Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Studie: Flexible Familien in einer flexiblen Arbeitswelt: Betriebe, Politik und Betreuungseinrichtungen sind gefordert

13.07.2009
Familienleben heute ist vielfältig. Oft lassen Familien die traditionelle Arbeitsteilung hinter sich, bei der Frauen die Rolle zugeschrieben wurde, ihren berufstätigen Männern fraglos "den Rücken freizuhalten."

Das bringt neue Freiheiten und Chancen, aber auch Belastungen: Denn gleichzeitig wandelt sich die Arbeitswelt rasant, Mütter und Väter haben zunehmend flexible Arbeitszeiten und mobile Arbeitsorte, die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit verschwimmen. Das Personalmanagement in den Betrieben und die öffentliche Infrastruktur hinken diesen Entwicklungen aber noch deutlich hinterher.

Die Folge: Eltern sparen nicht am Engagement für ihre Kinder. Doch oft sind die Alltagsstrategien, mit denen Familie und Beruf unter einen Hut gebracht werden sollen, alles andere als nachhaltige Modelle für gelungene Vereinbarkeit. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und der TU Chemnitz, die heute auf einer Fachtagung am DJI in München vorgestellt wird*.

Basis der Studie sind Intensivinterviews mit 76 berufstätigen Müttern und Vätern, darunter auch Alleinerziehenden sowie eine Sekundäranalyse quantitativer Daten. Die Befragten arbeiten im Einzelhandel sowie in der Film- und Fernsehproduktion in München beziehungsweise Leipzig. Die Forscherinnen und Forscher wählten diese Branchen, weil sie für Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen stehen, die in hohem Maße zeitliche und/oder räumliche Flexibilität verlangen. So sind z.B. während einer Filmproduktion lange Arbeitstage, häufig mit offenem Ende, Wochenend- und Nachtarbeit durchaus üblich. Und auch die im Einzelhandel verbreitete hochflexible Teilzeit-Erwerbstätigkeit entspricht nicht mehr der klassischen Halbtagsarbeit am Vormittag. "Solche Arbeitsbedingungen betreffen immer mehr Erwerbsverhältnisse auch in anderen Berufsfeldern", so der Arbeitsforscher Prof. Dr. G. Günter Voß von der TU Chemnitz.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten einen "bedenklichen Grad von Belastungen bei fast allen Befragten. Viele Eltern sind erschöpft, sie befinden sich am Rande der Überforderung", resümiert die Familienforscherin Dr. Karin Jurczyk, DJI. Das hängt auch damit zusammen, dass Arbeitgeber den Beschäftigten oft kaum Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung ihrer flexiblen Arbeitszeit einräumen: Kurzfristige Einsätze und stark schwankende Arbeitszeiten sind bei vielen Befragten üblich. Bei den "Kreativen" der Film- und Fernsehbranche sowie den Führungskräften im Handel kommen plötzlicher Termindruck, schlecht planbare Dienstreisen und ständige Erreichbarkeit per Mobiltelefon auch am Feierabend hinzu. Zudem sind Kinderbetreuungseinrichtungen häufig noch nicht auf die flexibel Erwerbstätigen eingestellt: Insbesondere am frühen Morgen, nach 17 Uhr und am Wochenende vermissen Eltern, die außerhalb der Standardzeiten arbeiten, bezahlbare und gute Betreuungsangebote für ihre Kinder.

Die Untersuchung zeigt, dass die Betroffenen sehr unterschiedlich mit den Problemen umgehen. Entscheidend sind dabei nicht allein Rahmenbedingungen wie beruflicher Status und Einkommen, sondern auch die persönlichen Fähigkeiten, flexibel auf Schwierigkeiten zu reagieren. Manche Familien erweisen sich als ausgesprochen einfallsreich in der Bewältigung der Anforderungen. Dazu zählt allerdings auch, das berufliche Engagement zu reduzieren, weil der Betrieb nicht auf die familiären Belange eingeht oder weil die Belastungen auf andere Weise nicht in den Griff zu kriegen sind. Die möglichen Folgen: Menschen mit einem überforderten Alltagsleben werden schnell zu überlasteten, unproduktiven und demotivierten Mitarbeitern; Eltern kehren zu einem "re-traditionalen" Geschlechterverhältnis zurück, obwohl sie es eigentlich anders gewollt hatten. D.h. die Erwerbsarbeit des Mannes steht im Mittelpunkt, die der Frau wird tendenziell zurückgefahren.

Die wissenschaftliche Nahaufnahme von "entgrenztem" Arbeits- und Familienleben kommt zu dem Resümee: "Auch wenn das Vereinbarkeitsmanagement und die Organisation der täglichen Betreuung und Versorgung letztlich klappen, bleibt die Gemeinsamkeit, die Lust am Familienleben zunehmend auf der Strecke", so Dr. Michaela Schier und Peggy Szymenderski, Mitarbeiterinnen des Forscherteams. Zuviel berufliche Mobilität erschwere ein gemeinsames Familienleben. Zeitlücken für die Familie müssten mühsam gesucht werden. Erschöpften Eltern fehle oft die Energie, sich wirklich aufeinander und auf ihre Kinder einzulassen. Vor allem die Selbstsorge komme zu kurz. Zunehmend erfahren auch aktive Väter Vereinbarkeitsprobleme.

Die gegenwärtige Vereinbarkeitspolitik nehme diese umfassenden Wandlungsprozesse nicht hinreichend zur Kenntnis, warnen Jurczyk und Voß. So würden flexible Arbeitszeiten allzu schnell als Lösung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgegeben. Hilfreich seien sie aber nur dann, wenn die Beschäftigten einen stärkeren Einfluss auf deren Ausgestaltung nehmen können. "Die beste Familienpolitik kann nicht gelingen, wenn sie nicht durch ausreichende, gute und passende Betreuungsmöglichkeiten und eine Politik guter Arbeit begleitet wird", erklären die Forscher und Forscherinnen. Dazu zählen neben besseren Partizipationsmöglichkeiten für alle Beschäftigten auch eine familienfreundlichere Karriere-Kultur: Beispielsweise sollten die "extensive Anwesenheitskultur" sowie die steigenden Mobilitätserwartungen in vielen Unternehmen kritisch hinterfragt werden. Es brauche ein gemeinsames Konzept und "konzertierte Aktionen" von Arbeitswelt und Familienpolitik, um Arbeiten und Leben in eine neue Balance zu bringen.

*Karin Jurczyk, Michaela Schier, Peggy Szymenderski, Andreas Lange, G. Günter Voß: Entgrenzte Arbeit - entgrenzte Familie. Edition Sigma Berlin, 2009

Andrea Macion | idw
Weitere Informationen:
http://www.dji.de/termine/entgrenzung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie