Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Transplantierte neurale Stammzellen verursachen Hirntumoren

25.02.2009
Eine israelische Forschergruppe berichtet erstmals über die Entwicklung von Hirntumoren aus transplantierten neuralen Stammzellen.

"Diese Beobachtung ist ohne Zweifel ein Rückschlag für die Entwicklung zellbasierter Therapien mit neuralen Stammzellen zur Korrektur definierter genetischer Defekte", beurteilt Prof. Dr. Michael Weller von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) diesen Bericht aus der aktuellen Ausgabe von PLoS Medicine [1].

Allerdings sei die Forderung nach einem generellen Verzicht auf zellbasierte Therapien aufgrund dieses Rückschlags nicht gerechtfertigt, so der Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsspital Zürich weiter.

Vielmehr zeige die Studie, wie wichtig internationale Standardisierungen und Optimierungen dieser Therapieform sind. Mit ihr sind weltweit große Hoffnungen auch bei der Therapie von weit verbreiteten Erkrankungen wie Schlaganfall, Parkinson oder Multiple Sklerose verbunden.

Im vorliegenden Fall war ein damals 9-jähriger Junge mit Ataxia telangiectasia seit Mai 2001 in Moskau mehrmals mit neuralen Stammzellen behandelten worden. Bei der Ataxia telangiectasia handelt es sich um eine autosomal-rezessiv vererbte Erkrankung, die durch ein progredientes zerebelläres Syndrom, meist eine begleitende Immunschwäche und ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Tumorerkrankungen gekennzeichnet ist.

Ursache der Erkrankung ist eine homozygote Mutation des ATM-Gens auf dem Chromosomenabschnitt 11q22-23. Der Gendefekt führt u. a. zu Störungen der DNA-Reparatur und der Zellzykluskontrolle.

Therapieform für weit verbreitete Krankheiten

Neurale Stammzellen, die im Rahmen von Aborten aus menschlichen Feten gewonnen werden, gelten nicht nur als potenziell für die Korrektur vererbter Erkrankungen geeignet, sondern auch als therapeutische Alternative bei häufigeren neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Parkinson-Erkrankung oder Multiple Sklerose.

Als ein wesentliches Risiko solcher auf Stammzellen basierender Therapieansätze gilt die Entwicklung von Tumoren aus den transplantierten Stammzellen, deren biologisches Entwicklungspotenzial schwer vorhersagbar und noch unzureichend verstanden ist.

Die Krankengeschichte des jungen Patienten belegt nun endgültig, dass diese Sorgen berechtigt sind. Es zeigten sich 4 Jahre nach Beginn der Injektion neuraler Stammzellen in Gehirn und Liquorraum mehrere, langsam wachsende Tumoren.

Ein operativ entfernter Tumor entsprach am ehesten einem glioneuralen Tumor. Dass das Tumorgewebe des betroffenen Patienten von den transplantierten Zellen, sogar mindestens von zwei "Spendern" abstammte, wurde durch molekularbiologische Methoden zweifelsfrei belegt: u.a. fanden sich männliche und weibliche Zellen im Tumor, und die Tumorzellen trugen nicht den Gendefekt der Ataxia telangiectasia. Die relative Immunschwäche vieler Patienten mit dieser Erkrankung mag die Tumorentstehung begünstigt haben.

"Diese Beobachtung ist ohne Zweifel ein Rückschlag für die Entwicklung zellbasierter Therapien mit neuralen Stammzellen zur Korrektur definierter genetischer Defekte", sagt Prof. Dr. Michael Weller, Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsspital Zürich und von 2001 bis 2008 Sprecher der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft (NOA) der Deutschen Krebsgesellschaft.

Dieser Fall zeige, wie dringend erforderlich internationale Bemühungen um eine Standardisierung und Optimierung von Stammzell-Therapien seien. Andererseits müssen aber die ebenfalls erheblichen Nebenwirkungen vieler anderer, derzeit eingesetzter Therapien und der lebensbedrohliche Charakter vieler Erkrankungen beachtet werden. Die Forderung nach einem generellen Verzicht auf zellbasierte Therapien aufgrund solcher Rückschläge erscheine darum nicht gerechtfertigt.

[1] Amariglio, N., Hirshberg, A., Scheithauer, B.W., Cohen, Y., Loewenthal, R., Trakhtenbrot, L., Paz, N., Koren-Michowitz, M., Waldman, D., Leider-Trejo, L., Toren, A., Constantini, S., Rechavi, G. Donor-derived brain tumor following neural stem cell transplantation in an ataxia telangiectasia patient. PLoS Med 6

(2):e1000029.
Im Internet: http://medicine.plosjournals.org/perlserv/?request=get-document&doi=10.1371/journal.pmed.1000029&ct=1
Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. Michael Weller
Neurologische Klinik
UniversitätsSpital Zürich
Frauenklinikstrasse 26
CH-8091 Zürich
Tel. 00 41 44 255 5500
Fax 00 41 44 255 4507
E-Mail michael.weller@usz.ch
Pressestelle der DGN
c/o albertZWEI media GmbH
Frank A. Miltner, presse@dgn.org
Tel: 089 461486-14
Geschäftsstelle Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.
Prof. Dr. med. Otto Busse
Reinhardtstr. 14, 10117 Berlin
Tel: 030 531437930
busse@dgn-berlin.org

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org/pressemitteilung-25.02.2009.html
http://www.dgn.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie