Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studien unterschätzen Schutzeffekt von Darmspiegelungen

13.09.2013
Bei einer Darmspiegelung können Darmkrebsvorstufen sicher erkannt und entfernt werden. Sie stellt damit eine sehr wirksame Maßnahme zur Krebsverhütung dar.

Wie viele Erkrankungs- und Todesfälle sich durch eine Darmspiegelung tatsächlich verhindern lassen, wird derzeit intensiv erforscht. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums haben errechnet, dass der Schutzeffekt dabei deutlich größer ist als Studienergebnisse bisher vermuten ließen.

Um die Wirksamkeit von Früherkennungsuntersuchungen zu belegen, gelten – ähnlich wie bei der Beurteilung neuer Therapien – randomisierte kontrollierte Studien als Goldstandard. Bei diesem Studiendesign werden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip der Untersuchungs- oder der Kontrollgruppe zugeteilt.

Die Auswertung der Studien schließt alle Teilnehmer ein. Bei Studien zu Früherkennungsuntersuchungen, wie z.B. der Darmspiegelung, nehmen Probanden aus der Untersuchungsgruppe die Untersuchung aber häufig gar nicht wahr. Umgekehrt lassen zahlreiche Teilnehmer aus der Kontrollgruppe außerhalb des Studienprotokolls eine Darmspiegelung durchführen, beispielsweise um einen medizinischen Verdacht abzuklären.

„Dadurch wird der Unterschied zwischen Studien- und Kontrollgruppe verwässert und der Schutzeffekt der Darmspiegelung erscheint geringer, als er tatsächlich ist“, sagt Professor Hermann Brenner im Deutschen Krebsforschungszentrum. Mit seinem Team berechnete er nun, wie stark diese Unterschätzung ausfallen kann. Als Datengrundlage dienten vier abgeschlossene randomisierte Studien zum Wirksamkeitsnachweis der so genannten kleinen Darmspiegelung, der Sigmoidoskopie.

Die tatsächlichen Teilnahmeraten in der Untersuchungsgruppe lagen zumeist bei 70 Prozent oder noch darunter. Auf der anderen Seite hatten bis zu 50 Prozent der Probanden aus den Kontrollgruppen außerhalb der Screening-Programme im relevanten Zeitraum an einer Darmspiegelung teilgenommen.

Unter solchen Voraussetzungen würde beispielsweise eine tatsächliche Reduktion der Darmkrebs-Fälle und -Todesfälle durch die Darmspiegelung von 70 Prozent bei der üblichen Studienauswertung mit nur etwa 38 Prozent in Erscheinung treten. Würde tatsächlich die Hälfte aller Krebsfälle durch eine Darmspiegelung vermieden, fiele das Ergebnis in der Standard-Auswertung mit nur 23 Prozent deutlich weniger überzeugend aus.

„Randomisierte kontrollierte Studien geben Auskunft darüber, welchen Effekt das Angebot einer Früherkennungsuntersuchung auf die Darmkrebsraten in der Gesamtbevölkerung hat, für die die Untersuchung angeboten wird. Der Schutzeffekt tatsächlich durchgeführter Untersuchungen ist aber ungleich größer und sollte bei der Beratung zur Darmkrebsfrüherkennung auch korrekt kommuniziert werden“, sagt Hermann Brenner.

Eher noch größere Diskrepanzen erwartet Hermann Brenner für die Studien zur „großen Darmspiegelung“, der Koloskopie, die derzeit noch laufen. Der Grund dafür ist, dass hier mit noch geringeren Teilnahmeraten in der Untersuchungsgruppe zu rechnen ist Gleichzeitig nimmt der Anteil der Menschen im betreffenden Alter, die eine Darmspiegelung auch außerhalb des Screenings durchführen lassen, weiter zu.

Hermann Brenner, Christian Stock, Michael Hoffmeister: In the era of widespread endoscopy use, randomized trials may strongly underestimate the effects of colorectal cancer screening. Journal of Clinical Epidemiology 2013, DOI: 10.1016/j.jclinepi.2013.05.008

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Dr. Stefanie Seltmann
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
D-69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2854
F: +49 6221 42 2968
presse@dkfz.de
Dr. Sibylle Kohlstädt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
D-69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2843
F: +49 6221 42 2968
presse@dkfz.de

Dr. Stefanie Seltmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.dkfz.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Massenverlust des Antarktischen Eisschilds hat sich beschleunigt
14.06.2018 | Technische Universität Dresden

nachricht Teure Flops: Nur 5% der Innovationsideen werden erfolgreich
12.06.2018 | Institut für angewandte Innovationsforschung e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Im Focus: Overdosing on Calcium

Nano crystals impact stem cell fate during bone formation

Scientists from the University of Freiburg and the University of Basel identified a master regulator for bone regeneration. Prasad Shastri, Professor of...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Hengstberger-Symposium zur Sternentstehung

19.06.2018 | Veranstaltungen

LymphomKompetenz KOMPAKT: Neues vom EHA2018

19.06.2018 | Veranstaltungen

Simulierter Eingriff am virtuellen Herzen

18.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mit Parasiten infizierte Stichlinge beeinflussen Verhalten gesunder Artgenossen

20.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Schlüsselmolekül des Alterns entdeckt

20.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Vorhersage von Kristallisationsprozessen soll bessere Kunststoff-Bauteile möglich machen

20.06.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics