Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Schimmer Hoffnung: Neue wissenschaftliche Studie will Menschen im Wachkoma zu mehr Bewusstsein verhelfen

27.11.2013
Zirka 10.000 Menschen liegen in Deutschland im Wachkoma. Ein schweres Schädelhirntrauma oder ein Kreislaufstillstand sind die häufigsten Ursachen für dieses Schicksal.

Die meisten Patienten werden in einer Pflegeeinrichtung oder zu Hause rund um die Uhr versorgt. Laut einer neuen Studie soll die Behandlung mit einer sogenannten transkraniellen Nah-Infrarotlaserstimulation zur Förderung des Bewusstseins von Patienten im Wachkoma beitragen. Vorerst nur ein Hoffnungsschimmer – aber die ersten Reaktionen von Angehörigen und Patienten sind vielversprechend.

Vorgestellt werden die Studienergebnisse erstmalig Mitte Dezember auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR) in Berlin.

Leiter der Studiengruppe ist Stefan Hesse, Professor für Neurologische Rehabilitation am Medical Park Berlin; die Untersuchungen fanden sowohl in der Klinik als auch auf der Wachkomastation des Haus Havelblick Berlin statt. „Unsere Arbeitsgruppe hat den transkraniellen Laser erstmals in der Therapie von chronischen Wachkomapatienten eingesetzt. Deren Stirn wurde von außen jeden Werktag für zehn Minuten über 4 bis 6 Wochen stimuliert, die Wachheit und das Bewusstsein wurden regelmäßig überprüft, und die Angehörigen um ihre Einschätzung gebeten.“

Sowohl Angehörige als auch die eingesetzten Skalen zeigten bei fast allen Patienten, dass sie am Tage länger wach waren und dass sich ihr Bewusstsein dahingehend verbesserte, dass sie mit den Augen sicherer Kontakt aufnahmen, einem vor den Augen bewegten Spiegel mit ihren Augen folgen konnten, oder gar auf einfache Aufforderungen, wie ‚´Schließen Sie bitte die Augen!`, adäquat reagierten. Die Angehörigen schätzten vor allem den größeren emotionalen Widerhall. An der maximalen Pflegebedürftigkeit oder Immobilität der chronischen Patienten änderte sich leider nichts.

Der transkranielle, das heißt den Schädelknochen durchdringende, Nahinfrarotlaser ist eine neue Option zur Förderung der Regeneration des Hirngewebes. Nach Experimenten mit Tieren weiß man, dass er durch den Schädelknochen hindurch und ca. 2-3 cm in das Hirngewebe dringt. Der Laser soll die Energiegewinnung der Nervenzelle und damit deren Regeneration fördern. In den USA wurden erste erfolgreiche Studien in der akuten Schlaganfallbehandlung vorgestellt.

Die Prognosen von Wachkoma-Patienten sind bisher eher pessimistisch. Neurologen beschreiben, dass die Patienten sehr wohl wach sind, die Hirnstammreflexe intakt sind, aber dass das Bewusstsein als Wahrnehmung seiner Selbst und Interaktion mit der Umwelt schwer geschädigt ist. Wach sein ist eine Funktion des Hirnstamms, wohingegen der Hirnmantel das menschliche Bewusstsein ausmacht. Dem Stirnhirn kommt dabei die größte Bedeutung zu. Neue Befunde der sog. funktionellen Bildgebung des Gehirns einer belgischen Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2006 haben das bisher pessimistische Bild hinsichtlich der Funktion des Hirnmantels von Wachkomapatienten aufgeweicht: auf die Aufforderung sich vorzustellen, Tennis zu spielen, konnten Patienten im Wachkoma Areale des Hirnmantels vergleichbar den Gesunden aktivieren. Der Grad des Bewusstseins hing dabei von einem Aktivitätsband zwischen dem Stirn- und Schläfenlappen ab.

In diesem Zusammenhang überraschten die beobachteten Verbesserungen von Hesses Arbeitsgruppe weiter. „Sie sollten Anlass geben, die Idee der transkraniellen Lasertherapie weiter zu verfolgen. Eine Aussage zur Effektivität ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt eindeutig nicht zu treffen, weswegen eine kontrollierte Studie mit einer Scheintherapie und die Bestätigung durch andere Forschergruppen dringend angezeigt sind“, resümiert Stefan Hesse, der Kongresspräsident der 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR) ist.

Etwa 1000 Ärzte, Forscher, Therapeuten und Pflegekräfte treffen sich vom 12. bis 14. Dezember anlässlich dieser Jahrestagung in Berlin. Die Tagung dient der Weiterbildung und des interdisziplinären Austausches auf dem Gebiet der rehabilitativen Behandlung neurologischer Schädigungen. Eine qualitativ hochwertige Neurorehabilitation hat entscheidenden Einfluss darauf, wie der Patient nach einer Erkrankung wieder in seine gewohnten Strukturen zurückfindet. „Neurologische Rehabilitation ist Teamleistung, sie hat in Deutschland ein hohes Niveau erreicht. Deutsche Kliniken und deutschsprachige Forscher waren an allen wesentlichen Weiterentwicklungen des noch jungen Fachs in den letzten Jahren beteiligt. Zunehmend werden auch sehr schwer betroffene Patienten bis hin zur Intensivpflichtigkeit in den Kliniken der neurologischen Rehabilitation behandelt. Sie hat sich somit einen festen Platz in der Versorgungskette neurologischer Patienten erarbeitet“, erklärt Prof. Hesse.

Schwerpunktmäßig wird sich die DGNR-Tagung mit den Themen Intensivmedizin, Versorgungsforschung, den Möglichkeiten der Alternativmedizin und der Zukunft der Neurorehabilitation beschäftigen. Spannende Erkenntnisse darf man sicherlich aus der „Zukunftswerkstatt Neurorehabilitation“ erwarten. Hier werden u.a. Chancen und Risiken des Einsatzes von Robotertechnik oder der minimalinvasiven Muskelverlängerung bei Spastik diskutiert. Besonders erfolgversprechend sind u.a. auch die intelligente Steuerung von Prothesen und Rollstühlen und neue Möglichkeiten der Telerehabilitation in der Versorgung der Patienten zu Hause.

Medienvertreter sind herzlich eingeladen die DGNR-Jahrestagung zu besuchen, sich über die Themen zu informieren und darüber zu berichten. Alle Informationen zur Tagung finden sie gesammelt im Netz unter www.dgnr-tagung.de – hier können Sie sich auch akkreditieren! Gern vermitteln wir ihnen Gesprächspartner für Interviews!

Pressekontakt:
Conventus Congressmanagement
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Romy Held
Tel.: 03641/3116280
romy.held@conventus.de

Wolfgang Müller | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org
http://www.dgnr-tagung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten