Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie über Finanzinvestoren : "Heuschrecke" ist nicht gleich "Heuschrecke"

13.11.2008
Finanzinvestoren schielen nicht unbedingt nur auf die kurzfristige Steigerung der Aktienkurse. Gerade die viel gescholtenen Private Equity Fonds verfolgen oft das Ziel, das Unternehmen langfristig fit für den Markt zu machen. Ihre Beteiligung ist denn auch meist auf mehrere Jahre ausgerichtet.

Bei Hedge Fonds scheint das Bild der Heuschrecke, die nur die kurzfristige Steigerung des Shareholder Value im Blick hat und dann weiter zieht, dagegen eher zu stimmen. Das zeigt eine Studie von Ökonomen der Universität Bonn und der Technischen Universität München.

Während Unternehmensbeteiligungen nur eine von vielen Hedge Fonds-Aktivitäten sind - darunter sind zum Beispiel der Handel mit Rohstoffen, derivativen Finanzinstrumenten oder Währungen -, stellen sie den Kern des Private Equity-Geschäftes dar. Die Forscher untersuchen in ihrer Arbeit die Investitionsmotive dieser Finanzinvestoren am deutschen Kapitalmarkt, der hauptsächlichen Schnittstelle beider Geschäftsmodelle. Dazu nahmen sie 57 Private Equity- und 96 Hedge Fonds-Beteiligungen unter die Lupe.

Sowohl Private Equity- als auch Hedge Fonds sind dafür bekannt, dass sie aktiv in die Geschäftspolitik ihrer Beteiligungen eingreifen. Ein Beispiel ist das mittelständische Modellbau-Unternehmen Märklin. Der Private Equity Fonds Kingsbridge Capital änderte dort unter anderem das Preis¬system und implementierte neue Vertriebswege über das Internet.

Bei TUI setzten sich die Hedge Fonds MarCap und Wyser-Pratte erfolgreich für die Abspaltung der Schiffsbausparte Hapag-Lloyd ein. Öffentlichkeit und Politik stehen Finanzinvestoren überwiegend kritisch gegenüber. Das gilt insbesondere hierzulande: Ihr Engagement sei nur auf kurzfristige Gewinnmitnahmen ihrer Anteilseigner ausgerichtet. Für den langfristigen Unternehmenserfolg und die Beschäftigungssituation könne das sogar schädlich sein.

Dieses Urteil ist jedoch zu undifferenziert, wie Dr. André Betzer und Jasmin Gider (beide Uni Bonn) sowie Professor Dr. Ann-Kristin Achleitner (TU München) zeigen konnten. Das beginnt schon bei den Geschäftsmodellen: Private Equitiy Fonds zählen zu den geschlossenen Fonds; sie sammeln vor Investitionsbeginn einmalig Geld finanzkräftiger Kapitalgeber ein. Diese Mittel sind dann für eine zuvor festgelegte Laufzeit gebunden. Die Anteilseigner können ihr Kapital nicht vorher abziehen. Kapitalgeber von Hedge Fonds haben dagegen die Möglichkeit, relativ kurzfristig auszusteigen.

Private Equity Fonds wollen den langfristigen Unternehmenserfolg

Schon allein aufgrund dieses Unterschieds engagieren sich Private Equity Fonds viel längerfristig als Hedge Fonds: Im Schnitt stellen die Anteilseigner ihr Kapital für zehn Jahre zur Verfügung. Diese lange Laufzeit nutzen Private Equity Fonds für Maßnahmen, die das Unternehmen langfristig fitter für den Wettbewerb machen. Das Beispiel Märklin verdeutlicht dies; dort nahm Kingsbridge Capital sogar Einfluss auf die Produktpalette. Um ihre Pläne durchzusetzen, streben Private Equity Fonds in der Regel Mehrheitsbeteiligungen an: Die in der Studie untersuchten Fonds hielten meist mehr als 30 Prozent der Unternehmensanteile. "Natürlich stehen auch bei Private Equity Fonds letztlich finanzielle Motive im Vordergrund.", erklärt André Betzer. "Sie haben aber länger Zeit, Gewinne zu realisieren, und ergreifen dazu in der Regel nachhaltigere Maßnahmen."

Hedge Fonds zielen auf kurzfristige Kurssteigerungen

Bei Hedge Fonds können die Investoren durchschnittlich nach zehn Monaten ihr Geld wieder abziehen. "Wenn Hedge Fonds in ein Unternehmen einsteigen, wollen sie daher binnen kurzer Zeit einen wahrnehmbaren Effekt erzielen", sagt Professor Dr. Ann-Kristin Achleitner. "Sie setzen dazu vor allem auf Maßnahmen, die sich kurzfristig auf die Börsenkurse auswirken." Dazu gehören beispielsweise Dividenden-Steigerungen, aber auch spektakuläre Personalentscheidungen. So versuchte der Hedge-Fonds Wyser-Pratte vergeblich, den TUI-Vorstandvorsitzenden Michael Frenzel aus dem Amt zu drängen. "Natürlich können auch solche kurzfristig wirkenden Maßnahmen langfristig den Unternehmenserfolg steigern", betont Jasmin Gider. Hedge Fonds steigen oft in Unternehmen mit einer kleinteiligen Aktionärsstruktur ein. Dort fehlt es häufig an einer effektiven Kontrolle des Managements, wie sie normalerweise durch Großaktionäre ausgeübt wird. Hedge Fonds springen in diese Bresche und versuchen, schädliche Entscheidungen zu verhindern - beispielsweise Unternehmens-Übernahmen, die aus ihrer Sicht keinen Sinn machen. Dazu reichen ihnen vergleichsweise geringe Aktienpakete, weil sie ja keinen großen Gegenspieler haben: Im Schnitt halten die Fonds nur gut acht Prozent der Stimmrechtsanteile. Nicht alle Hedge Fonds greifen jedoch in die Geschäftspolitik ein. Ihr Engagement kann auch auf rein spekulativen Motiven beruhen, wie zum Beispiel im Fall Volkswagen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass sich das Investitionsverhalten von Private Equity Fonds und Hedge Fonds in ihrem gemeinsamen Betätigungsfeld nicht annähert. Die Unterschiede in ihren Investitionsmotiven sind weitestgehend auf ihre charakteristischen Geschäftsmodelle zurückzuführen.

Kontakt:
Dr. André Betzer, Universität Bonn
Telefon: 0228/73-9209, E-Mail: Andre.Betzer@uni-bonn.de
Jasmin Gider, Universität Bonn
Telefon: 0228/73-9209, E-Mail: jgider@uni-bonn.de
Professor Dr. Ann-Kristin Achleitner, Technische Universität München
Telefon: 089-289-25181, E-Mail: ann-kristin.achleitner@wi.tum.de

Dr. Andreas Archut | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de
http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1292896

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Dialysepatienten besser vor Lungenentzündung schützen
17.01.2018 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Neue Studie der Uni Halle: Wie der Klimawandel das Pflanzenwachstum verändert
12.01.2018 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

10th International Symposium: “Advanced Battery Power – Kraftwerk Batterie” Münster, 10-11 April 2018

08.01.2018 | Event News

See, understand and experience the work of the future

11.12.2017 | Event News

Innovative strategies to tackle parasitic worms

08.12.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Latest News

Let the good tubes roll

19.01.2018 | Materials Sciences

How cancer metastasis happens: Researchers reveal a key mechanism

19.01.2018 | Health and Medicine

Meteoritic stardust unlocks timing of supernova dust formation

19.01.2018 | Physics and Astronomy