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Schwerere Schulranzen doch unschädlich

21.08.2008
Empfehlungen stammen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

Forscher der Universität des Saarlands in Saarbrücken haben durch eine Studie mit dem alten Vorurteil aufgeräumt, dass Schulranzen nicht schwerer als zehn bis zwölf Prozent des Körpergewichtes sein dürfen.

"Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Begründung", erläutert Oliver Ludwig, Leiter der Studie, gegenüber pressetext. Die Forscher fanden heraus, dass je nach körperlichem Zustand Kinder durchaus in der Lage sein können auch Ranzen zu tragen, die 15 bis 20 Prozent ihres eigenen Körpergewichtes wiegen.

Die Erkenntnisse decken sich mit den Ergebnissen einer neusseländischen Studie, die von einer Maximalbelastung von 15 Prozent spricht. Bei einem 30 Kilogramm schweren Erstklässler dürfte der Schulranzen somit 4,5 bis sechs Kilogramm wiegen. "In diesem Bereich bewegt sich auch in der Regel das Gewicht eines Schulranzens", meint Ludwig.

Der Richtwert von zehn bis zwölf Prozent, der auch in der DIN-Norm 58124 festgeschrieben ist, stammt noch aus Zeiten des Ersten Weltkrieges. "Er bezog sich darauf, wie schwer der Tornister eines Rekruten sein durfte, damit bei Langzeitbelastungen keine muskulären Ermüdungen auftraten", erläutert Fritz-Uwe Niethard, Direktor der Orthopädischen Klinik am Uniklinikum und Berater des Deutschen Instituts für Normung (DIN) http://www.din.de . Dort war man auf pressetext-Nachfrage sehr überrascht über die aktuelle Studie, zeigte sich aber gesprächsbereit zu einer Novellierung der Norm. "Wir geben Empfehlungen, die auf wissenschaftlichen Grundlagen basieren. Wenn neue Forschungsergebnisse bestätigt werden, sind auch unsere Normen nicht für immer in Stein gemeißelt", sagt DIN-Kommunikationsmanager Peter Anthony im pressetext-Gespräch. Wie pressetext erfuhr, soll bereits auf der nächsten Sitzung des DIN-Gremiums Anfang kommenden Jahres die Normänderung vorgenommen werden. "Mit Langzeitbelastung waren Märsche ab 20 Kilometern gemeint. Diesen Wert auf Ranzen und Schulkinder anzuwenden, ist völlig unrealistisch", ergänzt der Orthopäde Niethard.

Für die aktuelle Studie untersuchten die Wissenschaftler 60 Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und acht Jahren. Dabei legten sie ihr Augenmerk darauf, wie die Körperhaltung der Kinder ohne Ranzen war. "Wir schauten, ob von der Seite gesehen Knöchel, Schulter und Ohr auf einer Linie lagen - der sogenannten Lotlinie. Diese Haltungsanalyse zeigt, ob Muskelkraft und Muskelsteuerung ausreichen, um den Körper aufzurichten und in dieser Position zu halten", erläutert Ludwig. Danach mussten die Kinder mit ihren Schulmappen auf dem Rücken 15 Minuten lang einen Hindernisparcour bewältigen, was nach Angaben der Forscher einem normalen Schulweg entsprach. "Kein normal gebautes Kind bekommt langfristige Haltungsschäden wenn es täglich eine halbe Stunde seinen Rucksack trägt", fasst Ludwig die Forschungsergebnisse zusammen. Jedoch macht er die Einschränkung, dass immer seltener von normal gebauten Kindern in Deutschland die Rede sein kann. "Einige unserer Sprösslinge haben viel zu schwach ausgebildete Muskeln und können dadurch natürlich nicht das Gewicht eines derart schweren Ranzens tragen", sagt der Haltungsexperte.

Von daher schlagen die Saarbrücker-Wissenschaftler Alarm und verlangen von Eltern, Kindertagesstätten und Schulen, dass sich die Kinder mehr bewegen müssen. "Gerade in der Schule ist das lange Sitzen viel schädlicher für die Kinder als das Tragen des Ranzens", sagt Ludwig. Er appelliert an die zuständigen Behörden, ergonomisch geformte Sitzgelegenheiten und ausreichend Bewegungszeit an den Schulen anzuschaffen und einzuplanen. Eltern empfiehlt er, dass diese auf keinen Fall den Ranzen ihrer Kinder tragen sollten oder Trolleys anschaffen, um diese hinter sich herzuziehen. "Für viele Kinder ist das tägliche Ranzentragen das einzige Training und das sollte man nicht unter den Tisch fallen lassen", meint Ludwig.

Erik Staschöfsky | pressetext.deutschland
Weitere Informationen:
http://www.uni-saarland.de

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