Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychotherapie gegen Trauma-bedingte DNA-Schäden

03.11.2014

Wissenschaftler der Universitäten Ulm und Konstanz konnten in einer Studie nachweisen, dass traumatische Erlebnisse DNA-Schäden in Immunzellen auslösen. Zugleich gelang es den Psychologen und Molekularbiologen erstmals zu zeigen, dass sich durch geeignete Psychotherapie nicht nur die psychischen Symptome von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) lindern lassen, sondern auch das Ausmaß der DNA-Schädigung deutlich reduziert werden kann.

Krieg, Vertreibung und Folter hinterlassen nicht nur psychische Spuren. Wissenschaftler der Universitäten Ulm und Konstanz konnten in einer Studie nachweisen, dass traumatische Erlebnisse DNA-Schäden in Immunzellen auslösen.

Zugleich gelang es den Psychologen und Molekularbiologen erstmals zu zeigen, dass sich durch geeignete Psychotherapie nicht nur die psychischen Symptome von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) lindern lassen, sondern auch das Ausmaß der DNA-Schädigung deutlich reduziert werden kann. „Viele Flüchtlinge sind schwer traumatisiert. Darunter leidet ihr psychisches Wohlbefinden, und sie laufen Gefahr, auch körperlich ernsthaft zu erkranken. Mögliche Folgen für die Gesundheit sind Infektionen, Autoimmunerkrankungen und ein vorzeitiger Beginn altersbedingter Erkrankungen wie Diabetes, Herzkreislauf-Erkrankungen und Krebs“, so Professorin Iris-Tatjana Kolassa.

Die Leiterin der Abteilung für Klinische und Biologische Psychologie an der Universität Ulm geht davon aus, dass die Hochregulation von Stresshormonen wie Adrenalin und Noradrenalin zu mehr oxidativem Stress und vermehrten Entzündungsprozessen in den Zellen des Immunsystems führt. Die Konsequenz: das Immunsystem beginnt vorzeitig zu altern und die Anfälligkeit für Krankheiten steigt.

Für die in der Fachzeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics veröffentlichte Studie, die Kolassa mit Wissenschaftlern des Konstanzer Kompetenzzentrums Psychotraumatologie in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Molekulare Toxikologie der Universität Konstanz durchgeführt hat, wurden traumatisierte Flüchtlinge auf DNA-Schäden in mononuklearen Zellen des peripheren Blutes (PBMC) untersucht. Diese Zellen gehören zu den Leukozyten, den weißen Blutkörperchen des Immunsystems.

Verglichen wurde dabei eine Gruppe von 34 Flüchtlingen mit schwerer Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), eine Gruppe von 31 Flüchtlingen, die zwar ebenfalls traumatische Erfahrungen gemacht hat, aber keine PTBS-Symptome zeigte, und eine Kontrollgruppe mit 20 Personen, die eine vergleichbare ethnische Zusammensetzung aufwies.

Die Probanden kamen aus Afrika, Afghanistan, dem Balkan oder dem mittleren Osten kamen. Das Ergebnis: Beide Gruppen mit traumatisierten Personen – ob mit PTBS-Symptomen oder ohne – zeigten ein erhöhtes Maß an Schädigung der DNA im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Daraufhin untersuchten die Wissenschaftler, ob sich die psychotherapeutische Behandlung der PTBS auch auf molekularer Ebene niederschlägt. Zur Messung der DNA-Schäden kamen sogenannte FADU-Assays zum Einsatz. Die Abkürzung steht für Fluorescence-detected Alkaline DNA Unwinding, einer Methode zur Erfassung von DNA-Strangbrüchen, die von den Konstanzer Toxikologen Professor Alexander Bürkle und Dr. Maria Morena-Villanueva weiterentwickelt und automatisiert wurde.

„Bereits nach 4 Monaten nach Therapiebeginn wurde nicht nur die Posttraumatischen Belastungsstörung schwächer, sondern auch die DNA-Schädigung war nur noch so hoch wie bei der nicht-traumatisierten Vergleichsgruppe“, erklärt die Erstautorin der Studie, Dr. Julia Morath vom Kompetenzzentrum Psychotraumatologie der Universität Konstanz.

Eine Folgeuntersuchung nach einem Jahr zeigte, dass Flashbacks, Schlafstörungen, Übererregbarkeit und Befindlichkeitsstörungen weiter abnahmen und sich auch die Zahl der DNA-Strangbrüche in den untersuchten Immunzellen noch weiter reduzierte.

Behandelt wurden die Flüchtlinge mit der so genannten Narrativen Expositionstherapie (NET), die traumatisierten Menschen dabei helfen soll, das traumatisch Erlebte autobiografisch einzuordnen. „Mit Hilfe des Therapeuten entwirft der Patient seine Lebensgeschichte als chronologische Erzählung und fokussiert dabei die traumatische Erfahrung.

So sollen vereinzelte, mit starken negativen Gefühlen behaftete Erinnerungssplitter als kohärente `Geschichte´ mit der eigenen Biografie verknüpft werden“, erläutert Morath, die im Sommer für ihre Doktorarbeit mit dem Dissertationspreis des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin ausgezeichnet wurde.

„Mit unserer Studie konnten wir erstmals zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen traumatischem Stress und der Schädigung der DNA. Und, was wohl noch überraschender ist, dass sich traumatisch bedingte DNA-Schäden durch Psychotherapie mindern lassen“, ist Kolassa überzeugt.

Die Ulmer Psychologie-Professorin war von 2009 bis 2010 als Leiterin einer DFG-finanzierten Emmy Noether-Nachwuchsgruppe am Konstanzer Kompetenzzentraum Psychotraumatologie, wo sie über Trauma-bedingte Veränderungen des Immunsystems forschte. Für ihre Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Klinischer Psychologie und Molekularer Biologie wurde sie 2012 mit dem renommierten Janet Taylor Spence Award der International Association for Psychological Science ausgezeichnet.

Mit den Ergebnissen der von der DFG geförderten Untersuchung stellt sich für Kolassa die gesellschaftliche Frage nach der angemessenen Behandlung von traumatisch Erkrankten. „Wäre es nicht besser, traumatisierte Menschen zeitnah zu behandeln, als später schwerwiegende Folgeerkrankungen in Kauf zu nehmen“, fragt sich die Ulmer Wissenschaftlerin.

Die Realität sieht ihrer Ansicht nach anders aus: Noch immer sind die Wartezeiten für Psychotherapie sehr lang. Um die genauen molekularen Mechanismen der Therapie-Wirkung zu klären, besteht außerdem noch großer Forschungsbedarf. Mit ihrer neu gegründeten Arbeitsgruppe zur Molekularen Psychotraumatologie wird sich Professorin Iris-Tatjana Kolassa dieser Aufgabe in Ulm nun annehmen.

Weitere Informationen:
Prof. Iris-Tatjana Kolassa, Tel.: 0731/ 50 265 90; E-mail: Iris.Kolassa@uni-ulm.de

Literaturhinweis:
Psychotherapy and Psychosomatics 2014; 83(5):289-97. doi: 10.1159/000362739. Epub 2014 Aug 6.
Effects of psychotherapy on DNA strand break accumulation originating from traumatic stress.
Morath J1, Moreno-Villanueva M, Hamuni G, Kolassa S, Ruf-Leuschner M, Schauer M, Elbert T, Bürkle A, Kolassa IT.


Weitere Informationen:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25116690

Andrea Weber-Tuckermann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Proteine entdecken, zählen, katalogisieren

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Scheinwerfer-Dimension: Volladaptive Lichtverteilung in Echtzeit

28.06.2017 | Automotive

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungsnachrichten