Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn der Taxifahrer zuviel berechnet: Ökonomen untersuchen Märkte für Vertrauensgüter

12.05.2011
Wer in einer fremden Stadt ins Taxi steigt, kennt meist weder den kürzesten Weg zum Ziel noch den angemessenen Fahrpreis. Inwieweit die Unwissenheit des Kunden den Fahrer zum Betrug verleitet, untersucht eine aktuelle Studie, die das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) heute veröffentlicht hat.

Darin belegt ein Forscherteam der Universität Innsbruck anhand eines Feldversuchs auf den Straßen Athens, dass jeder zweite Taxikunde zuviel bezahlt. Für ortsfremde Fahrgäste liegt der ungerechtfertigte Mehrpreis besonders hoch.

Ökonomen sprechen von "Vertrauensgütern", wenn der Markt für ein Gut oder eine Dienstleistung durch ein Informationsgefälle zwischen Anbieter und Käufer gekennzeichnet ist. Dies trifft beispielsweise auf das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten oder Automechanikern und Werkstattkunden zu. Bei Vertrauensgütern ist der Kunde auch im Nachhinein nicht in der Lage, die Qualität der Leistung zu beurteilen. Dadurch entsteht für den Anbieter ein Anreiz zu opportunistischem Verhalten, indem er falsch abrechnet oder eine unnötige Mehrleistung erbringt.

Die resultierenden wirtschaftlichen Schäden sind immens. Das US-Verkehrsministerium etwa geht davon aus, dass über die Hälfte der in Rechnung gestellten Autoreparaturen unnötig sind. Studien aus der Schweiz zeigen, dass der durchschnittliche Patient um ein Drittel häufiger operiert wird als Ärzte und deren Angehörige.

Da das genaue Ausmaß des Betrugs meist schwer messbar ist, widmen sich die Autoren der Studie dem Markt für Taxifahrten. Hier lassen sich sowohl unnötige Leistungen in Form von Umwegen als auch überhöhte Rechnungen, etwa durch pauschale Zuschläge oder ausgeschaltete Taxameter, detailgenau identifizieren.

Für das Experiment schickten die Forscher drei Versuchspersonen auf insgesamt 174 Testfahrten im Stadtgebiet von Athen. Die Probanden verbrachten rund 63 Stunden in Taxis und legten dabei 2236 Kilometer zurück. Um die tatsächlich gefahrene Strecke mit der optimalen Route und dem dafür angemessenen Preis vergleichen zu können, war jede Testperson mit einem GPS-Gerät ausgestattet.

Einer der Fahrgäste sprach nur Englisch, ein weiterer stellte sich als ortsfremder Grieche dar, der dritte als einheimischer Athener. In verschiedenen Versuchsdurchgängen wurden darüber hinaus die Kleidung und das Fahrtziel variiert, um Kunden mit unterschiedlicher Finanzkraft zu simulieren.

Das Ergebnis: Fast jeden zweiten Passagier brachten die Taxifahrer über einen Umweg zum Ziel, der mindestens fünf Prozent über der optimalen Fahrstrecke lag. Erwartungsgemäß fiel die Fahrt bei ortsfremden Kunden deutlich weiter und länger aus als bei einheimischen Athenern.

Allerdings wurde nur jedem zehnten Fahrgast ein überhöhter Fahrpreis in Rechnung gestellt, der nicht der gefahrenen Strecke entsprach. "Das Risiko, dass der Betrug aufgedeckt wird und für den Fahrer Konsequenzen hat, ist bei falschen Tarifen wesentlich höher als bei Umwegen, für die sich leicht ein plausibler Grund erfinden lässt", erklärt der Innsbrucker Ökonom Matthias Sutter. Bei ausländischen Passagieren schätzen die Fahrer das Entdeckungsrisiko offenbar geringer ein: Rund jeder fünfte Ausländer zahlte einen unzulässigen Tarif. Dadurch lag die Rechnung um 35 Prozent über dem angemessenen Fahrpreis.

Im Durchschnitt bezahlten einheimische Athener lediglich vier Prozent mehr als für eine optimale Fahrt. Für ortsfremde Griechen lag der Aufschlag bei neun Prozent, während Ausländer mit 19 Prozent zusätzlich zur Kasse gebeten wurden. Der gefühlte Informationsvorsprung gegenüber dem Kunden hat demnach einen entscheidenden Einfluss auf das Ausmaß des Betrugs. Die Finanzkraft der Kunden fiel im Feldversuch dagegen kaum ins Gewicht, auch wenn Fahrgäste mit teurer Kleidung und exklusivem Fahrtziel tendenziell einen höheren Preis entrichten mussten.

Die wissenschaftliche Erforschung opportunistischen Verhaltens bei Vertrauensgütern kann dem Gesetzgeber helfen, zusätzlichen Regulierungsbedarf zu erkennen. Doch die Kunden sollten sich auch selbst besser vor Übervorteilung schützen. "Wer sein Informationsdefizit ohne Not kundtut, läuft erhöhte Gefahr übers Ohr gehauen zu werden", sagt Sutter. Beispielsweise sei es sinnvoll, sich vor dem Werkstattbesuch mit einigen technischen Fachbegriffen vertraut zu machen. Auch Patienten könnten teure Fehlbehandlungen mitunter vermeiden, wenn sie im Gespräch mit dem behandelnden Arzt einen (fiktiven) Mediziner in der Familie erwähnen. Im Fall der untersuchten Taxifahrten wären die Kunden gut beraten gewesen, sich vorab Informationen über die beste Route und die gängigen Fahrpreise einzuholen – oder zumindest ihre Unkenntnis nicht ungefragt zu offenbaren.

Die englischsprachige Studie ist über die IZA-Homepage abrufbar:

Loukas Balafoutas, Adrian Beck, Rudolf Kerschbamer, Matthias Sutter:
What Drives Taxi Drivers? A Field Experiment on Fraud in a Market for Credence Goods
IZA Discussion Paper No. 5700
http://ftp.iza.org/dp5700.pdf

Holger Hinte | idw
Weitere Informationen:
http://www.iza.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

Tagung »Anlagenbau und -betrieb der Zukunft«

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Wie Immunzellen Bakterien mit Säure töten

18.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics