Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studien untersuchen Körperzugehörigkeitsgefühl

14.06.2011
Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig, Prof. Dr. Joseph Claßen, und Teams in Würzburg und Leipzig haben in zwei Studien mit Hilfe der sogenannten Puppenhandillusion die Grundlagen der Entstehung des Körperzugehörigkeitsgefühls und ihre Störungen bei Patienten mit Schlaganfall und einer seltenen Bewegungsstörung untersucht.

Die unter Claßens Leitung von den Würzburger Forschern Daniel Zeller und Catharina Groß und mit Kooperationspartnern aus Oxford und Heidelberg durchgeführte Studie zeigte, dass eine Störung der Puppenhand-Illusion entsteht, wenn die Verbindungen zwischen einem Hirnareal im Vorderlappen des Gehirns, dem ventralen prämotorischen Kortex, und anderen Hirnarealen, in denen verschiedene Sinnesinformationen getrennt verarbeitet werden, unterbrochen sind.

Wie die Wissenschaftler kürzlich im US-amerikanischen "Journal of Neuroscience" berichteten, kann der für die Störung der Puppenhand-Illusion verantwortliche Bereich des Gehirns das Fehlen des Körperselbstgefühls bei Schlaganfallpatienten nicht auslösen. Die Ergebnisse legen aber nahe, dass die Rehabilitation einer Störung des Körperselbstgefühls beeinflusst werden kann, wenn der Schlaganfall die verantwortliche Region im Vorderhirn trifft.

Das Gefühl der Zugehörigkeit einer Gliedmaße zum eigenen Körper kann durch neurologische Erkrankungen wie einen Schlaganfall, verloren gehen. Dann betrachtet ein Patient beispielsweise seinen Arm als fremd. Interessanterweise lässt sich in einem psychologischen Experiment auch ein umgekehrtes Phänomen erzeugen: Bei der sogenannten Puppenhand-Illusion wird bei einer Versuchsperson die Illusion erzeugt, dass die Hand einer Schaufensterpuppe als zum eigenen Körper zugehörig empfunden wird. Bei diesem Versuch liegt die Hand einer Schaufensterpuppe für die Versuchsperson sichtbar auf den Tisch, während ihre eigene Hand abgedeckt - also für sie nicht sichtbar - danebenliegt. Werden nun die Hand des Untersuchten und die künstliche Hand gleichzeitig bestrichen, stellt sich bei fast allen Probanden unter fortgesetzter Betrachtung der bestrichenen Puppenhand nach wenigen Sekunden der Eindruck ein, dass die Puppenhand zum eigenen Körper gehört.

Gleichzeitig kommt es bei der Versuchsperson zum Gefühl, die eigene Hand habe sich in Richtung der Puppenhand verschoben.

In der zweiten Studie wurden Patienten mit einem "Schreibkrampf" untersucht. Diese eigenartige Bewegungsstörung gehört zu den Dystonien, bei denen unwillkürliche Verkrampfungen die Ausführung von gezielten Bewegungen behindern. Mikroskopisch lassen sich keine Veränderungen des Gehirns feststellen, die Ursache wird in einer Fehlfunktion bestimmter Nervenschaltkreise vermutet.

Wie Claßen und seine italienische Kollegin Mitra Fiorio zusammen mit Forschern aus Würzburg, Verona und Leipzig jüngst im britischen "Brain"-Journal für Neurologie veröffentlichten, reagieren Patienten mit Schreibkrampf anders als gesunde Menschen auf die Effekte der Puppenhand-Illusion.

Auch bei den Dystonie-Patienten stellte sich die illusionäre Wahrnehmung der Puppenhand als die eigene Hand ein. Zu dem Eindruck einer Verschiebung der Position der eigenen Hand kam es jedoch nicht. "Diese Aufteilung der experimentell erzeugten Empfindungen, nämlich der erhaltenen Empfindung des Körperzugehörigkeitsgefühls bei gleichzeitig gestörter Verschiebungsempfindung spricht für zwei getrennte Schaltkreise", erläutert der Neurologe.

Während der Schaltkreis durch den Vorderlappen des Gehirns intakt zu sein scheint, liegt die Störung bei der Dystonie vermutlich in einem Schaltkreis, der das Kleinhirn und der Scheitellappen umfasst. Wie Claßen erläuterte, helfen die Ergebnisse, Störungen der Körperwahrnehmung und der Fehlsteuerung von Bewegungen besser zu verstehen und neue Ansätze zu ihrer Therapie zu finden.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Joseph Claßen
Telefon: +49 341 97-24200
E-Mail: joseph.classen@medizin.uni-leipzig.de

Susann Huster | idw
Weitere Informationen:
http://neurologie.uniklinikum-leipzig.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Beschichtung lässt Muscheln abrutschen

18.08.2017 | Materialwissenschaften

Fettleber produziert Eiweiße, die andere Organe schädigen können

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

18.08.2017 | Geowissenschaften