Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Energiespar-Label der EU auf dem Prüfstand

02.09.2009
Eine neue Version der bekannten Energie-Etikette soll die europäischen Verbraucher verstärkt zum Kauf Strom sparender Geräte motivieren.

Dieses Vorhaben könnte allerdings sein Ziel verfehlen, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Ökologie und Wirtschaft der Universität St.Gallen (IWÖ-HSG) zeigt.

Die Untersuchung von Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen und Stefanie Heinzle liefert kritische Einsichten für die laufende Debatte zwischen der Europäischen Kommission, Industrieverbänden, Verbraucherorganisationen und dem Europäischen Parlament über das künftige Energielabel. Die Ergebnisse sind auch für die Zukunft der Energie-Etikette in der Schweiz relevant.

Das Energie-Label soll Verbraucher über den Energieverbrauch von Haushaltsgeräten informieren. Die unabhängige, vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Forschungsstudie "Consumer survey on the new format of the European Energy Label for televisions" zeigt: Bei Elektrogeräten mit dem neuen Etikett spielt Energieeffizienz als Kaufkriterium eine weitaus kleinere Rolle für die Konsumenten als bei Geräten, die mit dem jetzt verwendeten Label ausgezeichnet sind. Dies steht im Gegensatz zu dem erklärten Ziel der Europäischen Union, Energieverbrauch und Emissionen nachhaltig zu senken.

Ein Opfer seines eigenen Erfolgs
Wie sein Schweizer Pendant drohte das EU Energielabel ein Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden - immer mehr Geräte drängen sich am oberen Ende der Skala, in einigen Sortimentsbereichen sind über 80 Prozent der angebotenen Produkte mit einem A-Label versehen. Um dieses Problem zu lösen, hatte die EU-Kommission einen Vorschlag des Europäischen Dachverbands der Haushaltgerätehersteller aufgegriffen, die bestehende Skala von A bis G um drei weitere Unterkategorien zu ergänzen. Am oberen Ende der Skala soll der Konsument statt A nun zwischen "A, A-20%, A-40%, A-60%", unterscheiden können, wobei A-60% energieeffizienter ist als das A-Rating.

Am 8. Mai 2009 wies eine Mehrheit des Europäischen Parlaments diesen Vorschlag für das Labelling von Fernsehgeräten zurück und regte an, eine Beibehaltung der bisher verwendeten A-G-Skala zu prüfen. Das Europäische Parlament hat die Kommission ersucht, bis 30. September 2009 einen überarbeiteten Vorschlag vorzulegen. Die Umsetzung des bisherigen Vorschlags für ein neues Energielabel-System für TV-Geräte würde laut der neuen Untersuchung des IWÖ-HSG nicht nur Unklarheiten bei den Konsumenten stiften, sondern auch den Herstellern und dem Detailhandel zum Nachteil gereichen.

Neues Label zu kompliziert
Die Ergebnisse leiten die HSG-Forscher aus insgesamt 2148 Beobachtungen ab, die in einer Befragung deutscher Konsumenten zum Kauf von Fernsehgeräten gewonnen wurden. Darin wurde die Hälfte der Befragten mit dem bestehenden Label (A bis G) konfrontiert. Die andere Hälfte erhielt einen Fragebogen, der auf die vorgeschlagenen neuen Kategorien (A-20%, A-40%, A-60%) verwies, ansonsten jedoch identisch war. Das Ergebnis: Bei Verwendung der neuen Kategorien (A-20%) verlor das Energielabel stark an Bedeutung bei der Kaufentscheidung (von 34 auf 24 Prozent) und die Teilnehmer orientierten sich stärker am Preis, dessen Bedeutung von 35 auf 44 Prozent stieg, als an der Energieeffizienz. Konkret betrachteten die Konsumenten z.B. den Unterschied zwischen A-40% und A-20% im neu vorgeschlagenen System als signifikant geringer als die Differenz zwischen A und B im alten System, obwohl dieser Unterschied de facto eine ähnliche Differenz im zugrunde liegenden Energieverbrauch widerspiegelt.

"Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass das Festhalten am etablierten, unkomplizierten und leicht verständlichen Format des A-G-Labels sinnvoll ist", sagt Prof. Rolf Wüstenhagen. Ein System von fein abgestuften Variationen der A-Kategorie würde die Verbraucher verwirren und den EU-Zielen von weniger Energieverbrauch entgegenwirken, fasst der HSG-Forscher die Ergebnisse der Befragung zusammen.

Zahlungsbereitschaft nimmt ab
Der Befragung zufolge sind Verbraucher bereit, für höhere Effizienz auch einen höheren Preis für Haushaltsgeräte zu entrichten: Bei der Verwendung des alten Labelsystems waren die Befragten bereit, 18 Prozent mehr für ein energieeffizientes Produkt (also ein Fernsehgerät der Kategorie A gegenüber einem mit dem B-Label) zu bezahlen, was einem Mehrpreis von 132 Euro entspricht, den der Kunde zu zahlen willens war. Die Teilnehmer in der Gruppe mit dem neuen System (A-20%) waren hingegen nur bereit, für ein energieeffizientes Produkt 4 Prozent, also 28 Euro, mehr zu bezahlen.
Nicht im Interesse der Industrie
Wie die Ergebnisse der Studie nahelegen, läge ein neues Labelsystem auch nicht im besten Interesse der Elektronikindustrie. Denn es würde dieser nicht gestatten, die erhöhte Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für klar erkennbare energieeffiziente Produkte abzuschöpfen. "Die neue Etikettierung könnte zur Vernichtung von Marktwert bei den TV-Herstellern und im Detailhandel führen", führt Prof. Wüstenhagen aus. Bei einem jährlichen Absatz von acht Millionen Fernsehgeräten und einer konservativen Einschätzung des Zahlungsbereitschaftsunterschieds zwischen den beiden Labelsystemen könnte die neue Etikettierung die Detailhändler um Einnahmen in der Höhe von mehreren hundert Millionen Euro bringen.

Laut dem Koordinator des Forschungsprojekts, Dr. Klaus Rennings vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, sollten die Innovationen im EU-Energielabel durch eine dynamische Anpassung der Kriterien zur Qualifikation für die besten Rankings und nicht durch die Erfindung neuer Kategorien berücksichtigt werden. "Damit bliebe die einfache Struktur für den Konsumenten unberührt. Sollte man sich dennoch zu einer Einführung der neuen Kategorien entschliessen, wäre eine sorgfältige Informationskampagne für die Kunden erforderlich", sagt Klaus Rennings.

Kontakt für Rückfragen:
Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen, Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG), Universität St.Gallen

E-Mail: rolf.wuestenhagen@unisg.ch, Mobil: +41 76 306 43 13

Medienkontakt:
Marius Hasenböhler/Annkathrin Heidenreich; Marketing and Communication;
email: marius.hasenboehler@unisg.ch/annkathrin.heidenreich@unisg.ch;
phone: +41 71 224 37 05/ +41 (0)71 224 37 11; mobile: +41 79 385 19 42.

Marius Hasenböhler | idw
Weitere Informationen:
http://goodenergies.iwoe.unisg.ch
http://www.unisg.ch/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise