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Reformen im Bildungssystem rechnen sich - trotz geringer demografischer Rendite

13.01.2009
Maximal 42 Milliarden Euro netto kosten Maßnahmen zur Bildungsförderung benachteiligter Kinder bis 2020 - den zunächst höheren Ausgaben stehen jedoch bereits nach wenigen Jahren erhebliche Einsparungen gegenüber, selbst wenn man nur von moderaten Effekten auf den Bildungserfolg ausgeht. Eine hohe demografische Rendite durch sinkende Schülerzahlen ist hingegen nicht zu erwarten.

Reformen zur verbesserten Bildungsförderung von benachteiligten Kindern bis 2020 kosten die öffentliche Hand netto höchstens bis zu 42 Milliarden Euro, denn den Kosten stehen erhebliche Einsparungen gegenüber.

Die Mehrausgaben für einen umfassenden Ausbau des Ganztagsschulbereichs, die Abschaffung der Förderschulen und soziale Maßnahmen, wie die Übernahme der Kosten für das Mittagessen, den Transport zur Schule, für Klassenfahrten und Lehr- und Lernmittel, betragen zwischen 90 und 133 Milliarden Euro. Die Einsparungen bei Förderschulen und Sozialausgaben betragen bis zu 60 Milliarden Euro, sofern von relativ moderaten Verbesserungen der schulischen Leistungen ausgegangen wird.

Je größer die Leistungsverbesserung, desto geringer der Netto-Finanzierungsbedarf. Durch die im demografischen Wandel sinkenden Kindergeldausgaben würden sich die Mehrkosten um weitere 15 Milliarden Euro verringern. Die so genannte demografische Rendite, die durch sinkende Schülerzahlen bedingt ist, wird hingegen voraussichtlich nur insgesamt 10 Milliarden Euro bis zu Jahr 2020 betragen und damit deutlich geringer ausfallen, als vielfach erwartet wird. Dies sind die Ergebnisse einer Studie, die das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) im Auftrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen erstellt hat. Der Blick auf die Berechnungen zeigt die Effizienzen deutlich.

Etwa die Hälfte der zusätzlichen Ausgaben von bis zu 133 Milliarden Euro ist für die Umwandlung aller Schulen bis 2020 zu gebundenen Ganztagsschulen notwendig: Neben den Investitionen von rund 20 Milliarden Euro erfordern die laufenden Ausgaben, vor allem für zusätzliches Personal, bis zu 43 Milliarden Euro, abhängig von der Qualifikation des Personals und den unterstellten durchschnittlichen Klassengrößen.

Mehrausgaben von bis zu 34 Milliarden Euro verursacht die vollständige Integration der Förderschüler in die Regelschulen. Dieser Schritt steht allerdings nach Auffassung von Fachleuten ohnehin an, um die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen umzusetzen. Hierzu sind Maßnahmen zur besseren Förderung, etwa durch entsprechendes Personal und kleinere Klassen erforderlich, die bis zu 49 Milliarden Euro im Regelschulsystem kosten. Dem stehen Einsparungen von bis zu 15 Milliarden Euro in den Förderschulen gegenüber, was zu Nettokosten in Höhe von 34 Milliarden führen würde. Dies wäre jedoch die Obergrenze. Im günstigsten Fall könnten die Nettokosten auch bei unter 5 Milliarden Euro liegen, wenn der Bedarf an zusätzlichem Lehrpersonal durch zusätzliche Klassenteilungen nur in etwa 15 Prozent der Fälle entsteht und die durchschnittlichen Kosten je Schüler um die Hälfte sinken würden.

Die Mehrausgaben für weitere Maßnahmen belaufen sich insgesamt auf 13 bis 19 Milliarden Euro, je nachdem, in welchem Umfang Kinder aus einkommensschwachen Familien davon profitieren können. Zu diesen Maßnahmen gehören die Kostenübernahmen für die Beförderung von Schülern in der Sekundarstufe II, für das Mittagessen von Sozialleistungsbeziehern, für Lehr- und Lernmittel sowie für Klassenfahrten. Die Einführung von so genannten Produktionsschulen für leistungsschwächere Schüler verursacht insgesamt gut eine halbe Milliarde Euro an Kosten.

Doch stehen den auf den ersten Blick beträchtlichen Mehrausgaben Einsparungen gegenüber, die die Nettoausgaben deutlich reduzieren. So sind Einsparungen von bis zu 22 Milliarden Euro bereits bei relativ moderaten Einspareffekten und kurzfristig bis 2020 zu erwarten. Dies ergibt sich durch sinkenden Nachqualifizierungsbedarf, weniger Klassenwiederholungen und sinkende Ausgaben für Arbeitslosigkeit und Jugendhilfe, wenn Kinder aus bildungsfernen Familien besser in das Schulsystem eingebunden werden und sich dadurch die Zahl der Schulabbrecher reduziert sowie die Zahl der Jugendlichen, die mindestens einen Hauptschulabschluss haben, erhöht wird.

Nicht erfüllen werden sich allerdings die Erwartungen hinsichtlich der so genannten demografischen Rendite, die bisweilen auf 100 Milliarden Euro für den Zeitraum bis 2020 geschätzt wurden. Realistisch erscheinen allenfalls demografisch bedingte Einsparungen im Schulsystem von 10 Milliarden Euro über den gesamten Zeitraum bis 2020. Die höchsten Einsparungen belaufen sich auf 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Ursächlich für diese Diskrepanz sind vor allem kleinere Klassengrößen und damit kleinere Schüler-Lehrer-Relationen. "Vor einer Klasse muss nun mal ein Lehrer stehen, egal, ob 15 oder 30 Schüler in dieser Klasse sitzen," erläutert Dr. Dieter Dohmen, der Direktor des FiBS. Ein Blick in die Vergangenheit belegt dies sehr deutlich. Im Zeitraum von 1975 bis 1990 sank die Zahl der Schülerinnen und Schüler im damaligen Westdeutschland von 12,3 auf 9,0 Mio. Die Bildungsausgaben stiegen im gleichen Zeitraum von 15,6 auf 27,2 Milliarden Euro, preisbereinigt auf 18,5 Milliarden Euro. "Unsere Berechnungen zu den Reformmaßnahmen zeigen, dass den Mehrausgaben bereits kurzfristig erhebliche Einsparungen gegenüber stehen," fasst der Bildungs- und Sozialökonom das Ergebnis der Studie zusammen. "Bereits mittelfristig werden sich diese Investitionen in jedem Fall rechnen, da der Fachkräftemangel auf diesem Weg erheblich reduziert und die Zahl der Arbeitslosen und Sozialleistungsempfänger gesenkt werden kann. Nur jeder zweite der eine Million junger Menschen, die ansonsten bis dahin die Schule abbrechen würde, müsste einen Arbeitsplatz finden. Da aber um 2020 aus demografischen Gründen etwa 200.000 Nachwuchskräfte pro Jahr fehlen, wird der Arbeitsmarkt jede zusätzliche Fachkraft mit Kusshand aufnehmen." Bei den nötigen Aufwendungen gibt es nach Ansicht von Dohmen nur noch eine Hürde zu überwinden: "Da die Länder nach der derzeitigen Kostenverteilung den größten Teil der zusätzlichen Kosten tragen müssten, während der Bund und die Sozialversicherungen den größten Anteil der Mehreinnahmen und Einsparungen bekommen werden, sind Veränderungen an der Kostenverteilung im Bildungssystem dringend erforderlich."

Die Studie "Kosten und Erträge ausgewählter Reformmaßnahmen: Teilhabe durch qualitativ hochwertige und gut ausgebaute Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur sichern" kann als FiBS-Forum Nr. 44 von der Homepage des FiBS (www.fibs.eu) heruntergeladen werden.

Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 0 30 - 84 71 22 3-20

Birgitt A. Cleuvers | idw
Weitere Informationen:
http://www.fibs.eu

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