Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schädigung von Stütz- und Nahrungszellen im Gehirn kann Parkinson beeinflussen

08.01.2013
Astroglia, die zu den Stütz- und Nahrungszellen im Gehirn gehören, können bei Parkinson das Absterben von Nervenzellen verstärken.

Auslöser ist eine hohe Konzentration des Proteins „S100b“. Entfernt man dieses Protein, reduzieren sich auch die parkinsonartigen Schädigungen im Gehirn. Bislang galt S100b als schützend für Nervenzellen.

Dies hat ein Forscherteam des Tübinger Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH), der Neurologischen Klinik, Universitätsklinikum Tübingen und der Universität Aberdeen in Schottland festgestellt. Die Neurowissenschaftler berichten darüber im Fachjournal „Brain“. Die Ergebnisse könnten neue Therapie-Ansätze gegen Parkinson ermöglichen.

Bei Parkinson sind es die Zellen der Substantia nigra, einer Region im Mittelhirn, die auch Schwarze Substanz genannt wird, die vom Zelltod betroffen sind. Die Nervenzellen der Substantia nigra produzieren den Botenstoff Dopamin. Je mehr dieser Nervenzellen ab-sterben, desto weniger Dopamin steht zur Verfügung. Sind rund die Hälfte der Nervenzellen abgestorben, zeigen sich erste Krankheitszeichen. Zu den typischen Parkinsonsymptomen gehören beispielsweise ein schlurfender kleinschrittiger Gang, ein regloser Gesichtsausdruck oder eine „Schüttellähmung“, das Muskelzittern.

In einer aktuellen Studie konnte das Forscherteam belegen, dass die Stütz- und Nahrungs-zellen des Gehirns, die Astroglia, möglicherweise auch einen relevanten Einfluss auf den Verlauf der Krankheit haben können. In einem Parkinsonmodell mit genetisch veränderten Mäusen zeigen sie, dass die Wegnahme des „Astroglia-Proteins“ S100b einen positiven Effekt ausübt: Die Zahl der abgetötete Zellen in der schwarzen Substanz reduziert sich dadurch. „Darüber hinaus führt die Wegnahme dieses Proteins auch zu einer geringeren Mikroglia-Rekrutierung. Das heißt zu einer Reduzierung der Entzündung von Nervenzellen, die zur Neurodegeneration führt“, sagt Privatdozent Dr. med. Walter Maetzler, Forschungs-gruppenleiter am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH), Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Tübingen. Mikrogliazellen erkennen und beseitigen potenziell krank-machende und schädigende Substanzen. Sie schützen damit in erster Linie die Neuronen des zentralen Nervensystems, die sich nicht regenerieren können, vor dauerhaften Schäden. In genetisch nicht veränderten Mäusen war dieser Effekt nicht zu beobachten. Eine hohe Konzentration des Proteins ist nicht nur bei genetisch veränderten Mäusen nachweisbar: Auch im Nervenwasser, dem Liquor, und im Gehirn von Parkinson-Patienten finden sich erhöhte Mengen des Proteins.

S100b galt bislang eher als schützend für Nervenzellen. Unter besonderen Bedingungen scheint es schädigend zu wirken, das belegen die Ergebnisse der Studie. Das Protein wirkt prinzipiell „schützender“, je höher dessen Konzentration ist. Ab einer definierten Konzentrationsschwelle verändert es seine Wirkung grundlegend, es wirkt zellschädigend. „Es ist also anzunehmen, dass unter besonderen Bedingungen, wie wir sie bei Parkinson vorfinden, das Protein im Gehirn zu stark ‚hochreguliert’ wird. Wird dann diese Schwelle überschritten, wirkt das Protein durch die Überstimulation selbst schädigend“, erklärt Maetzler den Wirkmechanismus des „Astroglia-Proteins“. In weiteren Studien müssen die Forscher herausfinden, wie sie die Funktion von Astroglia beeinflussen können, um so mögliche neue Therapie-Ansätze bei Parkinson entwickeln zu können.

Originaltitel der Publikation
“S100B is increased in Parkinson’s disease and ablation protects against MPTP-induced toxicity through the RAGE and TNF-? pathway”, Kinnari Sathe, Walter Maetzler, Johannes D. Lang, Ross B. Mounsey, Corina Fleckenstein, Heather L. Martin, Claudia Schulte, Sarah Mustafa, Matthis Synofzik, Zvonimir Vukovic, Shigeyoshi Itohara, Daniela Berg, and Peter Teismann, Brain (2012) 135(11): 3336-3347, Anmerkung: Sathe und Maetzler sind “gleichberechtigte” Erstautoren
Online:
http://brain.oxfordjournals.org/content/135/11/3336.full.pdf+html?sid=49d0cb0d-61a8-4d25-a0b4-79d21d63f635

Pressekontakt bei Rückfragen

Silke Jakobi
Leiterin Kommunikation
HIH Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
Zentrum für Neurologie, Universitätsklinikum Tübingen
Otfried-Müller-Str. 27
72076 Tübingen
Tel. 07071/29-88800
Mail: silke.jakobi(at)medizin.uni-tuebingen.de
Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen beschäftigt sich mit einem der faszinierendsten Forschungsfelder der Gegenwart: der Entschlüsselung des menschlichen Gehirns. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie bestimmte Erkrankungen die Arbeitsweise dieses Organs beeinträchtigen. Vor diesem Hintergrund werden am HIH die informationstheoretischen und neuronalen Grundlagen wichtiger Hirnfunktionen wie Wahrnehmung, Gedächtnisleistung oder Lernverhalten untersucht. Unter anderem werden auch hirnorientierte Anwendungen für die Technik erforscht.

Das 1805 gegründete Universitätsklinikum Tübingen (UKT) gehört zu den führenden Zentren der deutschen Hochschulmedizin und trägt als eines der 32 Universitätsklinika in Deutschland zum erfolgreichen Verbund von Hochleistungsmedizin, Forschung und Lehre bei. 2001 gründete es zusammen mit der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Eberhard Karls Universität das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH), mit dem Ziel, die Ergebnisse der exzellenten neurowissenschaftlichen Forschung rasch in die klinische Praxis zur Behandlung neurologischer und neurodegenerativer Erkrankungen zu überführen.

Silke Jakobi | idw
Weitere Informationen:
http://www.hih-tuebingen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

nachricht Europas demografische Zukunft
25.07.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die turbulente Atmosphäre der Venus

25.07.2017 | Physik Astronomie

SEEDs – Intelligente Batterien mit zellinterner Sensorik

25.07.2017 | Energie und Elektrotechnik

Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

25.07.2017 | Physik Astronomie