Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Stickstoff aus der Luft in Hochmoore gelangt

01.07.2013
Deutsch-niederländische Studie zur atmosphärischen Stickstoff-Belastung von Mooren übergeben
Hochmoore sind wertvolle und gleichzeitig sehr empfindliche Ökosysteme. Daher gelten sie als besonders schützenswert. Wie stark Moore im deutsch-niederländischen Grenzgebiet durch den Stickstoffeintrag aus der Luft belastet werden, hat ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Thünen-Instituts in einem zweijährigen Projekt untersucht. Die Ergebnisse wurden jetzt den politischen Verantwortlichen im Landkreis Emsland und der niederländischen Provinz Drenthe übergeben. Sie sind überregional bedeutsam.

Stickstoff ist ein Pflanzennährstoff, der sowohl über die Wurzeln als auch direkt aus der Luft über das Blatt aufgenommen wird und das Pflanzenwachstum anregt. In empfindlichen Ökosystemen wie Mooren kann er aber schnell zum Schadstoff werden. Übermäßige Stickstoff-Einträge führen dort zu Nährstoff-Ungleichgewichten und machen Pflanzen anfälliger gegen Schädlinge und Frost, was auch zu einem Verlust an biologischer Vielfalt führen kann. Gerade die Stickstoffverbindungen Ammoniak (NH3) und sein Reaktionsprodukt Ammonium (NH4+) stehen hier im Fokus.
Ammoniak-Emissionen stammen aus der Landwirtschaft, vor allem aus der intensiven Tierhaltung, bei der viel Wirtschaftsdünger (Gülle, Mist) anfällt. „Stickstoff, der als Ammoniak aus den Ställen oder beim Düngen entweicht, wird in der Luft verfrachtet und kommt dann oft an der falschen Stelle wieder runter“, sagt Christian Brümmer, Wissenschaftler am Braunschweiger Thünen-Institut für Agrarklimaschutz. Und so kommt es im Untersuchungsgebiet, das sich durch eine hohe Viehdichte auszeichnet, zu einem strukturellen Zielkonflikt zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. Denn hier liegen die Moore des internationalen Naturparks Bourtanger Moor – Bargerveen. Die Schwelle der Stickstoffbelastung, bei deren Überschreitung eine Schädigung nicht ausgeschlossen werden kann (der sogenannte Critical Load), wird vom Umweltbundesamt für das Bourtanger Moor mit 5 kg Stickstoff-Eintrag pro Hektar und Jahr angegeben.

Moorschützer waren alarmiert, weil nach bisherigen Schätzungen sogar rund 35 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr auf die Flächen niedergehen sollten. Doch verlässliche Daten gab es nicht. Daher wurde das deutsch-niederländische Konsortium aus Landwirtschaftskammer Niedersachen, dem niederländischen Forschungsinstitut Alterra und dem Braunschweiger Thünen-Institut beauftragt, belastbare Werte zu ermitteln. Bei der Übergabe der Studie stellte Miriam Hurkuck, Doktorandin am Thünen-Institut, zwei Messverfahren (1) vor, mit denen sie den Stickstoff-Eintrag in das geschützte Rühler Moor unabhängig voneinander bestimmt hatte. Beide Verfahren ergaben einen durchschnittlichen Eintrag von 25 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr – zwar weniger als bislang geschätzt, aber immer noch eine fünffache Überschreitung der angegebenen Schädigungsgrenze. Dieser Wert wurde von anderen Arbeitsgruppen im Konsortium bestätigt. Je nach Methode und Standort schwankten die Ergebnisse zwischen 15 und 36 kg pro Hektar und Jahr. Doch nicht nur die Belastung, auch Lösungsansätze wie Abluftfilter in Ställen und geeignete Ausbringungsmethoden von Gülle wurden in der Studie aufgezeigt.
Luftverschmutzung kennt weder Kreis- noch Ländergrenzen. Deshalb ist es wichtig, dass es auch künftig länderübergreifende Forschungs- und Lösungsansätze geben wird. Das gilt für die Politik wie für die Wissenschaft: Der Landrat des Kreises Emsland, Reinhard Winter, wünschte sich bei der Übergabe der Studie, dass der Kreis in seiner Suche nach einvernehmlichen Lösungen Modellcharakter für andere Regionen haben könnte. Die Wissenschaftler des Thünen-Instituts werden ihre Untersuchungen auch nach Abschluss des Projekts fortsetzen und auch weiter mit Alterra und der Landwirtschaftskammer Niedersachsen kooperieren.

(1) Mit dem sog. KAPS-Denuder-Verfahren wurde die Konzentration verschiedener Stickstoff-Verbindungen kontinuierlich gemessen. Mit Hilfe von mikrometeorologischen Messungen konnte darauf aufbauend dann der Eintrag berechnet werden. Das zweite Verfahren (ITNI) nutzt das stabile Stickstoff-Isotop 15N, das in der Natur kaum vorkommt. Werden Pflanzen während der Anzucht verstärkt mit 15N gedüngt und dann im Gelände exponiert, so kann aus der Verdünnung des 15N die Gesamtdeposition bestimmt werden.

Dr. Michael Welling | Thünen-Institut
Weitere Informationen:
http://www.naturpark-moor.eu/de/naturpark/naturparkprojekte/landwirtschaft/?we_objectID=17

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher ahmen molekulares Gedränge nach

Enzyme verhalten sich im geräumigen Reagenzglas anders als im molekularen Gedränge einer lebenden Zelle. Chemiker der Universität Basel konnten diese engen Bedingungen nun erstmals in künstlichen Vesikeln naturgetreu simulieren. Die Erkenntnisse helfen der Weiterentwicklung von Nanoreaktoren und künstlichen Organellen, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift «Small».

Enzyme verhalten sich im geräumigen Reagenzglas anders als im molekularen Gedränge einer lebenden Zelle. Chemiker der Universität Basel konnten diese engen...

Im Focus: Researchers Imitate Molecular Crowding in Cells

Enzymes behave differently in a test tube compared with the molecular scrum of a living cell. Chemists from the University of Basel have now been able to simulate these confined natural conditions in artificial vesicles for the first time. As reported in the academic journal Small, the results are offering better insight into the development of nanoreactors and artificial organelles.

Enzymes behave differently in a test tube compared with the molecular scrum of a living cell. Chemists from the University of Basel have now been able to...

Im Focus: Mit Künstlicher Intelligenz das Gehirn verstehen

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas über den Schaltplan des Gehirns bekannt.

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas...

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

„Microbiology and Infection“ – deutschlandweit größte Fachkonferenz 5.-8. März in Würzburg

01.03.2017 | Veranstaltungen

Nebennierentumoren: Radioaktiv markierte Substanzen vermeiden unnötige Operationen

28.02.2017 | Veranstaltungen

350 Onlineforscher_innen treffen sich zur Fachkonferenz General Online Research an der HTW Berlin

28.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Microbiology and Infection“ – deutschlandweit größte Fachkonferenz 5.-8. März in Würzburg

01.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

CeBIT 2017: Automatisiertes Fahren: Sicheres Navigieren im Baustellenbereich

01.03.2017 | CeBIT 2017

Hybrid-Speicher mit Marktpotenzial: Batterie-Produktion goes Industrie 4.0

01.03.2017 | Energie und Elektrotechnik