Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schlaganfallvorbeugung: Verschluss des Foramen ovale durch Schirmchen nicht wirksam

28.03.2012
Jeder vierte Mensch besitzt ein Foramen ovale, eine Öffnung zwischen den beiden Herzvorhöfen. Dieses Blutventil ist ein Überbleibsel aus der Zeit als Fötus im Mutterleib. Bei Erwachsenen steht es im Verdacht, einen Schlaganfall zu begünstigen.
Patienten, die bereits einen Hirninfarkt erlitten haben, bringt der Verschluss dieses ovalen Lochs mithilfe eines Herzkatheters allerdings keinen Schutz vor einem weiteren Schlaganfall, so das Ergebnis einer amerikanischen Studie. Deshalb raten die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) derzeit von dieser Behandlung ab.

Vor der Geburt ist das Foramen ovale die direkte Verbindung für das sauerstoffreiche Blut aus der Nabelschnur in die Schlagadern. Nach der Geburt schließt sich das Loch bei den meisten Menschen. Der Kurzschluss zwischen den beiden Herzvorhöfen wird nicht mehr benötigt, da mit Einsetzen der Luftatmung der Lungenkreislauf sauerstoffreiches Blut in den Körper führt.
„Bei etwa einem Viertel aller Menschen bleibt das Foramen ovale offen, was meistens vollkommen harmlos ist. Selten kann es aber bei Erwachsenen auch zum Schlaganfall führen“, erläutert Professor Dr. med. Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und 1. Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. In diesen seltenen Fällen bilden sich bei einer Thrombose in den Beinvenen Blutgerinnsel, die durch das Foramen ovale in die Halsschlagader und ins Gehirn gelangen. Professor Endres: „Wir sprechen auch von einer paradoxen Embolie, da der Gefäßpfropf aus dem venösen ins arterielle System übertritt und dann zu einem Schlaganfall führen kann“.

Ärzte suchen nach einem offenen Foramen ovale besonders bei Patienten, die in jungem Lebensalter bereits einen Schlaganfall oder dessen Vorstufe, eine Transitorische Ischämische Attacke (TIA), erlitten haben. Bei der TIA bilden sich die Lähmungen innerhalb eines Tages vollständig zurück, die Gefahr eines späteren Schlaganfalls ist jedoch hoch. „Bei etwa der Hälfte junger Menschen mit Schlaganfall oder TIA kann ein offenes Foramen ovale nachgewiesen werden“, berichtet Professor Endres. Obwohl es bisher keine verlässlichen Daten dazu gab, dass bei diesen Menschen das offene Foramen wirklich an der Schlaganfallentstehung beteiligt ist, bieten viele Herzzentren eine Katheterbehandlung an, bei der das Foramen durch ein kleines Schirmchen dauerhaft verschlossen wird. Der Eingriff dauert weniger als eine halbe Stunde. Viele Patienten können die Klinik schon am Tag danach wieder verlassen.

Eine Studie zur Frage, ob der Katheterverschluss einer medikamentösen Behandlung überlegen ist, wurde in Nordamerika an über 900 Patienten durchgeführt und kürzlich publiziert. Sie kam zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass die Zahl erneuter Schlaganfälle oder TIAs in den ersten beiden Jahren durch den Katheterverschluss nicht signifikant reduziert wurde. „Die Rate erneuter Schlaganfälle lag in beiden Gruppen über zwei Jahre bei drei Prozent und war damit insgesamt sehr niedrig“, berichtet Professor Dr. med. Martin Grond, 3. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Chefarzt der Klinik für Neurologie am Kreisklinikum Siegen.
Bevor der wissenschaftliche Beweis der Wirksamkeit dieser Behandlung nicht geführt ist, darf sie nach Einschätzung von DSG und DGN nicht routinemäßig durchgeführt werden, zumal sie mit Risiken verbunden ist. So kam es in der Studie bei 3,2 Prozent der Patienten während der Katheterbehandlung zu Komplikationen. Sogar 5,7 Prozent entwickelten ein Vorhofflimmern. Professor Grond: „Diese Herzrhythmusstörung kann dazu führen, dass sich später im linken Vorhof Gerinnsel bilden, die als Embolus einen Schlaganfall auslösen, auch wenn das Foramen ovale verschlossen wurde.“

Die Studie widerlegt zwar nicht, dass ein offenes Foramen ovale einen Schlaganfall begünstigen kann. „Solange es aber keinen Beweis dafür gibt, dass dessen Verschluss durch ein Schirmchen diese potenzielle Gefahr abwendet, sollte diese Behandlung nur in begründeten Einzelfällen durchgeführt werden“, resümiert Professor Grond. Als Standardtherapie gilt eine medikamentöse Behandlung mit Medikamenten wie zum Beispiel ASS, die die Bildung von Blutgerinnseln verhindern. In einzelnen Fällen können Ärzte auch die vorbeugende Gabe gerinnungshemmender Mitteln wie Marcumar erwägen.

Literatur:
Furlan AJ, Reisman M, Massaro J, Mauri L, Adams H, Albers GW, Felberg R, Herrmann H, Kar S, Landzberg M, Raizner A, Wechsler L; CLOSURE I Investigators. Closure or medical therapy for cryptogenic stroke with patent foramen ovale. N Engl J Med. 2012 Mar 15;366(11):991–9.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22417252
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1009639

Fachliche Kontakte:

Prof. Dr. Matthias Endres
1. Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG)
Direktor der Klinik für Neurologie
Ärztlicher Centrumsleiter, Charité Centrum 15 für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie
Charité – Universitätsmedizin Berlin, Charitéplatz 1, 10117 Berlin
E-Mail: matthias.endres@charite.de
Tel.: 030 450560-102, Fax: 030 450560-932

Prof. Dr. med. Martin Grond
3. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)
Chefarzt Neurologie
Kreisklinikum Siegen gGmbH, Weidenauer Straße 76, 57076 Siegen
E-Mail: m.grond@kreisklinikum-siegen.de
Tel.: 0271 7051-800, Fax: 0271 7051-804

Pressekontakt:

Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft
Pressestelle
Dagmar Arnold
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-380
Fax: 0711 8931-167
E-Mail: arnold@medizinkommunikation.org

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Tel.: 089 461486-22
Fax: 089 461486-25
E-Mail: presse@dgn.org

| idw
Weitere Informationen:
http://www.dsg-info.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten