Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues zur Therapie der Panikstörung

14.05.2013
Ob jemand eine Panikstörung entwickelt, hängt auch von seinen Genen ab. Eines der Risiko-Gene verringert sogar den Erfolg der Psychotherapie.
Extreme Angstzustände, die einen plötzlich überfallen, dazu Atemnot und Herzrasen: Wer häufiger von solchen Attacken überwältigt wird, kann eine chronische Panikstörung entwickeln. Diese psychische Krankheit ist oft mit einer Angst vor großen, weiten Plätzen verbunden, der so genannten Agoraphobie.

An Panikstörungen leiden ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, Frauen häufiger als Männer. Viele Erkrankte verlassen irgendwann nicht mehr ihr Haus – aus Angst, beim Autofahren oder in anderen Situationen eine Attacke zu erleben. Behandeln lässt sich die Panikstörung mit einer Verhaltenstherapie: Dabei lernen die Patienten, besser mit ihrer Angst umzugehen.

Auswirkungen eines Risiko-Gens

„Die Panikstörung mit Platzangst ist eine Erkrankung mit einer starken genetischen Komponente“, erklärt Professor Andreas Reif von der Würzburger Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Zu den bislang bekannten Risikofaktoren gehört ein Gen, das die Bauanleitung für das Enzym Monoamino-Oxidase A (MAOA) enthält. Von diesem Gen gibt es eine Variante, die für eine erhöhte MAO-Aktivität sorgt – und genau das begünstigt die Krankheit.

In einer deutschlandweiten Multicenter-Studie mit 369 Panik-Patienten haben Wissenschaftler das Risiko-Gen jetzt genauer unter die Lupe genommen. Um das Ausmaß der Angst standardisiert zu messen, wurden die Patienten vor und nach der Therapie unter anderem mit einer „Panik-Box“ konfrontiert – einer dunklen, engen Kammer, die bei den Patienten Angstsymptome auslösen kann.

In dieser Situation empfanden Teilnehmer mit der Risiko-Variante des Gens mehr Angst als Panik-Patienten ohne die Risiko-Variante. Sie hatten auch deutlich höhere Herzschlagraten. Bei den Tests kam es zu insgesamt 34 Panikattacken; 33 davon betrafen die Patienten mit der Risiko-Variante.

Nachteilig für die Verhaltenstherapie

Das Risiko-Gen sorgt aber nicht nur für heftigere Angst-Symptome. Es vermindert auch den Erfolg der Verhaltenstherapie: Die Patienten mit der Risiko-Variante gewöhnten sich im Lauf der standardisierten Therapie weniger an die Angst-Situation, während die anderen Patienten besser damit umzugehen lernten.

Nach der Therapie beobachteten die Wissenschaftler weitere Unterschiede zwischen den Patienten mit und ohne die Risiko-Variante. Ein Unterschied betraf die Aktivierung in einer bestimmten Gehirnregion bei Angstsituationen. Daraus schließen sie, dass die Verhaltenstherapie bei den zwei Patientengruppen zu unterschiedlichen Gehirnaktivierungsmustern führt.

Weltweite Premiere gelungen

Das Fazit der Forscher: „Wir haben hier einen genetischen Risikofaktor für die Panikstörung mit Platzangst vorliegen, der sich auch auf die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie auswirkt“, sagt Professor Jürgen Deckert, Direktor der Würzburger Psychiatrischen Universitätsklinik. „Die Ergebnisse zeigen erstmals, dass genetische Informationen hilfreich sein können, um individuell zugeschnittene Psychotherapien anzubieten.“ Im Fall von Panik-Patienten zum Beispiel könne es möglicherweise hilfreich sein, den Trägern der Risiko-Genvariante längere Therapien anzubieten.

An der Multicenter-Studie waren aus Würzburg Wissenschaftler der Psychiatrischen Klinik und der Klinischen Psychologie beteiligt. Daneben arbeiteten Forscher der Universitäten Berlin, Marburg, Greifswald, Dresden, Münster und Bremen an der Untersuchung mit. Ihnen ist eine Premiere gelungen: „Es handelt sich um die weltweit erste kontrollierte Studie zum Effekt einer genetischen Variation auf die Wirksamkeit einer Psychotherapie“, sagt Professor Deckert. Als nächstes wollen die Forscher die Neurobiologie des Risiko-Gens noch weiter im Detail untersuchen.

MAOA and mechanisms of panic disorder revisited: from bench to molecular psychotherapy. Reif A, Richter J, Straube B, Höfler M, Lueken U, Gloster AT, Weber H, Domschke K, Fehm L, Ströhle A, Jansen A, Gerlach A, Pyka M, Reinhardt I, Konrad C, Wittmann A, Pfleiderer B, Alpers GW, Pauli P, Lang T, Arolt V, Wittchen HU, Hamm A, Kircher T, Deckert J., Molecular Psychiatry, 2013 Jan 15. doi: 10.1038/mp.2012.172

Kontakt

Prof. Dr. Andreas Reif, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Universität Würzburg, T (0931) 201-76402, reif_a@klinik.uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften