsschwerpunkt „Smarte Systeme für Mensch und Maschine“ gegründet

24.11.2017 | Veranstaltungen

Schonender Hüftgelenkersatz bei jungen Patienten - Schlüssellochchirurgie und weniger Abrieb

24.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinen über die eigene Handfläche steuern: Nachwuchspreis für Medieninformatik-Student

24.11.2017 | Förderungen Preise

Treibjagd in der Petrischale

24.11.2017 | Biowissenschaften Chemie