Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ostsee: Klimawandel unterläuft Schutzmaßnahmen

01.12.2014

Erste umfassende Auswertung der Zeitserienstation Boknis Eck veröffentlicht

Trotz umfassender Maßnahmen zum Schutz der Ostsee seit Ende der 1980er Jahre nimmt die Sauerstoffarmut weiter zu. Steigende Temperaturen in den unteren Wasserschichten könnten die Erklärung dafür sein. Das ergab die erste umfassende Analyse von Messdaten an der Zeitserienstation Boknis Eck. Die Studie ist jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Biogeosciences erschienen.


Seit 1957 werden an der Zeitserienstation Boknis Eck biologische, chemische und physikalische Daten erhoben. Foto: J. Steffen, GEOMAR

Vor der Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste am Ausgang der Eckernförder Bucht liegt ein Schatz. Es handelt sich allerdings nicht um Truhen voller Silber und Gold, sondern um einen einmaligen wissenschaftlichen Datensatz. Seit 1957 werden an der Zeitserienstation Boknis Eck monatlich Umweltparameter wie Sauerstoffgehalt und Temperatur des Wasser, Salzgehalt und Nährstoffkonzentrationen gemessen.

„Damit ist Boknis Eck eine der ältesten, noch aktiven Zeitserienstationen für diese Daten weltweit“, erklärt der wissenschaftliche Koordinator Prof. Dr. Hermann Bange vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Bisher wurden die langen Messreihen allerdings nur partiell ausgewertet. Jetzt haben Bange und sein Team erstmals chemische, biologische und physikalische Daten über den gesamten Zeitraum seit 1957 analysiert.

Ihr Ergebnis: Maßnahmen zum Schutz der Ostsee greifen – doch der generelle Klimawandel hebt ihre Wirkung teilweise wieder auf. Die Studie ist jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Biogeosciences erschienen.

Ein natürliches Grundproblem der Ostsee ist die Sauerstoffarmut in den tieferen Wasserschichten. Die Schichtung des Ostseewassers ist recht stabil, frisches salzhaltiges und sauerstoffreiches Wasser kann nur aus der Nordsee durch die dänischen Inseln hereinkommen.

„Das sehen wir auch in Boknis Eck, ab etwa 20 Meter Wassertiefe“, erklärt. Sinikka Lennartz, M.Sc., vom GEOMAR und Erstautorin der neuen Studie. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert verschärfte sich das Problem massiv, weil die Anrainerstaaten große Mengen an landwirtschaftlichen Dünger und Abwässer einleiteten. „Das bedeutete ein Überangebot an Nährstoffen. Algen konnten sich stark vermehren. Sobald sie absterben und auf den Grund sinken, zersetzen Mikroorganismen die Biomasse. Dabei verbrauchen sie aber viel Sauerstoff, so dass sich große sauerstofffreie Zonen am Boden der Ostsee bildeten“, erklärt Lennartz.

Mitte der 1980er Jahre einigten sich die Ostseeanrainer auf einen besseren Schutz des Meeres. Immer mehr Kläranlagen wurden gebaut, die Abwässer reinigen. Der Einsatz von Düngemittel in der Landwirtschaft ging zurück. „Den Trend können wir in Boknis Eck eindeutig nachweisen. Seit Ende der 80er Jahre geht die Konzentration an Nährstoffen zurück“, sagt Professor Bange. Die Hoffnung, dass damit auch wieder mehr Sauerstoff in den unteren Wasserschichten zur Verfügung stehen würde, erfüllt sich jedoch nicht. „Der Sauerstofftrend geht weiterhin deutlich nach unten“, erklärt Lennartz, „das heißt, wir sehen in Boknis Eck immer mehr Zeiten in denen unterhalb von 20 Metern kein Sauerstoff mehr messbar ist.“

Eine mögliche Erklärung fanden die Wissenschaftler in den Wassertemperaturen. „An Boknis Eck sind sie im Spätsommer am Boden durchschnittlich um 0,4 Grad pro Jahrzehnt gestiegen. Höhere Temperaturen bedeuten aber auch einen effizienteren Abbau von Biomasse, wobei vermehrt Sauerstoff verbraucht wird“, betont Professor Bange.

Die Daten legen also den Schluss nahe, dass der allgemeine Klimawandel mit steigenden Wassertemperaturen die Maßnahmen zum Schutz der Ostsee neutralisiert. „Trotzdem sollten die Anrainer in ihren Anstrengungen natürlich nicht nachlassen. Bei steigenden Temperaturen würde die Ostsee noch viel schneller umkippen, wenn wir wieder mehr Abwässer einleiten würden“, sagt der Meereschemiker Bange.

Gleichzeitig beweist die Studie, wie wertvoll lange Messreihen wie die in Boknis Eck sind. „Um langfristige Trends in der Umwelt zu erkennen und menschengemachte Veränderungen von natürlichen Schwankungen unterscheiden zu können, reichen kurzfristige Messkampagnen nicht aus. Deshalb haben wir mit den Boknis Eck-Daten wirklich einen Schatz, der auch für globale Vergleiche unersetzlich ist“, betont Bange.

Originalarbeit:
Lennartz, S. T., A. Lehmann, J. Herrford, F. Malien, H.-P. Hansen, H. Biester, H. W. Bange (2014): Long-term trends at the Boknis Eck time series station (Baltic Sea), 1957–2013: does climate change counteract the decline in eutrophication? Biogeosciences, 11, 6323-6339, 2014, http://www.biogeosciences.net/11/6323/2014/bg-11-6323-2014.html


Weitere Informationen:

http://www.geomar.de  Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://www.geomar.de/n2184  Originalmeldung mit Links zu weiterem Bildmaterial
http://www.bokniseck.de  Die Zeitserienstation Boknis Eck

Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie