Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum öffentliche Bildungsausgaben sich erst recht in Zeiten der Globalisierung lohnen

10.12.2010
Kapitalzuflüsse aus dem Ausland, die ihre Ursache in der Integration internationaler Kapitalmärkte haben, lassen in den westlichen Industrieländern das Bildungsniveau und damit auch das Wirtschaftswachstum steigen.

Nationale Regierungen können die Produktivkraft ihrer Volkswirtschaften und damit auch den allgemeinen Wohlstand fördern, indem sie durch gezielte Investitionen ihre öffentlichen Bildungssysteme stärken. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie, die Prof. Dr. Hartmut Egger, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik an der Universität Bayreuth, gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz erarbeitet hat.

In der renommierten Zeitschrift "The World Economy" haben die beteiligten Wissenschaftler die Voraussetzungen und Ergebnisse ihrer Studie vorgestellt.

Kapitalmarktintegration, höhere Bildung und Wirtschaftswachstum:
Wechselseitige Abhängigkeiten
In vielen Ländern, insbesondere in den westlichen Industrienationen, besteht eine allgemeine gesetzliche Schulpflicht. Weiterführende Angebote der Schul- und Hochschulausbildung sind hingegen freiwillig. Dabei befinden sich die meisten Bildungseinrichtungen in öffentlicher Trägerschaft, so dass der Staat das Bildungssystem weitgehend finanziert. Wie wirkt sich unter diesen Voraussetzungen eine zunehmende Kapitalmarktintegration aus? Welche Konsequenzen aus dieser Entwicklung sollten nationale Regierungen in Hinblick auf ihre Bildungsinvestitionen ziehen?

Um diese Fragen untersuchen zu können, haben die Autoren der Studie ein formales volkswirtschaftliches Modell entwickelt, das es ermöglicht, Zusammenhänge zwischen makroökonomischen Entwicklungen und höherer Bildung präzise herauszuarbeiten. Kapital und hochqualifizierte Arbeit werden darin als komplementäre Produktionsfaktoren behandelt; d.h. beide Faktoren müssen sich bei der Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen ergänzen. Vereinfachend wird zudem angenommen, dass innerhalb von Bildungseinrichtungen kein Verdrängungswettbewerb stattfindet: Wer staatlich finanzierte Bildungsangebote nutzt, schließt dadurch keinen anderen von diesen Angeboten aus.

Auf der Grundlage dieses Modells gelingt dem internationalen Forscherteam der Nachweis für einige grundlegende Zusammenhänge: Je mehr ausländisches Kapital infolge einer zunehmenden Kapitalmarktintegration in eine Volkswirtschaft fließt, desto stärker werden – bei gegebenen öffentlichen Investitionen in das Bildungssystem – die Anreize für die Bürger, an höherer Bildung teilzuhaben. Ein auf diese Weise gefördertes Bildungsniveau kräftigt wiederum das Wirtschaftswachstum. Denn ein Zuwachs an höherer Bildung stärkt die Innovationskraft einer Ökonomie.

Vom Nutzen öffentlicher Ausgaben für die höhere Bildung

Regierungen können und sollten diese Zusammenhänge zum Wohl ihrer jeweiligen Volkswirtschaften nutzen, wie die Autoren der Studie betonen. Der öffentliche Charakter des Bildungssystems dürfe unter den Voraussetzungen der Globalisierung nicht voreilig geschwächt werden. Staatliche Ausgaben für die höhere Bildung sollten aufrechterhalten oder sogar ausgeweitet werden. Denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass die wachsende Integration der internationalen Kapitalmärkte einen Kapitalzufluss auslöst. Wie die Studie nachweist, kann auch der gegenteilige Effekt eintreten: Volkswirtschaften, in denen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung höhere Bildung besitzt und in denen die Arbeitsproduktivität gering ist, laufen Gefahr, dass das globale Zusammenwachsen der Kapitalmärkte einen Abfluss von realwirtschaftlichen Investitionen und eine Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte bewirkt. Dann setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang, die sich schwer aufhalten lässt.

Plädoyer für eine Bildungspolitik mit internationaler Weitsicht

Wirtschaftspolitik und Bildungspolitik werden in der Öffentlichkeit häufig als getrennte Bereiche wahrgenommen, die wenig miteinander zu tun haben. Doch diese Sichtweise hält Prof. Dr. Hartmut Egger für veraltet und für schädlich. "Die Wirtschaftswissenschaften verfügen heute über theoretische und empirische Methoden, die sie in die Lage versetzen, wechselseitige Abhängigkeiten zu analysieren und zu begründen", erklärt der Bayreuther Ökonom. "Nicht zuletzt für die europäischen Länder ist es nachweislich von zentraler Bedeutung, dass ihre Regierungen die internationalen Verflechtungen auf dem Kapitalmarkt im Blick haben, wenn sie über Bildungsinvestitionen entscheiden. Ein Niveau staatlicher Bildungsausgaben, das einer in sich geschlossenen Volkswirtschaft angemessen wäre, erweist sich als umso unzulänglicher, je weiter die Integration der Kapitalmärkte fortschreitet. Dann nämlich kann und sollte die Politik durch eine Stärkung der Universitäten und anderer öffentlicher Bildungseinrichtungen dazu beitragen, dass mehr Kapital ins Land kommt und die Wirtschaft wächst."

Veröffentlichung:

Hartmut Egger, Peter Egger, Josef Falkinger and Volker Grossmann,
The Impact of Capital Market Integration on Educational Choice and the
Consequences for Economic Growth,
in: The World Economy (2010), Volume 33, Issue 10, pp 1241–1268.
DOI-Bookmark: 10.1111/j.1467-9701.2010.01290.x
Kontaktadresse für weitere Informationen:
Prof. Dr. Hartmut Egger
Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik (VWL II)
Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Universität Bayreuth
Tel.: +49 (0)921 / 55-2905 und 55-2906
E-Mail: hartmut.egger@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Personalisierte Medizin – Ein Schlüsselbegriff mit neuer Zukunftsperspektive
14.07.2017 | Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik e.V.

nachricht Enterprise 2.0 ist weiterhin bedeutendes Thema in Unternehmen
03.07.2017 | Hochschule RheinMain

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten