Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schlecker und die Leiharbeit - kein Einzelfall

14.01.2010
Dass ein Unternehmen Beschäftigte kündigt und ihnen die gleiche Arbeit über eine Leiharbeitsfirma zu deutlich schlechteren Konditionen anbietet, ist keineswegs ein Einzelfall.

Wie die Firma Schlecker haben in den vergangenen Jahren "viele Unternehmen ein eigenes Zeitarbeitsunternehmen gegründet, um geltende tarifliche Standards zu unterlaufen", kritisiert Dr. Claudia Weinkopf, Forschungsdirektorin am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE).

"Nicht selten kehren dieselben Beschäftigten auf diesem Wege auf ihren früheren Arbeitsplatz zurück - nur für weniger Geld und zu schlechteren Arbeitsbedingungen!"

Untersuchungen des IAQ zur Entwicklung der Zeitarbeit in Deutschland zeigen, dass es solche Praktiken in fast allen Branchen gibt. Nach Ergebnissen der Betriebsrätebefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung hatten bis 2007 bereits gut 7 Prozent aller Unternehmen mit betrieblicher Interessenvertretung eine solche interne Zeitarbeitsfirma gegründet - im Bereich von Banken und Versicherungen sogar mehr als 9 Prozent. Im Unterschied zum spektakulären Schlecker-Fall betrifft dies meist allerdings nur einen Teil der Gesamtbelegschaften. Nicht nur privatwirtschaftliche Unternehmen, sondern auch kirchliche Pflegeeinrichtungen oder große Wohlfahrtsverbände versuchen, auf diese Weise Personalkosten zu reduzieren.

Illegal ist dies nach geltender Rechtslage nicht. Zwar wurden mit der letzten Reform der Arbeitnehmerüberlassung 2003 die Grundsätze von Equal Pay und Equal Treatment gesetzlich verankert. D.h., das Zeitarbeitunternehmen muss seinen Leiharbeitskräften die wesentlichen Arbeits- und Entgeltbedingungen gewähren, die im Betrieb des Kunden gelten. "Allerdings sieht das Gesetz eine Ausnahme vor, die inzwischen zur Regel geworden ist", stellt die Arbeitsmarktexpertin fest. "Abweichungen von diesen Grundsätzen sind möglich, wenn nach Tarifverträgen, die für die Leiharbeit abgeschlossen worden sind, entlohnt wird. Angaben von Arbeitgeberverbänden in der Zeitarbeit zufolge ist diese Ausnahmeklausel inzwischen zur Regel geworden - mindestens 95 Prozent der Leiharbeitskräfte in Deutschland werden nach einem Tarifvertrag für Leiharbeit bezahlt, nicht nach dem Tarif im Entleihbetrieb." Die Einstiegslöhne liegen aktuell zwischen 6,15 und 6,50 € in Ost- bzw. 7,35 und 7,51 € in Westdeutschland - und damit weitaus niedriger als in vielen tarifgebundenen Betrieben in anderen Branchen.

Das macht es in vielen Bereichen attraktiv, Zeitarbeitskräfte nicht nur einzusetzen, um auf unterschiedlichen Arbeitsanfall reagieren zu können, sondern mehr oder weniger dauerhaft, zeigen die IAQ-Untersuchungen. Begünstigt werde diese Praxis dadurch, dass seit 2003 auch die zeitliche Begrenzung des Einsatzes von Leiharbeitskräften in einem Entleihbetrieb aufgehoben wurde, die anfangs bei maximal drei Monaten und vor der Reform 2003 zumindest noch bei 24 Monaten lag, so Weinkopf. Nunmehr können dieselben Leiharbeitskräfte über Jahre zu schlechteren Bedingungen eingesetzt werden. "Bei gewerblicher Leiharbeit ist dies immer noch eher selten; die Gründung von unternehmensinternen Leiharbeitseinheiten hat dies aber offenbar stark beflügelt, denn diese Regelung ermöglicht es Betrieben, tarifliche Standards zu unterlaufen, ohne sich von erfahrenen Beschäftigten trennen zu müssen".

Wirksam unterbunden werden könnte Lohndumping durch Leiharbeit nur, wenn tarifliche Abweichungen von Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" nicht mehr möglich wären. Frankreich und andere Länder machen vor, dass dies Leiharbeit nicht grundsätzlich verhindert, aber stärker auf das ursprüngliche Ziel - den Ausgleich von Auftragsschwankungen - begrenzt. Die Wiedereinführung einer Höchstüberlassungsdauer von Leiharbeitskräften könnte in dieselbe Richtung wirken, schlägt die UDE-Wissenschaftlerin vor. "Alternativ oder ergänzend könnte man den maximalen Anteil von Leiharbeitskräften auf der betrieblichen Ebene beschränken - z.B. auf 20 Prozent."

Weitere Informationen: Dr. Claudia Weinkopf, Tel. 0203/379-1353, claudia.weinkopf@uni-due.de, http://www.iaq.uni-due.de

Redaktion: Claudia Braczko, Tel. 0170-8761608, presse-iaq@uni-due.de

Ulrike Bohnsack | idw
Weitere Informationen:
http://www.iaq.uni-due.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie