Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nur gesunde Grundwasserökosysteme liefern sauberes Grundwasser

01.10.2012
Eine Studie der Universität Koblenz-Landau stellt erste Weichen für ökologisch nachhaltiges Grundwassermanagement.
Zwei Drittel des Trinkwassers in Deutschland werden aus dem Grundwasser
gewonnen. Dabei ist das Grundwasser keineswegs eine leblose Ressource: Mindestens 2.000 bekannte Tierarten und zahlreiche Mikroorganismen tragen hauptsächlich zur Reinigung des Grundwassers und damit zur Qualität des Trinkwassers bei. Dennoch ist der Schutz dieses Lebensraums bislang nicht gesetzlich verankert.
Das Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau hat jetzt einen Entwurf für eine geografische Klassifikation der Grundwasserfauna vorgelegt, die als wichtiger Schritt für eine Bewertung des ökologischen Zustands des Grundwassers dienen kann. Sie zielt auf eine längst überfällige Etablierung geeigneter Maßnahmen für eine nachhaltige, weil ökologisch ausgerichtete Bewirtschaftung des Grundwassers.

Strudelwürmer, Rädertierchen, Wassermilben, Brunnenkrebse oder Grottenolme: Im europäischen Grundwasser tummeln sich mindestens 2.000 hoch angepasste, oft sehr seltene Tierarten. Damit bildet das Grundwasser einen der größten kontinentalen und ältesten Lebensräume in Europa. Von hoher Relevanz sind die so genannten Ökosystemdienstleistungen der Grundwasserlebewesen: Die artenreiche Bakterien- und Tierwelt säubert im Untergrund das Wasser, indem sie organisches Material zersetzt, das von der Oberfläche in die Tiefe gelangt.
Zudem eignen sich die Lebewesen in besonderem Maße als Bioindikatoren: Aufgrund ihrer Spezialisierung an den Lebensraum sind sie besonders anfällig gegen Veränderungen wie Eintrag von Oberflächenwasser, Dünger und Schadstoffen wie Schwermetallen oder Temperaturschwankungen. Im Gegensatz zu chemischen Analyseverfahren können sie deutlich früher Hinweise auf Veränderungen im Wasser geben und so einen erheblichen Beitrag zur Qualitätssicherung des Grundwassers und damit auch des Trinkwassers leisten.

Mit der Veröffentlichung des Aufsatzes „Stygoregions – a promising approach to a bioregional classification of groundwater systems“, hat das Forschungsteam um Privatdozent Dr. Hans Jürgen Hahn vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau gemeinsam mit Dr. Christian Griebler vom Institut für Grundwasserökologie des Helmholtz Zentrums München einen Vorschlag für die biogeographische Klassifizierung der Grundwasserlebensräume in Deutschland erarbeitet. Für diese Veröffentlichung wurden Daten aus dem Projekt „Entwicklung biologischer Bewertungsmethoden und -kriterien für Grundwasserökosysteme“, beauftragt von Umweltbundesamt (UBA) und Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA), sowie aus zahlreichen weiteren Studien der Universität Koblenz-Landau ausgewertet. Damit liegt erstmals ein Vorschlag für die Definition großräumiger ökologischer Referenzen für das Grundwasser vor. Diese können als eine wichtige Grundlage für die Definition des guten ökologischen Zustands des Grundwassers dienen.

„Nur auf einer solchen Basis lassen sich verbindliche Kriterien und Grenzwerte für die Bewertung und den nachhaltigen Schutz der Grundwasserökosysteme festlegen“, betont Hahn. Diese existierten zwar bereits für Oberflächengewässer. Die Untersuchung der Universität Koblenz-Landau habe jedoch ergeben, dass diese Klassifikationen für das Grundwasser nicht trage.

Die Wissenschaftler schlagen eine grundwasserspezifische Klassifizierung mit vier potenziellen so genannten Stygoregionen des Grundwassers am Beispiel Deutschlands vor. „Nachhaltiges Grundwassermanagement kann nur betrieben werden, wenn auch die Grundwasserökologie umfassend berücksichtigt wird“, erklärt Hahn. „Zum Glück stehen Wasserwirtschaft und Wasserversorgung diesem Thema durchaus offen gegenüber, denn auch dort weiß man: Nur gesunde Grundwasserökosysteme liefern sauberes Grundwasser.“

So ist letztlich die Politik gefordert, die rechtliche Stellung der Grundwasserökosysteme eindeutig zu definieren. Zwar finden sich in Gesetzen wie der EU Grundwasserrichtlinie und im Wasserhaushaltsgesetz Formulierungen, in denen das Grundwasser als Gewässer definiert ist und damit den allgemeinen Grundsätzen der Gewässerbewirtschaftung mit all ihren Konsequenzen und Schutzrechten unterliegt. Dennoch fehlt bislang ein entsprechendes Rechtsgutachten bzw. ein entsprechender Präzedenzfall, der die inkonsistente Gesetzeslage konkretisieren und der Umsetzung Vorschub geben würde.

Der Arbeitsbereich Grundwasserökologie an der Universität Koblenz-Landau setzt sich als eine von nur wenigen Organisationen europaweit, in Deutschland vor allem auch der BUND, bereits seit Jahren für die umfassende Erforschung und den nachhaltigen Schutz der Grundwasserökosysteme ein. Dieser Lebensraum ist bislang nur wenig erforscht und der Wissensstand in etwa vergleichbar mit dem der Fauna in Oberflächengewässern vor 50 bis 100 Jahren. Die Grundwassertiere und mikrobiologischen Gemeinschaften seien ein wissenschaftlicher Schatz unermesslichen Wertes, so Hahn. Viele gelten als „lebende Fossilien“, da sie von seit Jahrmillionen oberirdisch ausgestorbenen Arten abstammen.

Die Studie:
„Stygoregions – a promising approach to a bioregional classification of groundwater systems“, Heide Stein, Christian Griebler, Sven Berkhoff, Dirk Matzke, Andreas Fuchs, Hans Jürgen Hahn. Die Ergebnisse der Studie wurden am 19. September 2012 in der Fachzeitschrift „Nature Scientific Reports“ veröffentlicht. Die vollständige Studie ist online abrufbar unter http://www.nature.com/srep/index.html
Kontakt:
Universität Koblenz-Landau
Institut für Umweltwissenschaften
PD. Dr. Hans Jürgen Hahn
Fortstraße 7
76829 Landau
Tel.: (06341) 280-31590
E-Mail: hjhahn@uni-landau.de

Pressekontakt:

Universität Koblenz-Landau
Kerstin Theilmann
Referatsleiterin Öffentlichkeitsarbeit
Fortstraße 7
76829 Landau
Tel.: (06341) 280-32219
E-Mail: theil@uni-koblenz-landau.de

Fink & Fuchs Public Relations AG
Ralf Klingsöhr
Paul-Heyse-Str. 29
80336 München
Tel.: (089) 589787-12
E-Mail: ralf.klingsoehr@ffpr.de

Bernd Hegen | idw
Weitere Informationen:
http://www.nature.com/srep/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Bedeutung von Biodiversität in Wäldern könnte mit Klimawandel zunehmen
17.11.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

nachricht Medizinische Innovationen für Afrika
02.11.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie